Löwenjagd auf Stachelschweine birgt Risiken für Menschen

Eine groß angelegte Studie offenbart die verhängnisvollen Konsequenzen missglückter Jagdversuche.Dienstag, 9. Juli 2019

Einem Löwen im südafrikanischen Kgalagadi Transfrontier Park stecken Stachelschweinstacheln im Gesicht und Hals.
Einem Löwen im südafrikanischen Kgalagadi Transfrontier Park stecken Stachelschweinstacheln im Gesicht und Hals.
bild Tony Heald, Minden Pictures

Im Jahr 1965 wurde der „Menschenfresser von Darajani“ berühmt, nachdem ein Artikel im Magazin „Outdoor Life“ von dem Angriff des Löwen auf einen kenianischen Jäger berichtet hatte. Allerdings war das damals nicht der einzige solche Fall: Eine anhaltende Dürre sorgte für Beuteknappheit bei den Löwen der Region, die in ihrer Verzweiflung andere Opfer suchten. Allerdings gab es beim Löwen von Darajani eine kleine Besonderheit. Nachdem er erlegt worden war, entdeckte man, dass ihm ein Stachel eines Stachelschweins in der Schnauze steckte.

Im Rahmen einer aktuellen Recherche untersuchte der Forscher Julian Kerbis Peterhans von der Chicagoer Roosevelt University die Überreste des Löwen. Dabei fand er heraus, dass der Stachel mehr als 15 Zentimeter tief in die Schnauze eingedrungen war und beinahe das Hirn durchbohrt hätte. Der Stachel sei mit großer Sicherheit der Grund dafür, dass der Löwe zu einem „Menschenfresser“ wurde, sagt Kerbis Peterhans. Mit dem Stachel in der Schnauze konnte er nicht richtig jagen, verlor immer mehr an Gewicht und versuchte irgendwann aus Verzweiflung, Menschen zu erlegen, so seine Theorie.

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Das ist aber nur eine der Schlussfolgerungen aus der ersten groß angelegten Studie zu Interaktionen zwischen Löwen und Stachelschweinen. Die wissenschaftliche Arbeit aus der Feder von Kerbis Peterhans und seinen Kollegen erschien im „Journal of East African Natural History“. Allem Anschein nach machen Löwen für gewöhnlich lieber einen Bogen um Stachelschweine – es sei denn, ein Mangel an Beute lässt ihnen keine andere Wahl, als sich den stacheligen Tieren zuzuwenden. Allerdings können Begegnungen mit Stachelschweinen für die Löwen mit dem Tod oder mit schweren Verletzungen enden. Letzteres kann wiederum dazu führen, dass sich Löwen leichtere Beute wie Vieh, Pferde oder Menschen suchen.

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Dazu kommt es vor allem in Dürrejahren wie 1965, als Kenia ein ungewöhnlich trockenes Jahr erlebte. Das Team untersuchte auch einen anderen Löwen, der in jenem Jahr erlegt wurde und mindestens einen Menschen getötet hatte. Auch dieses Tier hatte sich zuvor mit einem Stachelschwein angelegt – einer der Stachel steckte ihm noch in einem gebrochenen Zahn.

Der „Menschenfresser von Darajani” war ein Löwe, der 1965 einen kenianischen Jäger getötet hatte. Der Stachel eines Stachelschweins steckt ihm gut sichtbar in der Schnauze.
Der „Menschenfresser von Darajani” war ein Löwe, der 1965 einen kenianischen Jäger getötet hatte. Der Stachel eines Stachelschweins steckt ihm gut sichtbar in der Schnauze.
bild John Perrott

„Stachelschweine zählen mit Sicherheit nicht zu ihrer bevorzugten Beute“, sagt Kerbis Peterhans. Er findet es nur logisch, dass ein verletzter Löwe sich an einem Menschen versuchen würde. „Menschen sind langsam.“

Diese Erkenntnisse sind auch für den Schutz der Löwen wichtig, wie er anmerkt. Für mobile Tierärzte sei es nach dieser Studie nun umso wichtiger, Löwen zu behandeln, die sichtbare Verletzungen durch Stachelschweinstacheln aufweisen. Außerdem verdeutlicht die Arbeit die Bedeutung von Stachelschweinen als Todesursache – ein Faktor, der in Zukunft noch an Signifikanz gewinnen kann, wenn es häufiger zu schweren Dürren kommt.

Gejagt und getötet

Fast 70 Jahren vor den Angriffen des Löwen von Darajani versetzte ein deutlich berühmteres Löwenduo die Menschen der Region Tsavo in Angst und Schrecken. Binnen kurzer Zeit fraßen sie angeblich mehr als 100 Menschen. Die beiden Großkatzen, die in einem erfolgreichen Buch und dem Film „Der Geist und die Dunkelheit“ verewigt wurden, hatten Kerbis Peterhans zufolge ebenfalls Bruchstücke von Stachelschweinstacheln in ihren Zähnen stecken. Im Jahr 1898, als ihre Angriffe auf Menschen erfolgten, herrschte ebenfalls Dürre. Obwohl die Verletzungen durch die Stacheln in diesem Fall wohl nicht der Grund dafür waren, dass die Löwen Menschen angriffen, deuten sie doch darauf hin, dass die Tiere verzweifelter als sonst waren.

