Vogel Strauß: Das falsche Klischee vom dämlichen Federvieh

Kopf im Sand und Sand im Kopf? Keinesfalls! Der Strauß ist ein Überlebenskünstler inmitten gefräßiger Feinde.

Tuesday, September 1, 2020,
Von Richard Conniff
Strauße sind nicht dumm

Ein Straußenmännchen überblickt die Küste nahe des Kaps der Guten Hoffnung. Mit einer Höhe von bis zu 2,75 Metern und 135 Kilo Gewicht macht der gößte Vogel der Erde einen unbeholfenen, komischen Eindruck. Für seine Feinde ist er jedoch keine leichte Beute.

Bild Klaus Nigge

Der Vogel Strauß spielt in unseren Klischeevorstellungen die Rolle des ultimativ dämlichen Tiers. Selbst die Bibel sagt, Strauße seien dumm, schlechte Eltern obendrein. Der sprichwörtliche Kopf im Sand beruht auf einer fast 2000 Jahre alten Überlieferung von Plinius dem Älteren, der uns manchmal Lügengeschichten auftischt. Überlegen wir mal: Strauße haben lange, knochige Beine, der Rumpf treibt wie eine Wolke aus Fleisch und Federn in der Luft, der Hals gleicht einem Periskop, und oben sitzt ein keilförmiger Kopf mit Augen, die größer sind als die eines Elefanten. Er kann eine Höhe von 2,75 Meter erreichen – nicht ideal, um den Kopf in den Sand zu stecken. Richtig ist: Strauße halten den Kopf häufig dicht über den Erdboden, um Pflanzen zu fressen oder ihre Nester zu versorgen. Ihr Hals mit seinen 17 Wirbeln – bei uns sind es nur sieben – ist leicht und biegsam: Er lässt sich problemlos auf und ab, nach rechts und links sowie von vorne nach hinten bewegen. Die riesigen Augen sind hilfreich, um die Umgebung im Blick zu behalten.

Ausgewachsene Strauße sind keine leichte Beute

Die Vögel haben guten Grund, wachsam zu sein. Strauße sind eigentlich überdimensionierte Hühner, die ihren Lebensraum mit hungrigen Löwen, Leoparden, Hyänen, afrikanischen Wildhunden und Geparden teilen. Ausgewachsene Strauße stellen keine leichte Beute dar – ein Fußtritt kann Knochen brechen, und mit der größeren ihrer beiden Klauen können sie einem Feind die Innereien herausreißen. Noch besser sind sie im Wegrennen: Ihre Fluchtgeschwindigkeit liegt in der Spitze bei fast 70 Stundenkilometern. Und noch etwas lässt sie auf der Hut sein: Ihr Nachwuchs schwebt in steter Gefahr.

Galerie: Regenbogenpracht: Die Federkleider der Vögel

Straußennester sind einfache, freigeräumte Bodenflächen im offenen Gelände. Elefanten können die Eier versehentlich zertrümmern, ganz zu schweigen von hungrigen Raubtieren. Der auffällige größte Vogel der Welt muss dafür sorgen, dass sein Nest nicht entdeckt wird – oder er muss es verteidigen, und zwar über zwei Monate lang, von der Eiablage bis zum Schlüpfen der Jungen. Scheitern ist vorprogrammiert. Das veranlasst Strauße zu ihrem genialen kollektiven Nistverhalten.

Wer Strauße sehen will, ist im Tarangire National Park im Norden Tansanias am richtigen Ort. Er umfasst 2850 Quadratkilometer trockener Hügel und grasiger Ebenen entlang des Tarangire River. Große Elefantenherden ziehen hier neben Tausenden von Zebras und Gnus herum. Es gibt zahlreiche Strauße. Als ich jedoch mit Flora John Magige von der Universität Daressalam, einer Expertin für das Verhalten der großen Vögel, nach Nestern suche, stoßen wir auf eine Szene der Verwüstung. Im Busch sind neun Eier über etwa 25 Meter verstreut.

Magige begutachtet das Gelände wie einen Tatort. Sie deutet auf schwache Kratzer im Staub: Dort lag das Nest. Wahrscheinlich war die Zerstörung das Werk eines hungrigen Raubtiers. Groß kann es nicht gewesen sein, da alle Eier unversehrt sind. Vielleicht ein Schakal? Jedenfalls ist das Straußenpaar weitergezogen, wie sie es oft tun, wenn ein Nest gestört wird. Vielleicht bauen sie gemeinsam ein neues. Strauße sind während der Paarungssaison allerdings gnadenlos promiskuitiv: Sowohl Männchen als auch Weibchen suchen Verbindungen mit mehreren Partnern. Aus evolutionärer Sicht ist es sinnvoll, mehrere Eisen im Feuer zu haben: So gelangt vielfältige DNA in möglichst viele Nester und gleicht die Tatsache aus, dass die meisten Nester zerstört werden. (…).

