Der Streit um invasive Arten in Deutschland

Ob Nutria oder Nilgans: Invasive Tierarten, sogenannte Neozoen, tragen zum Massensterbens gefährdeter Arten bei – und werden in Deutschland heiß diskutiert. Wie soll man mit ihnen umgehen?

Nutria gelten in Deutschland seit 2016 als etablierte invasive Art, die sich besonders in Uferregionen ausbreitet.

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Veröffentlicht am 2. Feb. 2022, 11:49 MEZ, Aktualisiert am 4. Feb. 2022, 09:19 MEZ

100.000 erlegte Nutria: Das ist laut Deutschem Jagdverband (DJV) die Bilanz der Jagdsaison 2020/2021. Eine extrem hohe Zahl, die aber in den Augen mancher noch immer zu niedrig ist. Denn die Nutria gehören zu den Spezies, die anderen Arten in Deutschland das Leben schwer machen.

Erschießen, fangen oder Ursachenbekämpfung – der Umgang mit invasiven Tierarten, den sogenannten Neozoen, wird in Deutschland heiß diskutiert. Während der Jagdverband in einer Pressemitteilung betont, dass das Töten der Nutria einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leiste, spricht sich der NABU Deutschland in einem Positionspapier ausdrücklich für ein Wildtiermanagement aus, das vornehmlich nicht-jagdliche Methoden vorsieht.

„Ursachen- statt Symptombekämpfung und Anpassung an sich verändernde Umstände sollten stets Prämissen im Wildtiermanagement sein”, sagt Birte Brechlin, NABU-Referentin für Wolf-, Artenschutz und Biodiversitätsmonitoring. Pauschale Bejagungen hingegen „führen selten bis nie zum eigentlichen Ziel”.

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Einfache Ursache-Wirkung-Rechnungen könne man in komplexen Ökosystemen generell nicht anstellen, so Brechlin. Doch wie soll man mit invasiven Arten dann umgehen?

Sicher ist: Wenn sich eine neue vom Menschen eingebrachte Tierart in einer Region etabliert, hat das oft schwerwiegende Folgen für bestehende Ökosysteme.

Neuzugänge im Ökosystem

In Deutschland gibt es über 1.000 gebietsfremde Tierarten, rund 300 von ihnen gelten als etabliert – darunter viele Insekten. Laut Brechlin ist es wichtig, zu unterscheiden, welche Arten nur gebietsfremd sind – und somit keine Gefahr für die heimische Natur darstellen – und welche Arten als invasiv eingestuft werden müssen. Letztere sind „vom Menschen eingebrachte Arten, die negative Auswirkungen auf heimische Arten und/oder damit verbundene Ökosystemdienstleistungen haben.”

Eine solche Einordnung nimmt beispielsweise die sogenannten Unionsliste der EU vor. Seit 2016 werden hier invasive, gebietsfremde Arten, die für die gesamte Region bedeutsam sind, gelistet. Der Liste liegt eine EU-Verordnung zugrunde, deren Ziel die Prävention und das Management invasiver und  gebietsfremder Arten ist.

Dr. Friederike Gethöffer vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) forscht seit Jahren auf diesem Gebiet. Sie sagt: „Man muss sich in jedem Fall bewusst machen, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der ein Massensterben stattfindet." Invasive Arten seien ein großer Treiber dieses Artensterbens: „Wir sollten uns fragen: Wo ist es besonders wichtig, den Lebensraum für heimische Arten zu erhalten?“ Sie wünscht sich, dass von der Politik noch klarere Ziele im Umgang mit investiven Arten formuliert werden.

Laut Brechlin sollte in diesem Zusammenhang vor allem die Ursachenbekämpfung im Vordergrund stehen – beispielsweise das Finden und Unterbinden von Einfuhrpfaden. Außerdem sei es wichtig „die heimische Natur zu schützen und zu stärken, damit diese widerstandsfähiger gegen neue Konkurrenten und Stressoren ist." Großflächige Abschüsse hingegen hält sie in vielen Fällen sogar für kontraproduktiv, da bei einem hohen Jagddruck die häufigste Reaktion einer Art sei, mehr Nachkommen zu produzieren. 

Diese und andere Komplexitäten gingen im politischen Diskurs aber häufig verloren, so Brechlin. Nicht nur deshalb müsse auch die Öffentlichkeit im Hinblick auf den Umgang mit investiven Arten besser aufgeklärt werden.

Fünf Spezies, über die hierzulande heiß diskutiert wird:

Eine Nilgans-Familie auf dem Wasser: Die Art gilt seit 2017 als invasiv.

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Nilgans

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Nilgans liegt südlich der Sahara und in Ägypten entlang des Nils. In Deutschland gilt die Art als etabliert und wurde bei einer Revision im Jahr 2017 als „potenziell invasive Art” in die Unionsliste aufgenommen. Ihr Lebensraum in Deutschland liegt vor allem in NRW und Niedersachsen.

