Reingelegt: Molche werden Opfer fleischfressender Pflanzen

Eigentlich hielt man Wirbeltiere eher für einen Gelegenheitssnack der Pflanzen. Nun scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Dienstag, 25. Juni 2019

Von Sandrine Ceurstemont
Diese Pflanzen fressen Salamander
Diese Pflanzen fressen Salamander
In einem Sumpf in der kanadischen Provinz Ontario haben fleischfressende Kannenpflanzen besonders ambitionierte kulinarische Vorlieben entwickelt.

Fleischfressende Pflanzen haben deutlich mehr Hunger auf Fleisch, als wir bislang dachten, und fangen sich regelmäßig kleine Schwanzlurche, wie eine Studie erstmals nachweisen konnte.

Schon zuvor hatten Forscher gelegentlich Wirbeltiere wie Ratten oder Frösche in den klebrigen Kiefern von Kannen- und Schlauchpflanzen erspäht. Aber sie nahmen an, es handele sich um „eine seltene Beute, die eher zufällig dort hineinfiel“, erzählt Kazuki Tagawa, ein Ökologe des japanischen Tottori College in Kurayoshi, der an der Studie nicht beteiligt war.

Gerade deshalb war Tagawa so überrascht von der Entdeckung, die kürzlich im Fachmagazin „Ecology“ veröffentlicht wurde.

Der Studienleiter Patrick Moldowan, ein Ökologe der kanadischen University of Toronto in Ontario, entdeckte die ungewöhnliche Vorliebe der Pflanzen im August 2018, als er in einem Sumpf im Algonquin Provincial Park unterwegs war.

„Gleich die erste Pflanze, neben der in mich hinkniete und hineinsah, hatte einen Schwanzlurch gefangen, der noch lebte und darin herumschwamm“, erzählt er.

(Selbstschutz: Pflanzen machen Raupen zu Kannibalen.)

Sein Interesse war geweckt, und so verbrachten er und seine Kollegen die folgenden anderthalb Monate damit, sich den Inhalt der Roten Schlauchpflanzen (Sarracenia purpurea) im Park anzusehen. In fast 20 Prozent der untersuchten Pflanzen fanden sie junge Flecken-Querzahnmolche. In vielen Fallen befand sich sogar mehr als nur ein Tier – insgesamt zählten die Forscher 35 Querzahnmolche.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Amphibien den Pflanzen einen großen Schub an Energie und Nährstoffen liefern. Die Sümpfe, in denen die fleischfressenden Pflanzen Leben, haben einen enorm sauren Boden und bieten ansonsten nicht besonders viele Nährstoffquellen. Diese neu entdeckte kulinarische Vorliebe könnte sich auch als potenzielles Problem für die Population von Flecken-Querzahnmolchen erweisen, die in den Sümpfen von Ontario ohnehin nur in geringer Zahl vorkommen.

Molchsaison

Für gewöhnlich locken die Pflanzen ihre Insektenbeute mit ihrem Nektar an. Die Insekten fallen dann in ein kleines Wasserreservoir am Boden der Schlauchpflanze, wo sie langsam verdaut werden.

Womöglich landeten die Molche in den Pflanzen, weil sie Schutz suchten oder von den Insekten angelockt wurden. „Ein falscher Schritt und sie enden dann selbst als Mahlzeit“, sagt Moldowan.

In jedem Fall sei es seltsam, dass das Verhalten vorher nie bemerkt wurde, da sowohl die Pflanzen als auch die Amphibien verbreitete Arten sind, wie er sagt.

Galerie: Fleischfressende Pflanze stiehlt Insekten von ihren Nachbarn

Womöglich lag das daran, dass vorherige Studien den Inhalt der Pflanzen zumeist im Frühling und Sommer untersucht haben, während die Querzahnmolche eher im Spätsommer und Frühherbst in den Pflanzen landen. In diesem Zeitraum durchlaufen sie ihre Metamorphose. Dann verlassen sie ihren Lebensraum im Wasser und werden zu Landbewohnern.

Wahrscheinlich spielt die Jahreszeit eine entscheidende Rolle beim Beutefang der Pflanzen. In Ontario kann die Kälte schon im September hereinbrechen. Große Beutetiere wie die Querzahnmolche wären dann ein enormer Vorteil für die Pflanzen, die die insektenarme Winterzeit überbrücken müssen.

„Im Vergleich zu wirbellosen Tieren, die diese Pflanzen ansonsten fangen könnten, liefern die Querzahnmolche ein Hunderttausendfaches an Nährstoffen – Dinge wie Stickstoff und Phosphor“, erklärt Moldowan.

Allerdings bergen die gefangenen Molche für die Pflanzen auch ein Risiko: So große Beute kann in der Falle verrotten, bevor sie zur Gänze verdaut ist, und die Pflanze damit unter Umständen abtöten.

Tagawa interessiert sich daher dafür, wie schnell und effizient die fleischfressenden Pflanzen einen Molch verdauen können, was bislang noch nicht untersucht wurde. Laut der Studie dauerte es zwischen 3 und 19 Tagen, bis der Molch in der Pflanze starb. Womöglich werden die Tiere in dem kleinen Wasserreservoir zu Tode gekocht, wenn er tagsüber in der Sonne erhitzt wird, spekuliert Moldowan.

Erweiterte Speisekarte

Es sei nicht auszuschließen, dass sich das Beuteschema der Pflanzen zusätzlich zur Wasserverschmutzung und dem Verlust des Lebensraums negativ auf die Molchpopulationen auswirken könnte, sagen die Autoren. Bisher scheint der Bestand der Amphibien jedoch nicht zu schrumpfen, und die Weltnaturschutzunion führt die Art weiterhin als „nicht gefährdet“ auf.

Galerie: Die Sinne der Pflanzen

Künftig möchte Moldowan erforschen, „ob diese großen Nährstoffschübe sich im Folgejahr positiv auf das Pflanzenwachstum auswirken“.

Außerdem will er herausfinden, ob die Pflanzen auch regelmäßig andere Wirbeltiere verspeisen. Bei seiner aktuellen Untersuchung hat er keine Frösche oder Kröten gefunden, womöglich, weil er nicht zur richtigen Jahreszeit nachgesehen hat.

„In diesem Jahr werden ich das gezielter untersuchen, indem ich die Proben über einen größeren Zeitraum verteilt nehme“, sagt Moldowan.

„Wahrscheinlich handelt es sich um ein viel verbreiteteres Phänomen, als wir derzeit annehmen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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