Das Weibchen legt seine Eier auf den Erdboden. Manchmal legen andere Weibchen Eier daneben – eine Strategie, die als gemeinschaftliches Nisten bezeichnet wird. Bewacht und ausgebrütet werden die Eier jedoch nur von der ersten Henne und ihrem Partner.

Bild Klaus Nigge

Überraschendes Verhalten bei der Eiablage

Wir hatten die Straußengruppe in der Hoffnung verfolgt, sie würde uns zu einem Nest führen. Ein Straußennest ist schwer auszumachen, selbst wenn man weiß, wo es liegt. Das Männchen hält meist nachts mit erhobenem Kopf Wache. Tagsüber übernimmt das Weibchen. Lässt es die Schwanzfedern und den langen Hals sinken, dann fällt es nicht mehr auf als ein alter Termitenhügel oder ein Baumstumpf. Manchmal findet man ein Nest am einfachsten, wenn man abwartet, bis ein anderer Strauß zu Besuch kommt – was recht oft geschieht. Eines Nachmittags bezogen wir Position auf einer weiten, offenen Ebene, einem viel frequentierten Straußenrevier, wie sich herausstellte. Vor uns saß ein Weibchen auf seinem Nest. Das zugehörige Männchen weidete einige Hundert Meter entfernt; es wirkte nicht sehr aufmerksam. Als aber in weiter Entfernung ein anderes Männchen auftauchte, schritt es entschlossen auf ihn zu und rannte dann los.

Wie bei Menschen können Promiskuität und Besitzanspruch durchaus Hand in Hand gehen: Das Männchen will sich das Monopol auf die Partnerin bewahren, also muss es den Konkurrenten vertreiben. Wie das Nistpaar auf weiblichen Besuch reagierte, war überraschender. In der Evolution anderer Arten entstanden raffinierte Abwehrmechanismen gegen „Brutparasiten“, also gegen Vögel, die sich vor der mühseligen Brutpflege drücken und ihre Eier in die Nester anderer legen.

Strauße sind anders. Nähert sich ein fremdes Weibchen, steht das nistende Weibchen oftmals auf und tritt zur Seite, sodass die Besucherin ihre Eier neben den eigenen ablegen kann. Manchen Studien zufolge ist dasnistende Weibchen in der Regel die biologische Mutter von nur ungefähr der Hälfte der 19 oder 20 Eier, die sie erfolgreich ausbrüten kann; den Rest tragen untergeordnete Weibchen bei. Es handelt sich um kollektives Nistverhalten. Wie die Promiskuität ist es für Strauße ein Mittel, um in einer gefährlichen Welt den Fortpflanzungserfolg zu sichern.

Nach Ansicht des Biologen Brian Bertram, der 1979 erstmals das gemeinsame Nisten detailliert beschrieb, hat das Weibchen womöglich keine andere Wahl. Würde es sich gegen eine Besucherin zur Wehr setzen, könnte es zu Konflikten kommen, die Löwen und andere Raubtiere anlocken würden. Die Eier – überwiegend die eigenen – könnten zerbrechen. Außerdem steht die Besucherin meist, während das ansässige Weibchen sitzt. Nach Bertrams Beobachtungen bleibt es auch gern sitzen. Eine Besucherin konnte ihr 20 Minuten lang „recht sanft“, aber hartnäckig von oben auf den Kopf picken, bis der nistende Vogel schließlich der Sache überdrüssig wurde, aufstand und zur Seite trat. Das gemeinsame Nisten verschafft dem Paar laut Bertram einige Vorteile.

Das Männchen, das in der Nachbarschaft herumflirtet, ist am Ende wahrscheinlich der Vater von einem Drittel der Eier, die die Weibchen aus der Umgebung ins Nest legen. Für das nistende Weibchen mindern die zusätzlichen Eier im Nest das Risiko. Wie es den Unterschied erkennt, weiß man nicht, aber es legt die eigenen Eier stets in die Mitte des Nestes und arrangiert die anderen zum „verfluchten äußeren Ring“, wie Bertram es nennt. Sind nach dem Schlüpfen mehr Junge vorhanden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der eigene Nachwuchs zu denjenigen gehört, die von einem Räuber geholt werden.

