Der Weiße Hai: Kostet Haien ihr Image das Leben?

Mit dem Weißen Hai hat der Film Jaws unserer Angst vor den Tiefen des Ozeans ein Gesicht gegeben. Das Image als Bösewicht hält sich bis heute. Doch welche Folgen hat die medial ausgelöste Angst vor Haien – und sind die Tiere noch zu retten?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 18. Aug. 2022, 10:05 MESZ
Illustration: Ein großer weißer Hai taucht unter einer Schwimmerin aus der Tiefe auf.

Filmposter zu Der Weiße Hai: Das große Ungeheuer aus der Tiefe scheint für viele Menschen sinnbildlich für ihre Angst vor dem Meer zu stehen. Tatsächlich können negative Darstellungen von Haien bei Zuschauenden eine Angst vertiefen – wie es auch nach der Veröffentlichung von Spielbergs Film geschah.

Illustration von Roger Kastel / Universal

Als im Sommer 1975 der Film Der Weiße Hai – im englischen Original Jaws – in die Kinos kommt, veränderte er die Filmgeschichte. Sein durchschlagender Erfolg macht Der Weiße Hai zu einem der ersten Blockbuster der Welt, bis heute gilt er als einer der erfolgreichsten Horrorfilme aller Zeiten: ausgezeichnet mit drei Oscars, einem Grammy und einem Golden Globe für die Filmmusik sowie unzähligen weiteren Nominierungen und Preisen.

Doch nicht nur in der Filmindustrie, die von dem Sommer-Blockbuster zu einer Reihe weiterer Filme nach seinem Vorbild inspiriert wird, hinterlässt Der Weiße Hai einen bleibenden Eindruck. Für viele Menschen bekommt durch ihn die wenig greifbare Angst vor dem Ozean und den Raubtieren, die in ihm wohnen, ein konkretes Gesicht: Der Mythos der Killermaschine aus dem Meer ist geboren. Bis heute wird der sogenannte Jaws effect, den Christopher Neff, Sozialwissenschaftler von der University of Sydney, geprägt hat, immer wieder aufgegriffen und untersucht. Er besagt: Jaws habe ein falsches Bild des Weißen Hais publik gemacht – nämlich das eines triebgesteuerten Killers, der gezielt Jagd auf Menschen macht – und den Haien damit auch politisch nachdrücklich geschadet.

Peter Benchley, Autor des dem Film zugrunde liegenden Romans und Co-Autor des Drehbuchs von Jaws, schreibt in der Einführung zur Neuauflage von Der Weiße Hai im Jahr 2013: „Ich könnte Der Weiße Hai heute niemals schreiben. Ich könnte niemals ein Tier verteufeln, das für das Gleichgewicht der Natur im Meer lebenswichtig ist, und das wir – wenn wir unser zerstörerisches Verhalten nicht ändern – vom Angesicht der Erde auslöschen könnten.“ Denn heute weiß man: Der Hai spielt eine Schlüsselrolle im Ökosystem Meer. Trotzdem wird er seinen schlechten Ruf als gewissenloses Raubtier nicht los – auch weil die Medien vereinzelte tödliche Zwischenfälle mit Haien oft tagelang ausschlachten.

Doch welche Rolle spielt all das bei der fortschreitenden Gefährdung der Tiere – und liegt hier der Grund für die Vernachlässigung von Haien in Hinblick auf den Tierschutz?

“Ich könnte Der Weiße Hai heute niemals schreiben. Ich könnte niemals ein Tier verteufeln, das für das Gleichgewicht der Natur im Meer lebenswichtig ist.”

von Peter Benchley (1940-2006)

Verteufelt und gejagt

Der Roman, der den Weißen Hai (Carcharodon carcharias) berühmt gemacht hat, erschien im Jahr 1974. In Peter Benchleys Der Weiße Hai macht ein riesiger Weißer Hai Jagd auf die Bewohner des kleinen Küstenortes Amity. Der triumphale Höhepunkt der Geschichte ist die Rettung der Kleinstadt durch ihren Polizeichef, der den Hai tötet. Auch im gleichnamigen Film, der nur ein Jahr später in die Kinos kommt, sucht der zunächst unsichtbare Killerfisch mehrere Opfer heim, bevor er schließlich durch eine Explosion umkommt, die die Helden des Films verursachen. 

Benchleys Geschichte basiert auf tatsächlich geschehenen tödlichen Vorfällen mit Haien, die ihn bereits seit seiner Kindheit faszinierten. Unter anderem wurden in New Jersey im Jahr 1916 vier Menschen durch Haie getötet – anders als in Film und Buch aber nicht an einem, sondern an verschiedenen Orten. Außerdem waren mehrere Haie für die Tode verantwortlich. Doch schon damals wurde den Tieren von den lokalen Medien der Stempel „man-eater“  – also Menschenfresser – aufgedrückt. 58 Jahre später trafen Benchley und Spielberg mit Der Weiße Hai dann einen Nerv bei ihrem Publikum – und zwar nicht mehr nur bei dem Teil, der tatsächlich von Haiangriffen betroffen war, sondern in der ganzen Breite der Gesellschaft.

