Seltsamer Speiseplan: Ameisen im Magen von Seeanemonen geben Rätsel auf

Neue Forschungsergebnisse zeigen, wie wenig wir über die Ernährungsgewohnheiten mancher Meeresbewohner wissen – und auf welch unerwartete Weise die Nahrungsketten an Land und unter Wasser miteinander verwoben sind.

Veröffentlicht am 8. Juli 2021, 08:49 MESZ
Als der Forscher Christopher Wells feststellte, dass Gefiederte Anemonen sich von Ameisen ernähren, war er sehr ...

Als der Forscher Christopher Wells feststellte, dass Gefiederte Anemonen sich von Ameisen ernähren, war er sehr überrascht. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“

Bild Gina Kelly / Alamy Stock Photo

Unter Wasser, vor der Küste des Pazifischen Nordwestens, bietet sich ein faszinierender Anblick: Ganze Wälder geisterhaft weißer, fleischfressender Puschel wiegen sich mit der Strömung hin und her. Der Name dieser Lebewesen: Gefiederte Anemone. Die größten Exemplare unter ihnen erreichen eine Höhe von fast einem Meter.

Obwohl Gefiederte Anemonen (Metridium giganteum oder auch Metridium farcimen) groß, weitverbreitet und leicht zu beobachten sind, weil sie ihren Lebensraum geradezu dominieren, ist das Wissen über sie noch lückenhaft. Zum Beispiel in Bezug auf ihre Ernährung.

Neben vielen langen, dicken Tentakeln, mit denen sie ihre Beute fangen und bändigen, verfügt die Gefiederte Anemone zusätzlich über engstehende, kleine Fühler. Diese sind „ein Hinweis darauf, dass sie auch sehr kleine Beute fressen“, sagt Christopher Wells, Meeresökologe an der University of Buffalo im amerikanischen Bundesstaat New York. Um herauszufinden, was genau auf dem Speiseplan der Gefiederten Anemone steht, muss der Nahrungsbrei in ihrem Verdauungstrakt untersucht werden.

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Wells analysierte den Mageninhalt von 16 individuellen Gefiederten Anemonen aus Friday Harbour im US-Bundesstaat Washington. Doch er untersuchte die Proben nicht unter dem Mikroskop. Stattdessen wendete er eine Methode mit dem Namen DNA-Barcoding an. In diesem Verfahren werden Teile der DNA einer Probe isoliert und mit einer Datenbank abgeglichen, die die Genome bekannter Arten beinhaltet.

Die Ergebnisse der Analyse sorgten bei Wells für Erstaunen. In der Probe fand sich nicht nur die zu erwartende DNA von Ruderfußkrebsen, Rankenfußkrebsen und Krabbenlarven, sondern auch Spuren der DNA von Landinsekten, darunter drei Fliegen, eine Biene und ein Käfer. Am ungewöhnlichsten war jedoch die Übereinstimmung mit der DNA einer Ameisenart mit dem Namen Lasius pallitarsis: Sie machte bis zu 98 Prozent der Insekten-DNA aus, die im Verdauungstrakt der untersuchten Anemonen gefunden wurde.

„Das war eine große Überraschung“, erinnert sich Wells, leitender Autor einer Studie, die den ersten Einsatz von DNA-Barcoding an dem Mageninhalt von Seeanemonen in der Zeitschrift „Environmental DNA“ ankündigte. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“

Wie kommt die Ameise in die Seeanemone?

Die Gefiederte Anemone ist entlang der amerikanischen Westküste von Alaska bis Kalifornien verbreitet, aber auch in Russland gibt es Vorkommen. Die Größe ihrer Beutetiere reicht von Kleinstlebewesen, die nur aus ein paar Zellen bestehen, bis hin zu eben ameisengroßen Tieren. Andere Arten nutzen ihre langen Tentakel, um Beute zu fangen und sie ihrem Maul zuzuführen, doch diese Seeanemonen filtern ihre Nahrung aus dem Wasser und leiten sie mithilfe von Pumpbewegungen in ihren Magen.

Bei dem größten Teil der Organismen, deren DNA im Rahmen der Studie identifiziert wurde, handelt es sich um Tiere, die im Wasser zu Hause sind - also Tiere, die man durchaus auf dem Speiseplan der Gefiederten Anemone erwarten würde. Rätselhaft ist hingegen, wie die Ameisen im Magen des Unterwasserjägers enden konnten. Die Wissenschaftler wissen es zwar nicht genau, aber sie haben eine Theorie.