Neben ihrer Größe fällt mir an den Straußen vor allem eines auf: Selbst wenn sie stillstehen, scheinen sie in ständiger Bewegung zu sein, vor allem die Weibchen. Ihre gelbbraune Färbung hebt das Wogen der Federn besonders gut hervor. Das schwarz-weiße Gefieder des Männchens kann eher einem steifen Smoking gleichen. Beide Geschlechter besitzen ungewöhnlich lange und üppige Federn, vor allem an Schwanz und Flügeln. Ihnen fehlen die winzigen Häkchen, die bei den meisten anderen Vögeln die Federn zusammenhalten, daher ihr faszinierendes Wippen in jedem Luftzug. Die Besonderheit hat eine Funktion: Der Strauß kann die Federn spreizen und so Körperwärme abgeben – oder sie zusammenziehen und Wärme einschließen. Die Fluffigkeit der Federn hat aber auch die Aufmerksamkeit der Modeindustrie erregt. (…)

Drei Straußenweibchen (braunes Gefieder), drei Männchen (schwarzes Gefieder) und 42 Jungvögel halten im Tarangire National Park in Tansania Ausschau nach Schakalen und anderen Raubtieren. Wenn die Jungen in einem Gemeinschaftsnest geschlüpft sind, bleiben sie ein bis zwei Jahre zusammen.

Bild Klaus Nigge

Gute Eltern statt dumme Tiere

Die weitverbreiteten Ansichten über Strauße entsprechen dem Buch Hiob 39,16–17. Dort heißt es, dem Straußenweibchen sei „die Weisheit versagt“, das Wohl der eigenen Nachkommen sei ihr sogar gleichgültig. (…) Eines Morgens sehe ich an der Südspitze Afrikas im De Hoop Nature Reserve einem Straußenpaar zu. Die beiden beobachten mich auch, entspannen sich aber nach einiger Zeit. Wie aufs Stichwort kommen neun kleine Strauße aus ihrem Versteck, ein bis zwei Wochen alt. Sie sehen aus wie Dodos mit ihrem gelbbraunen, gefleckten Hals und kurzen, borstigen Daunen am Körper. Sie beginnen zu grasen, ihre Eltern folgen ihnen auf dem Fuße. Wenig später nähert sich ein Paviantrio. Das Straußenmännchen blickt finster, läuft los und drängt sie ab. Die Paviane kehren immer wieder zurück, jedes Mal versperrt das Männchen ihnen den Weg. Dann betritt ein ganzer Paviantrupp die Lichtung.

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Im ländlichen Illinois in den USA wurde ein Kardinal beobachtet, der an einem Gartenteich Goldfische zu füttern schien. Bis zu sechs Mal pro Tag stopfte er dort die hungrigen Fischmäuler. Vermutlich wurde er von seinen Instinkten in die Irre geführt …

Die Jungvögel drängen sich nervös aneinander, während jetzt beide erwachsene Strauße die Eindringlinge fixieren. Die Paviane sind klug genug, weiterzuziehen. Sie sehen in die andere Richtung, ganz so, als wäre Straußensteak das Letzte, worauf sie Lust hätten. Die Paviane sind kaum abgezogen, da beginnt es zu regnen – ein peitschender, von der Seite kommender Platzregen. Männchen und Weibchen setzen sich schnell zu Boden und heben die Flügel, unter denen sich die Jungen eilig verkriechen.

Unter Papis linkem Flügel sitzen so viele, dass sie aussehen wie Ferkel an der Muttersau. Dann werden die Flügel gesenkt, und die Kleinen sind verschwunden, perfekt geschützt vor den eisigen Tropfen. Als der Wolkenbruch schließlich vorüber ist, streckt eines der Küken den Kopf zwischen den Flügelfedern hindurch und sieht sich um, wobei ihm der Vater buchstäblich als Regenumhang dient. Es ist das genaue Gegenteil vom Kopf-in-den-Sand-Stecken. Als das Wetter wieder erträglich ist, krabbelt das Kleine, immer noch trocken und warm, in die Welt hinaus.

Kann man das Verhalten als Intelligenz bezeichnen? Vielleicht nicht. Aber es lässt zumindest auf eine gewisse Überlebensklugheit schließen. Als ich weggehe, denke ich: Wenn wir nur alle so gute Eltern wären!

Aus dem Englischen von Dr. Sebastian Vogel

Der Autor Richard Conniff hat Bücher über wilde Tiere geschrieben, u. a. „Swimming with Piranhas at Feeding Time“. Klaus Nigge ist studierter Biologe und arbeitet heute als Tierfotograf.

NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin, September 2020

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Der Artikel wurde in voller Länge in der September 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Lesen Sie den ganzen Artikel in der aktuellen Ausgabe. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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