Was vor den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts vor allem Seefahrer und kleinere Küstengemeinden betraf, entwickelte sich zu einem globalen Phänomen. Der Weiße Hai machte die Angst vor Haien quasi gesellschaftsfähig. „Sicherlich war bei einigen Menschen auch vorher schon eine grundsätzliche Angst vorhanden, doch erst mit Erscheinen des Buches wurden Haie in der breiten Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen“, sagt Simon Weigmann, Experte für Knorpelfische vom Leibnitz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels. Auch die National Oceanic and Atmospheric Administration, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten, ging in einem Antrag auf die Aufnahme des Weißen Hais in den U.S. Endangered Species Act im Jahr 2012 auf die Bedrohung der Haie durch Trophäenjagd und „Hai Paranoia“ ein: „All diese Aktivitäten haben seit dem „Jaws“-Medienphänomen Mitte der Siebzigerjahre stark zugenommen, nicht nur zum Nachteil von C. carcharias, sondern auch zur Förderung der Jagd auf andere, weniger bekannte Arten“.

Spitze Zähne in einem riesigen Maul: Es sind Bilder wie dieses, die die meisten Menschen mit Weißen Haien verbinden – und die die Angst vor den Tieren schüren.

Foto von Uryadnikov Sergey / Adobe Stock

Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) warnte in einem Artikel aus dem Jahr 2018 ebenfalls vor der falschen medialen Darstellung von Haien und deren Folgen: „In der Populärkultur werden Haie oft als brutale Killer dargestellt – in Der weiße Hai, der den Kinobesuchern 1975 brutale Haiangriffe vor Augen führte, und in jüngerer Zeit in dem 2018 erschienenen Film Meg über einen prähistorischen Hai (den Megadalon), der Amok läuft und alles frisst, was ihm in den Weg kommt. Dabei könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein“, schreibt Ria Sen von der IUCN Commission on Education and Communication (CEC).

Diffuse Angst vor dem Monster im Meer

Doch warum waren und sind die Menschen so anfällig für den Mythos der menschenfressenden Killermaschine aus dem Meer? Laut Lukas Müller, Haiforscher und Freediver, ist der Hai schon lange ein Faszinosum für die Menschen. „Der Weiße Hai hat seit Beginn der Seefahrerdokumentation und Fischerei eine gewisse Mystik und Legende“, sagt er. Dabei löse vor allem diese Ungewissheit, die wir mit dem Hai verbinden, auch die Angst vor ihm aus. „Ich glaube, dass die Menschen Angst vor dem Weißen Hai haben, weil in Bezug auf das Meer viel Unwissenheit herrscht“, so Müller. „Der Weiße Hai ist sozusagen ein Symbol dafür, dass wir erst kleine Teile des Meers erforscht haben.“

Mit dieser Idee wird auch in Der Weiße Hai gespielt. Gerade am Anfang des Films wird dem Publikum gar kein Hai gezeigt – stattdessen filmt die Kamera aus seiner Perspektive: Aus den Tiefen des dunklen Meeres schwimmt der Hai auf eine schwimmende Frau zu und greift an. Gerade diese Anfangsszenen sind es, die viele Badeurlauber einholen, bevor sie sich in die Wellen stürzen. Sie verbildlichen die diffuse Angst vor dem Meer und seinen Raubtieren – eine Angst, die der Film zu legitimieren scheint.

Der mittlerweile berüchtigte mechanische Hai Bruce, der ab der zweiten Hälfte des Films seinen Auftritt hat, befeuert durch seine schiere Größe und das meist weit aufgerissene Maul diese Furcht zusätzlich. „Die Schnelligkeit, Stärke und Größe dieser Tiere, deren Auftauchen an einem bestimmten Ort ja praktisch kaum vorhersehbar ist, scheint eine Urangst in vielen Menschen auszulösen“, sagt Weigmann. In Film und Buch wird diese Angst durch immer neue Haiangriffe bestätigt – und im echten Leben immer dann geschürt, wenn wieder Geschichten von Surfern die Runde machen, die von Haien gebissen oder getötet wurden.

“Die größte Gefahr für den Hai ist nicht die Rache- oder Trophäenjagd, sondern die Überfischung.”

von Lukas Müller
Haiforscher und Freediver

Werden Haie beim Tierschutz vernachlässigt? 

Dabei geht von Haien keineswegs die größte tierische Gefahr für uns Menschen aus. „Viele andere Tiere sind für deutlich mehr Todesopfer verantwortlich“, sagt Weigmann. Doch trotz unbestechlicher Zahlen neigen Menschen dazu, Haiaangriffe als wahrscheinlicher und damit bedrohlicher wahrzunehmen als Zwischenfälle mit anderen Tieren. „Der Kernpunkt ist ja: Wie groß ist denn das Risiko? Und bei dieser Frage wurde der Bogen von den Medien disproportional überspannt, vor allem beim Weißen Hai“, sagt Müller. 