In der Paarungszeit startet Lasius pallitarsis zum Schwarmflug und sucht in der Luft nach dem passenden Partner, um sich fortzupflanzen. Im Anschluss kehren die Weibchen auf den Boden zurück, um eigene Kolonien aufzubauen - ihre große Aufgabe liegt also noch vor ihnen. Die Männchen hingegen haben ihren Zweck erfüllt und sterben.

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Christopher Wells kann sich nicht daran erinnern, dass zum Zeitpunkt seiner Forschungen in Friday Harbour eine auffällig große Zahl fliegender Ameisen unterwegs gewesen wäre. Doch Schwärme fliegender Insekten seien in der Region nicht selten. Außerdem ist wissenschaftlich dokumentiert, dass die Lasius pallitarsis im August zum Schwarmflug abhebt – exakt in diesem Monat wurden die Anemonen-Proben entnommen. Es ist also naheliegend, dass die Insekten ins Wasser fielen und dort direkt in die Tentakel der wartenden Fleischfresser sanken. Auch bei den anderen identifizierten Insekten handelte es sich um Fluginsekten.

„Viele Tiere nutzen das plötzliche Überangebot fliegender Ameisen in der Paarungszeit“, sagt Corrie Moreau, Leiterin und Kuratorin der Cornell University Insect Collection. „Ich finde es einleuchtend, dass manche dieser paarungsbereiten Ameisen aufs Meer hinausgeweht wurden und dort zur leichten Beute für Meeresorganismen wurden.“

Die Gefiederte Anemone (Metridium giganteum oder auch Metridium farcimen) ist eine große Seeanemonenart.

Bild agefotostock / Alamy Stock Photo

Seeanemonen-Expertin Michela Mitchell bestätigt das. Es sei zwar ungewöhnlich für Meeresjäger, sich von Landinsekten zu ernähren – aber durchaus im Rahmen des Möglichen.

Bei anderen größeren Seeanemonenarten, die größere Beute fressen können, wurde beobachtet, dass sie alle möglichen Dinge zu sich nehmen: von Brotrinde bis hin zu ganzen Hasen.

„Um die Nahrungsökologie von Seeanemonen vollständig überblicken zu können, fehlen uns noch einige Informationen“, erklärt Michela Mitchell, die ehrenamtlich als Forscherin für das Museum of Tropical Queensland in Australien arbeitet.

Ohne Beobachtungen keine Beweise

Es mag logisch erscheinen, dass Seeanemonen Ameisen fressen – trotzdem sollten laut Mitchell auch andere Erklärungen in Betracht gezogen werden, so lange dieses Verhalten nicht tatsächlich beobachtet werden konnte. Es sei zum Beispiel möglich, dass die Ameisen indirekt im Magen der Gefiederten Anemonen gelandet sind – weil das wahre Beutetier sie zuvor verspeist hat.

„Beim Mageninhalt weiß man bei dieser Untersuchung nicht genau, was man vor sich hat: Das Frühstück der Anemone oder vielleicht den Darminhalt ihrer Beute“, sagt sie. 

Gustav Paulay, Co-Autor der Studie, räumt ein, dass diese Art der Fehlinterpretation beim DNA-Barcoding nicht ausgeschlossen sei. Im vorliegenden Fall hält er sie aber für unwahrscheinlich.

„Die größten Beutetiere, die Seeanemonen aufnehmen, haben die Größe von Ameisen. Ein anderes Tier, das groß genug ist, um Ameisen in dieser Menge und Häufigkeit zu sich zu nehmen, steht also wahrscheinlich nicht auf dem Speiseplan der Seeanemone“, erklärt Paulay, Kurator für wirbellose Zoologie am Naturkundemuseum in Florida. „Die festgestellte DNA ist hauptsächlich kleinen planktonischen Tieren zuzuordnen, für die eine Ameise als Beutetier eine Nummer zu groß wäre.“

So macht die Studie einen Nachteil des DNA-Barcodings deutlich: Zwar hilft es, die Anwesenheit einer Art zu belegen, doch es gibt keine Hinweise darauf, wie die DNA der Art ihren Weg in die Probe gefunden hat. Trotzdem sind die Ergebnisse ein aufregendes Beispiel dafür, wie die Technologie Interaktionen zwischen Lebewesen belegen kann, die bisher nicht beobachtet werden konnten. Je mehr neue Genome und Arten die Wissenschaftler der Datenbank hinzufügen, desto solider wird das Verfahren – und desto größer wird sein Potential, für Erstaunen zu sorgen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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