Refugium vor Alaska: Die Insel der Walrosse

Auf einer Insel vor der Südküste Alaskas finden die sensiblen Walrosse Schutz. Es ist eines der wenigen Reservate Nordamerikas.

Von Acacia Johnson
Veröffentlicht am 19. Juni 2022, 21:41 MESZ
Auf einer Insel vor der Südküste Alaskas finden die sensiblen Walrosse Schutz. Es ist eines der ...

Auf einer Insel vor der Südküste Alaskas finden die sensiblen Walrosse Schutz. Es ist eines der wenigen Reservate Nordamerikas.

Foto von Jay Ruzesky / Unsplash.com

Die ersten Strahlen der Sonne blinzeln über die Klippen der Tundra. Walrosse nähern sich dem Ufer vom offenen Meer. Ihr Atem steigt in goldenen Schwaden auf. Zugleich ertönt ein eindringliches, metallisches Lied wie leise Glockentöne. Es ist mit dem ganzen Körper zu spüren, als wäre man unter Wasser. Round Island ist eine der sieben zerklüfteten Inseln in der Bristol Bay, die das staatliche Schutzgebiet Walrus Islands in Alaska bilden. Seit Jahrtausenden ist die Insel im Sommer ein wichtiger Ruheplatz für Tausende von Bullen, die sich nach der Paarungszeit an den Ufern erholen.

Round Island: Ein Schutzgebiet für Walrosse

Das indigene Volk der Yupik, das hier lange auf nachhaltige Art Pazifische Walrosse jagte, nennt die Insel Qayassiq: „Ort, zu dem man mit dem Kajak fährt.“ Anfang des 20. Jahrhunderts begannnen kommerzielle Jäger, die Population zu dezimieren. Als 1960 das Schutzgebiet eingerichtet und die Jagd verboten wurde, war Round Island eines der letzten Reviere für Walrosse in Nordamerika. Auch wenn erwachsene Tiere mehr als eine Tonne wiegen, sind sie sehr empfindlich. Wird ein Ort zu häufig gestört, können die Walrosse ihn ganz verlassen. Round Island ist dank des Schutzgebiets eine saisonale Heimat für Walrosse geblieben.

Es wird heute von der Qayassiq Walrus Commission mitverwaltet. Vertreter von Yupik-Gemeinschaften stellen sicher, dass traditionelles Wissen berücksichtigt wird. Als sich die Walrosspopulation erholte, sorgten die Stammesführer dafür, dass die Subsistenzfischerei wieder erlaubt wurde. Seit 1985 erlaubt ein staatliches Programm von Mai bis August Besuche auf der Insel. Es wird wenig genutzt – auch weil die Anreise eine Bootsfahrt von mindestens 30 Kilometern über das Beringmeer erfordert. Ich begleite meinen Bruder, einen Wildbiologen, nach Round Island, um die Walrosse zu sehen.

Als wir mit dem Boot näher kommen, wirkt die Insel wie verzaubert: Eine grüne Kuppel erhebt sich aus dem Meer, die Gipfel sind in Nebel gehüllt. Wir werden von Margaret Archibald vom Alaska Department of Fish and Game begrüßt, die jeden Sommer auf der Insel arbeitet. „Sie beide sind die ersten Besucher, die wir seit Wochen haben“, sagt sie. Der Strand, an dem wir anlegen, ist voller schlafender Walrosse. Nachdem wir unser Zelt auf dem Zeltplatz aufgeschlagen haben, begleiten wir Archibald auf ihrer täglichen Runde.

Sie hält die Wanderwege instand, leitet das Besucherprogramm und überwacht die Sperrzone von fünf Kilometern, die die Insel vor Bootsverkehr und kommerzieller Fischerei schützt. Ihre wichtigste Aufgabe sieht sie jedoch in der täglichen Zählung von Walrossen, Seevögeln und Stellerschen Seelöwen. Die Bristol Bay und ihre Fischerei sind ein lebenswichtiges Ökosystem für Alaskas Wirtschaft. Angesichts der steigenden Temperaturen liefere die Untersuchung der Auswirkungen auf der Insel wertvolle Erkenntnisse in Bezug auf das größere marine Ökosystem, sagt Archibald.

Walrosse legen sich gerne gesellig neben- und sogar übereinander, wie diese Tiere auf der norwegischen Insel Spitzbergen.

 

Foto von Joffi2017 / Pixabay.com

Gesellige Walrosse: Die Tiere schichten sich gern übereinander

Sie führt uns zu einem Aussichtspunkt über den First Beach. Wir blicken auf Hunderte von Walrossen hinab. Und wir riechen sie: salzig, maritim, fruchtbar. Es sind gesellige Tiere, die sich an Land zu einem Mosaik aus Speck und Stoßzähnen schichten. Im Wasser werden sie zu anmutigen Schwimmern. Archibald erklärt, dass Walrosse eine Schlüsselart sind, die die gesamte Lebensgemeinschaft prägt. Trotzdem und trotz ihrer Gefährdung durch das schmelzende Meereis haben sie für den Naturschutz oft eine niedrige Priorität. Walrosse sind schwer zu erfassen; die vorhandenen Daten wurden als nicht ausreichend erachtet, um sie als gefährdet einzustufen. Um Verständnis für das Schutzbedürfnis der Tiere zu wecken, seien persönliche Begegnungen wichtig, sagt Archibald.

Auch mir wird beim Beobachten ihrer verschiedenen Farben, ihrer Kampfnarben und ihrer Spielchen bewusst, dass sie Individuen sind, mit eigenen Persönlichkeiten und Emotionen. An unserem letzten Morgen klettere ich zu einer zerklüfteten Halbinsel, auf der Seevögel nisten. Der Strand darunter ist voller Walrosse, die im Sonnenaufgang bernsteinfarben schimmern. Andere tummeln sich vor der Küste und warten leise grunzend auf einen Platz in der Menge. Als ich die Küste entlangblicke, wird mir klar, dass ich die Walrosse jetzt mit anderen Augen sehe.

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Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 6/22. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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