Er ist der Meinung, dass dem Hai sein mediales Image in den Siebziger- und Achtzigerjahren zwar durchaus zum Verhängnis geworden ist – aber weniger nachhaltig als oft angenommen wird. „Bei der Frage, ob damals als Reaktion auf den Film Jagd auf Haie gemacht wurde, ist die Antwort ganz klar ja. Ich glaube aber nicht, dass dieses Image bis heute dafür verantwortlich ist, dass es den Haipopulationen schlecht geht“, so Müller. Vielmehr sei der Hai in Gefahr, weil das Wissen, das die Menschen mittlerweile über Weiße Haie und Haie im Allgemeinen haben, in die richtigen Räume gebracht werden müsse. Dies gelte insbesondere für die Fischerei. „Die größte Gefahr ist nicht die Rache- oder Trophäenjagd, sondern die Überfischung von Thunfisch oder Schwertfisch. In den langen Leinen, mit denen diese Fische gefangen werden, bleiben die Haie oft hängen und werden mitgefangen. Dieses Problem hat mittlerweile sogar das Problem des Shark-Finning überholt“, erklärt er. 

Hinsichtlich der Rolle des Films im Zusammenhang mit der Gefährdung der Haie mahnt er vor Pauschalisierungen. „Ich bin kein großer Fan des Narrativs, dass Der Weiße Hai für Haie alles kaputt gemacht hat. Er hat ihr Image beschädigt, auf jeden Fall, aber er ist sicher nicht schuld an dem umfassenden Rückgang der Haipopulationen, der uns Sorge bereitet.“ Vielmehr sei es erstaunlich, dass trotz der Legende des Weißen Hais so wenig Daten über ihn und andere Haiarten vorlägen und es an vielen Stellen an Wissen über den richtigen Umgang mit Haien fehle. „Haipopulationen werden auch deshalb oft nicht nachhaltig gemanaged – und so dezimiert." 

Gesteigertes Interesse macht Hoffnung

Es ist also besonders wichtig, sowohl in der Forschung als auch in der Gesellschaft gegen dieses Unwissen anzugehen. „Den Menschen muss klar werden, wie wichtig Haie für unsere Erde sind – und dass von ihrem Überleben auch unser eigenes abhängt“, sagt Müller. Dabei können mediale Berichterstattung oder Geschichten über Haie wiederum von großem Nutzen sein. „Akkurate und faire Berichterstattung hilft dem Image des Hais natürlich – und es hilft uns, Geld für Tierschutzarbeit und Forschung zu sammeln.“ 

Weigmann betont die Notwendigkeit eines sachlichen Umgangs mit Haien. Er plädiert für stärkere Einschränkungen bei der Fischerei und einen größeren Fokus auf die Erforschung der Tiere. „Ich würde mir wünschen, dass mehr in Grundlagenforschung – insbesondere Biodiversitätsforschung – investiert wird und Haie und Rochen dadurch besser erforscht werden“, sagt er. In den letzten Jahren hat genau dieser Ansatz bereits Früchte getragen: Die unverzichtbare Rolle, die Haie in ihrem Ökosystem spielen, wurde erkannt und einige Haipopulationen erholen sich nach und nach. Und das gesteigerte Interesse an Haien, das dies ermöglicht hat, ist in gewisser Weise auch dem Film Der Weiße Hai zu verdanken.

“Als ich Jaws schrieb, gab es die Umweltbewegungen, die wir heute kennen, noch nicht. Nur eine Handvoll Menschen auf der Welt wussten etwas über Haie.”

von Peter Benchley (1940-2006)

In der Einführung zu Der Weiße Hai berichtet Benchley, dass zu der Zeit, als er das Buch schrieb, kaum in die Erforschung der Tiere investiert wurde. „Als ich Jaws schrieb, gab es die Umweltbewegungen, die wir heute kennen, noch nicht. Nur eine Handvoll Menschen auf der Welt wussten etwas über Haie.“ Nach der Veröffentlichung des Films erreichten ihn über Jahre Briefe, deren Absender von einem durch das Buch oder den Film geweckten Interesse am Schutz der Haie berichteten. „Ich habe auch von einigen Hochschulprofessoren gehört, dass sie den Anstieg der Studenten im Bereich Ozeanologie im Allgemeinen und in der Erforschung von Haien im Besonderen direkt auf das Buch und den Film zurückführen“, so Benchley.

Auch Müller hat in den letzten Jahrzehnten ein steigendes Interesse an Haien und ihrer Erforschung beobachtet. Doch es könnte und muss noch viel mehr getan werden. „An dem Tag, an dem wir alle Raubtiere ausgelöscht haben und der Ozean kippt, ist es egal, ob wir den Hai als Feind oder Freund gesehen haben“, sagt er. Deshalb müsse man vor allem einen Weg finden, mit Haien zu koexistieren – obwohl sie Raubtiere sind. Mit Löwen und Tigern sind wir da schließlich schon um einiges weiter.

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