Seltsame Töne: Fledermäuse nutzen akustische Mimikry zur Abwehr von Feinden

Wenn es darum geht, nicht von Fressfeinden entdeckt zu werden, setzen Große Mausohren auf eine ungewöhnliche Strategie: die Nachahmung von Geräuschen. Akustische Mimikry ist ohnehin eine Seltenheit – und bei Säugetieren ein außergewöhnliches Phänomen.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 13. Mai 2022, 13:35 MESZ
Das Große Mausohr (Myotis myotis) hat eine seltene Strategie entwickelt, um sich vor Fressfeinden zu schützen.

Das Große Mausohr (Myotis myotis) hat eine seltene Strategie entwickelt, um sich vor Fressfeinden zu schützen.

Foto von Adi Ciurea

Mimikry ist in der Tierwelt weit verbreitet. Vor allem für die Batessche Mimikry, bei der Tiere eine gefährliche oder giftige Art nachahmen, um potenzielle Fressfeinde abzuschrecken, gibt es bekannte Beispiele: Raupen, die wie giftige Schlangen aussehen können, die Küken des Trauerschnäppers aus dem Amazonas, die giftige Larven kopieren oder Schwebfliegen, die sich als Wespen tarnen. 

Doch die meisten dieser Beispiele haben eines gemeinsam: Die Mimikry ist visueller Natur. Eine Team von Forschenden um Leonardo Ancilotta von der Wildlife Research Unit der Università degli Studi di Napoli Federico II in Neapel berichtet nun von einem Fall der viel selteneren akustischen Mimikry – bei Fledermäusen. „Die Rufe, die das Große Mausohr (Myotis myotis) aussendet, wenn es angefasst wird, imitieren die Geräusche von stechenden Bienen oder Hornissen“, heißt es in der Studie, die im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht wurde. So versuche die Fledermausart Eulen – ihre bekanntesten Fressfeinde – abzuschrecken.

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Eine neue Studie untersuchte, welche Muskeln zum Einsatz kommen, wenn Tintenfische sich tarnen.

Erster Beleg für zwischenartliche Mimikry

„Das ist eine erstaunliche Interaktion, an der drei Arten beteiligt sind, die evolutionär weit voneinander entfernt sind“, sagt Danilo Russo, Hauptautor der Studie und Professor für Ökologie an der Università degli Studi di Napoli Federico II. Noch spannender an dem Fall sei aber, dass er der erste Beleg von zwischenartlicher Mimikry von Säugetieren und Insekten sei – und einer der ersten Fälle von akustischer Mimikry überhaupt.

Entdeckt wurde die Fledermaus-Mimikry durch Zufall. Beim Einfangen Großer Mausohren im Rahmen eines anderen Versuches wurde Russo auf das laute Summen aufmerksam, das die Fledermäuse von sich gaben, wenn sie sich bedroht fühlten. Zunächst dachte er, es handele sich dabei um ganz gewöhnliche Notrufe gestresster Tiere. Doch als ihm die Ähnlichkeit der Geräusche zu dem Summen von Hornissen auffiel, beschloss er, das Phänomen genauer zu untersuchen.

„Trotz der Bedeutung akustischer Signale in der Tierkommunikation, wurde die akustische Nachahmung zur Bekämpfung von Raubtieren lange Zeit vernachlässigt“, sagen die Forschenden. Mit ihrer Studie wollen sie diesen Umstand ändern. In Versuchen analysierten sie Wellenlänge, Frequenz und Rufdauer der Fledermauslaute. Daraufhin verglichen sie sie mit den Geräuschen von vier Insektenarten – darunter die Europäische Hornisse (Vespa crabro) und die Westliche Honigbiene (Apis mellifera).

Das Ergebnis: Das Summen der Fledermäuse stimmte tatsächlich mit dem der sogenannten giftigen Hautflügler – darunter fallen Bienen, Hornissen und Wespen – überein.

Dreiecksbeziehung zwischen Vogel, Säugetier und Insekt

Die Forschenden betonen, dass man von Mimikry nur dann sprechen kann, wenn das Tier gezielt ein anderes nachahmt, um Feinde abzuschrecken. So auch in diesem Fall. „Akustische Mimikry liegt vor, wenn der Angreifer sein Verhalten ändert, nachdem er die akustische Ähnlichkeit zwischen dem nachahmenden Tier und dem Original erkannt hat“, heißt es in der Studie. Das heißt, das nachahmende Tier muss mit seiner Taktik auch tatsächlich messbaren Erfolg haben.

Ob dieser Umstand auch bei den Großen Mausohren und ihren Fressfeinden zutrifft, untersuchten die Forschenden in einem zweiten Schritt. Die Fledermausart, die in Kolonien Wälder und Waldränder bewohnt, übernachtet die meiste Zeit des Jahres in unterirdischen Höhlen. Wenn sie diese verlassen, werden sie oft Beute von Raubvögeln wie Schleiereulen und Waldkäuze. Genau auf diese Eulenarten konzentrierten die Forschenden sich in ihrem Experiment. „Wir spielten die Fledermaus-, Hautflügler- und Kontrolllaute erwachsenen Eulen in Gefangenschaft vor – darunter acht Schleiereulen und acht Waldkäuze“, heißt es in der Studie.

Dabei wurde klar: Die Eulen fanden die Laute, die von Fledermäusen stammten, ähnlich unangenehm wie die der Hornissen und Bienen. „Eulen reagierten auf das Summen von Hautflüglern und Fledermäusen stets auf die gleiche Weise, indem sie den Abstand zum Sprecher vergrößerten“, erklären die Forschenden in der Studie. Als das Forschungsteam das Experiment mit wilden Eulen wiederholte, zeigten diese sogar noch stärkere Reaktionen – vermutlich, weil sie mit Hornissen und Bienen mehr schlechte Erfahrungen gemacht hatten als die Eulen in Gefangenschaft.

Als nächstes planen die Wissenschaftler, das Experiment außerhalb eines Labors durchzuführen – mit noch mehr Eulen. Außerdem wollen sie herausfinden, wie weit zwischenartliche akustische Mimikry generell verbreitet ist. „Das von uns beschriebene Mimikry-System könnte nur ein Beispiel für ein häufigeres Phänomen darstellen“, sagt das Forschungsteam.

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