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Insgesamt wertete die Studie zahlreiche Interaktionen zwischen Löwen und Stachelschweinen aus. Sie beschreibt mehr als 40 Fälle, in denen Löwen von den Stacheln der Tiere ernsthaft verletzt wurden. In weiteren zehn Fällen endete ihre Begegnung direkt tödlich. Das kann vorkommen, wenn die Stacheln das Herz oder wichtige Arterien perforieren, sagt Kerbis Peterhans.

Besonders in trockenen Regionen, wo es ohnehin weniger Beute gibt, neigen Löwen öfter dazu, Jagd auf Stachelschweine zu machen. An Orten mit wenig Niederschlag machen Stachelschweine im Schnitt 28 Prozent ihrer Beute aus. In feuchteren Regionen sind es der Studie zufolge weniger als 4 Prozent.

Wehrhafte Beute: Leopard und Stachelschwein
Wehrhafte Beute: Leopard und Stachelschwein

Jung, leichtsinnig, männlich

Generell machen junge Männchen öfter Jagd auf Stachelschweine als anderen Löwen. Gerade junge Einzelgänger laufen dabei häufiger Gefahr, sich ernsthaft zu verletzen. Da sie kein Teil eines Rudels sind, haben sie auch niemanden, der ihnen bei der gegenseitigen Fellpflege die Stacheln herausziehen könnte.

Diese jungen Männchen wurden zumeist gerade erst von ihren Eltern aus dem Rudel verstoßen und lernen noch, allein zu jagen. „Es ist schwierig, wenn man ein junges Tier ist und nicht mehr von seinen Eltern versorgt wird“, sagt Laurence Frank, ein Löwenexperte des Museums für Wirbeltierzoologie an der University of California, Berkeley. Ihm zufolge sollten die Interaktionen zwischen diesen beiden Tierarten genauer erforscht werden, „weil sie ein häufiger Grund für schwere Verletzungen oder gar Todesfälle sind, insbesondere bei jungen Löwenmännchen“.

James Stevenson-Hamilton, der als Wildhüter des südafrikanischen Sabi Game Reserve gearbeitet hat –  mittlerweile als Kruger-Nationalpark bekannt –, beobachtete dasselbe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Er bemerkte, dass alte Männchen selten von solchen Stacheln verletzt werden. Im Gegensatz dazu „passiert das bei einem guten Prozentsatz von Tieren, die noch jung oder in ihren besten Jahren sind“, schrieb er einst. „Es scheint aber nur in Ausnahmefällen vorzukommen, dass auch Weibchen einen solchen Leichtsinn begehen.“

Oft versuchen sich besonders junge und männliche Löwen an der Jagd auf Stachelschweine, so wie dieses Exemplar in der Masai Mara in Kenia
Oft versuchen sich besonders junge und männliche Löwen an der Jagd auf Stachelschweine, so wie dieses Exemplar in der Masai Mara in Kenia
bild Michel and Christine Denis-Huot, Minden Pictures

Stachelschwein-Verteidigung

In Afrika heimische Gewöhnliche Stachelschweine haben bis zu 30 Zentimeter lange Stacheln, die nicht nur ihrer passiven Verteidigung dienen. Die Tiere setzen ihre Waffen auch aktiv ein, indem sie während einer Verfolgungsjagd beispielsweise plötzlich stehen bleiben, um den Verfolger aufzuspießen, oder rückwärts auf ihn zuspringen.

Der Forscher Craig Packer von der University of Minnesota hat selbst schon gesehen, wie aggressiv Stachelschweine ihre Stacheln einsetzen können.

„Ich habe mehrmals beobachtet, wie Stachelschweine auf eine Gruppe ruhender Löwen zugehen, sich dann um 180° drehen, ihre Stacheln aufstehen und rückwärtslaufen. Sie bringen die ganze Gruppe dazu, ihnen aus dem Weg zu gehen, während sie ihren eigenen Weg einfach fortsetzen“, beschreibt Packer die Szenen. „Die ausgewachsenen Tiere halten sich fern, aber einige der halbwüchsigen haben sich vorsichtig genähert und [das Stachelschwein] mit der Pfote berührt. Die haben ganz schnell gelernt, dass es eine schlechte Idee ist, nach den Stacheln zu tatzen.“

Löwen können bei der Jagd auf Stachelschweine auch erfolgreich sein, wie dieses Foto beweist, das im Okavangodelta in Botswana aufgenommen wurde.
Löwen können bei der Jagd auf Stachelschweine auch erfolgreich sein, wie dieses Foto beweist, das im Okavangodelta in Botswana aufgenommen wurde.
bild Roy Toft, Nat Geo Image Collection

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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