Die besten Wildtierfotos 2020

Ein hoffnungsvolles Bild eines Sibirischen Tigers in Russlands Osten brachte dem russischen Fotografen Sergej Gorschkow die Auszeichnung zum Wildfotografen des Jahres ein.

Veröffentlicht am 15. Okt. 2020, 17:01 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ

Ein Sibirischer Tiger, der in Licht und Schatten getaucht ist, steht auf seinen Hinterbeinen und umarmt einen uralten Baum. Die Augen des Weibchens sind geschlossen, ihr Maul zu einem scheinbar glückseligen Lächeln verzogen, ihre Wange gegen die Rinde gedrückt. Es ist ein Moment reiner Schönheit: Sibirische Tiger sind stark gefährdet – aber dieses Tier genießt einen Moment der Ruhe und des Friedens.

Für seine Fotografie dieses seltenen, flüchtigen Moments hat der russische Fotograf Sergej Gorschkow die prestigeträchtige Auszeichnung zum „Wildlife Photographer of the Year“ gewonnen, die vom Londoner Natural History Museum verliehen wurde.

„Es ist eine einmalige Szene. Ein einzigartiger Blick auf einen intimen Moment tief in einem magischen Wald“, sagte Rosamund Kidman Cox, Vorsitzende der Jury, in einer Pressemitteilung. Das Foto eines stark gefährdeten Tieres, das einen ruhigen Moment erlebt, „gibt uns Hoffnung“, sagte Tom Littlewood, der wissenschaftliche Direktor des Museums. „Durch die einzigartige emotionale Wirkung der Fotografie werden wir an die Schönheit der Natur und unsere gemeinsame Verantwortung für ihren Schutz erinnert.“

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Als Gorschkow loszog, um einen Sibirischen Tiger mit einer ferngesteuerten Kamerafalle in seiner natürlichen Umgebung zu fotografieren, wusste er, dass seine Chance auf so eine Aufnahme unglaublich gering war, sagte er den Preisrichtern des Wettbewerbs. Vermutlich gibt es nur noch wenige hundert Sibirische Tiger in freier Wildbahn, die ein Streifgebiet von 230 bis 1.900 Quadratkilometer haben können. Um herauszufinden, wo er seine Kamerafalle aufstellen sollte, durchsuchte Gorschkow den Leopardenland-Nationalpark im russischen Osten nach Spuren von Tigern. Er untersuchte Bäume auf Duftmarkierungen, Tigerhaare, Urin oder Kratzspuren. Als er glaubte, einen guten Platz gefunden zu haben, stellte er seine Kamerafalle gegenüber einer alten Mandschurischen Tanne auf. Es dauerte elf Monate, bis er dieses Foto aufgenommen hatte.

Der Wettbewerb, der in seinem 56. Jahr stattfindet, umfasst 17 Kategorien der Tierfotografie, darunter Tierverhalten, Fotojournalismus und Porträtfotografie. In diesem Jahr gingen 49.000 Beiträge von Fotografen aus der ganzen Welt ein. Die Jury bewertete nach innovativen Ansätzen sowie erzählerischen und technischen Fähigkeiten.

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Die dreizehnjährige Finnin Liina Heikkinen wurde für ihre Aufnahme eines jungen Fuchses ausgezeichnet, der eine Gans verschlingt. Das Foto nahm sie auf der Insel Lehtisaari in einem Vorort von Helsinki auf und wurde dafür zum Young Wildlife Photographer oft he Year gekürt.

Die National Geographic-Fotografin Kirsten Luce gewann den Preis in der Kategorie für Fotojournalismus-Einzelbilder. Sie reichte ein Foto eines Eisbären ein, der in einem russischen Wanderzirkus auftritt. In den 17 Kategorien waren Luce und Heikkinen die einzigen weiblichen Gewinner.

Hinter den Kulissen

Luce hat das Bild des Eisbären aufgenommen, als sie im Rahmen einer globalen Recherche zu Wildtiertourismus unterwegs war. 2019 berichteten wir gemeinsam für National Geographic unter anderem über Wildtiere, die sich in Russland in menschlicher Obhut befinden. Als wir von dem Eisbären-Wanderzirkus erfuhren, „änderten wir spontan unsere Berichterstattungspläne und schoben eine 36-stündige Reise nach Kasan [im Südwesten Russlands] dazwischen, weil wir die weltweit einzigen bekannten Zirkus-Eisbären sehen wollten“, sagt Luce.

Am 3. November 2018 sahen wir vier Eisbären mit Maulkörben bei einer Zirkusperformance dabei zu, wie ihre Trainer sie mit Metallstäben dirigierten. Sie fingen Basketbälle, gaben vor, auf den Hinterbeinen Musikinstrumente zu spielen, und tanzten in der Manege. Zwischen den Tricks rollten sie sich auf dem Eis herum, kratzten daran und leckten es auf.

Für diese Aufnahme musste man zwar nicht erst mühsam Kamerafallen aufstellen oder monatelang auf den richtigen Moment warten, aber sie hatte ihre ganz eigenen Tücken.  

„Meine Herausforderungen für diese Aufnahme waren wahrscheinlich ganz anders als bei anderen Tierfotografen, weil ich in einem Zirkus saß“, sagt Luce. Wir hatten für die Karten bezahlt wie jeder andere Zuschauer auch, und die Mobilität war eingeschränkt. „Ich musste einfach das Beste daraus machen, mit einem langen Objektiv durch ein blaues Sicherheitsnetz und von meinem Platz aus zu fotografieren“, sagt sie.

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„Ich wusste, dass dieses Bild unsere Leser schockieren und überraschen würde, weil Eisbären so oft als Symbol für den Naturschutz verwendet werden“, sagt Luce. Zwei weitere Bilder aus Luces Berichterstattung wurden ebenfalls zu Finalisten in derselben Kategorie ernannt: Elefanten, die mit Touristen an einem thailändischen Strand posieren, und Belugawale, die in einem Wanderzirkus in Russland auftreten.

Der Fotograf Paul Hilton gewann mit seiner Arbeit über die Ausbeutung von Wildtieren. Sein Projekt über den weltweiten Handel mit Wildtieren, darunter ein Foto eines angeketteten Affen auf einem Vogelmarkt auf Bali, wurde ebenfalls ausgezeichnet.

„Mit der zunehmenden Verbreitung dieser Bilder in sozialen Medien und im Internet stellen wir in den Köpfen der Menschen ein gesteigertes Bewusstsein fest“, sagt Luce. Diese Fotos machen es schwieriger, das Leiden wilder Tiere für den menschlichen Nutzen zu ignorieren.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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