Während laut Angaben des Deutschen Jagdverbands in der Jagdsaison 2019/2020 um die 30.000 Tiere geschossen wurden, stellt der NABU den Nutzen der pauschalen Jagd auf Nilgänse infrage. Dennoch wurde die Nilgans bereits 2006 in das Jagdrecht Nordrhein-Westfales aufgenommen.

Nutria gelten in Deutschland seit 2016 als etablierte invasive Art, die sich besonders in Uferregionen ausbreitet.

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Nutria

Nutria gelten in Deutschland als etablierte invasive Art, die besonders in Uferregionen eine Gefahr für die biologische Vielfalt darstellt. Nutrias wurden in der Zeit zwischen 1890 und 1920 wegen ihres Fells nach Deutschland gebracht und dort in Pelztierfarmen gehalten. Mittlerweile kommen sie besonders häufig entlang der Ems, Weser und der Elbe vor. Studien im Rahmen des Projekts Lebendige Röhrichte zeigen auf, dass die Nagetiere die Ufervegetation massiv schädigen, indem sie Röhrichte – Pflanzenbestände aus meist wenigen Pflanzen, die am Ufer von Gewässern wachsen – so stark abfressen, dass sie oft nicht nachwachsen können. Für andere in dem Habitat lebende Tierarten wie beispielsweise die Trauerseeschwalbe ist ein solcher Verlust des Lebensraums äußerst gefährlich, denn sie ist ohnehin vom Aussterben bedroht.

Der Waschbär kam im frühen 20. Jahrhundert als Pelzlieferant nach Deutschland. Mittlerweile gelten Waschbären aber als etablierte invasive Art und sind seit 2016 auf der Unionsliste aufgeführt. 

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Waschbär

Der Waschbär kam ähnlich wie die Nutria im frühen 20. Jahrhundert als Pelzlieferant nach Deutschland. 1934 wurde er vom Preußisches Landesjagdamt gezielt in Hessen ausgesetzt. Mittlerweile gelten Waschbären aber als etablierte invasive Art und sind seit 2016 auf der Unionsliste aufgeführt. Sie können vor allem für den bodenbrütenden Kiebitz zur Gefahr werden. Laut dem DJV wurden in der Jagdsaison 2019/2020 um die 200.000 Tiere erlegt.

Laut Birte Brechlin vom NABU könne die Eindämmung der Weiterverbreitung der Waschbären vor allem über die Aufklärung der Menschen gelingen. „Einige füttern die Tiere absichtlich, weil sie sie niedlich finden. Aber auch die indirekte Fütterung über gut zugängliche Mülltonnen oder frei stehende Futternäpfe für Haustiere lehrt die Tiere, die Nähe des Menschen zu suchen".

Außerdem betont Brechlin, dass die meisten Lebensräume von durch den Waschbären bedrohten Arten vor allem auch durch menschengemachte Faktoren bereits gefährdet seien: „Es ist daher dringend notwendig, diese heimischen Arten und ihre Lebensräume zu stärken."

Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs kommt natürlich vor allem im Südosten der USA und in Nordmexiko vor.

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Roter Amerikanischer Sumpfkrebs

Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs wurde bereits 2016 in die Unionsliste aufgenommen, machte aber vor allem 2017 Schlagzeilen, als er durch die Straßen Berlins wanderte und dort die Aufmerksamkeit auf sich zog. In der Hauptstadt hat sich die Spezies im Bereich des Großen Tiergartens und des Britzer Gartens angesiedelt, inzwischen gibt es von den wanderfreudigen Tieren auch einige wilde Populationen in NRW. Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs gilt vor allem deswegen als gefährlich, weil er eine Pilzinfektion (die „Krebspest“) mit nach Deutschland gebracht hat. Eine Infektion mit der Krankheit, gegen die Amerikanischen Sumpfkrebse selbst immun sind, hat für den Europäischen Edelkrebs, der mittlerweise als vom Aussterben bedroht gilt, tödliche Folgen.

Die Einordnung des Marderhunds als Neozoen wird heiß diskutiert. Auf der Unionsliste steht der Marderhund seit 2016.

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Marderhund

Einer der wohl am kontroversesten diskutierten Neozoen ist der Marderhund. Er wurde erstmals in den 1960ern in Teilen Deutschlands nachgewiesen und wird mittlerweile seit 2016 auf der Unionsliste geführt. Nach EU-Richtlinien gilt er also als etablierte invasive Art – diese Einschätzung wird allerdings nicht universell geteilt. Der NABU beanstandet vor allem, dass die Entnahme der Tiere auch durch das Aufstellen von tierschutzwidrigen Fallen geschehe. Dazu ist die Frage, ob der Marderhund tatsächlich eine Gefahr für die heimische Fauna darstellt, bis heute ungeklärt. Der DJV gibt an, dass die größte Gefahr durch den Marderhund darin bestehe, dass er Wirt für eine Vielzahl von Krankheitserregern sei.

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