Goldrausch in der Tiefe: Der Meeresgrund als Rohstoffquelle?

Ungeahnte Schätze liegen auf dem Boden der Ozeane. Das Wettrennen um wertvolle Rohstoffe hat längst begonnen. Doch es drohen kaum kalkulierbare Umweltschäden. Sollte der Tiefseebergbau verboten werden?

Veröffentlicht am 18. Mai 2021, 12:48 MESZ
Manganknollen auf dem Meeresboden der Clarion-Clipperton-Bruchzone im Pazifik: ein wertvoller Lebensraum für Tiefseebewohner wie Schlangensterne und ...

Manganknollen auf dem Meeresboden der Clarion-Clipperton-Bruchzone im Pazifik: ein wertvoller Lebensraum für Tiefseebewohner wie Schlangensterne und Seeanemonen (rechts unten).

Bild ROV KIEL6000, GEOMAR

Die wahren Schätze der Tiefsee funkeln nicht. Wie verkohlte Kartoffeln sehen sie aus. Es sind Manganknollen, die in 4.000 bis 6.000 Metern Tiefe den Meeresgrund übersäen. Das unscheinbare Äußere der runzelig-schwarzen Klumpen trügt. Wie so oft zählen die inneren Werte: Manganknollen bestehen nicht nur aus dem namengebenden Metall. Sie enthalten unter anderem auch Kobalt, Kupfer, Nickel und Eisen sowie Metalle der Seltenen Erden.

Die weltweit größten Vorkommen liegen im Pazifik zwischen Mexiko und Hawaii in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone (CCZ). Insgesamt rechnet man dort mit einer Manganknollenmasse von rund 21 Milliarden Tonnen, so das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.
 

Tiefseekrake „Casper“ – entdeckt vor Hawaii in 4.290 Metern Tiefe. Manganknollen sind eine wichtige Brutstätte für die geheimnisvollen Kopffüßler.

Bild NOAA Office of Ocean Exploration and Research, Hohonu Moana 2016.

Vor allem in der Hightech-Industrie wecken die marinen Lagerstätten Begehrlichkeiten. Die Ressourcen an Land werden knapp und der Bedarf an seltenen Rohstoffen für Smartphones, Windräder, die Elektromobilität oder Satellitentechnik steigt. Geomar schätzt, dass allein in den Manganknollen der CCZ mehr Mangan, Nickel und Kobalt steckt als in allen bekannten wirtschaftlich abbaubaren Landvorkommen zusammen.

Expedition in die ewige Dunkelheit

Noch existiert keine marktreife Technologie für den Tiefseebergbau. Und noch ist die industrielle Gewinnung von Rohstoffen aus der Tiefsee gar nicht erlaubt. Die Internationale Meeresbehörde (ISA) der UN hat zwar Lizenzen zur Erkundung von Manganknollenfeldern vergeben. Dabei geht es allerdings nicht um einen Abbau, sondern um die genaue Untersuchung möglicher Gebiete.

Von wegen lebensfeindlich: Unzählige hochspezialisierte Arten bevölkern die Tiefsee. Hier sind es Krabben, Garnelen und Muscheln in einer Bartwurmkolonie in 3.100 Metern Wassertiefe im Atlantik vor Westafrika.

Bild MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen (CC-BY 4.0)

Das könnte sich bald ändern. Derzeit erarbeitet die ISA den sogenannten Mining Code, der den rechtlichen Rahmen für künftige Tiefseebergbau-Aktivitäten setzen wird. Unter anderem soll das Regelwerk verbindliche Umweltstandards definieren. Das Forschungsprojekt „Mining Impact“ untersucht dazu seit 2015 die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus – und wie dessen Auswirkungen reduziert werden können. Denn es drohen kaum kalkulierbare Umweltschäden.

Nicht nur Umweltorganisationen wie der WWF warnen davor, dass ein großflächiger Abbau am Meeresgrund die Ökosysteme und Artenvielfalt der Tiefsee massiv schädigen könnte. Auch Behörden wie das Umweltbundesamt befürchten „erhebliche Auswirkungen auf die ozeanischen Lebensräume und Lebensgemeinschaften“ durch den Einsatz der Abbaugeräte.

Brutstätten für Tiefseekraken

Eine „Mining Impact“-Studie internationaler Forschungsinstitute untermauert diese Annahme. Sie bezieht sich auf ein Experiment, dass 1989 in einem Manganknollengebiet vor Peru durchgeführt wurde. Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten dort einen eng umgrenzten Bereich des stockdunklen Meeresbodens mit einer Egge umgepflügt, um einen Manganknollen-Abbau zu simulieren. Für die aktuelle Studie reiste ein Forschungsteam 2015 erneut in das Gebiet – mit dem Ziel, die langfristigen Folgen des Eingriffs zu dokumentieren.

 

Eine Langnasenchimäre im Arabischen Meer in 1.975 Metern Wassertiefe. Die bis 1,4 Meter langen Fische leben weltweit in der Tiefsee.

Bild MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen (CC-BY 4.0)

„Auch 26 Jahre nach dieser Störung konnten wir die Pflugspuren auf dem Meeresboden klar erkennen“, bilanziert Tanja Stratmann vom beteiligten Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen. Der Lebensraum auf dem Meeresgrund sei nachhaltig geschädigt. „Besonders der mikrobielle Teil des Nahrungsnetzes war stark betroffen – viel stärker, als wir erwartet hatten“, sagt Stratmann. Dabei seien Mikroben eigentlich für ihre hohen Wachstumsraten bekannt.

Wie empfindlich die Tierwelt der Tiefsee auf Störungen reagiert, hatten bereits frühere Untersuchungen gezeigt. Verschiedene Schwämme beispielsweise sind auf Manganknollen als Nährboden angewiesen. Tiefseekraken wiederum benötigen diese Schwämme als Brutstätten. Wenn die Manganknollen entfernt werden, könnten ganze Lebensgemeinschaften zusammenbrechen.

Galerie: Die verborgene Unterwasserwelt der Tiefsee

Vermeidbare Umweltkatastrophe

Doch nicht nur an den eigentlichen Abbaustellen würde der Ozean sein Gesicht verändern. Mit der Strömung gelangen aufgewirbelte obere Bodenschichten auch in andere Gebiete. Dort lagern sich die riesigen Trübungswolken auf dem Meeresboden und seiner Fauna ab. „Somit ist die geschädigte Fläche des Meeresbodens um ein Vielfaches größer als die eigentliche Abbaufläche“, erklärt Geomar. Eine weitere Expedition zur Clarion-Clipperton-Zone soll neue Erkenntnisse liefern.

„Tiefseebergbau ist eine vermeidbare Umweltkatastrophe“, betont WWF-Geschäftsführer Martin Bethke. „Wir sollten einen großen Bogen um die Idee machen, den fatalen Raubbau an der Natur in der Tiefsee fortführen zu können.“ Stattdessen müsse die Rohstoffgewinnung an Land dringend nachhaltiger gestaltet werden. Reduzieren, wiederverwenden, recyceln – darauf komme es an. Gemeinsam mit anderen Umweltschutzorganisationen fordert der WWF ein Moratorium für den Tiefseebergbau. Dabei bekommt er Rückenwind aus Teilen der Wirtschaft. BMW, Samsung, Google und Volvo unterstützen die Initiative.

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