Insektencreme: Die außergewöhnliche Selbst-Medikation der Schimpansen

Schimpansen nutzen Werkzeuge und kennen Heilpflanzen. Jetzt entdeckte ein Forscherteam, dass sie Insekten einsetzen, um eigene Wunden zu versorgen – und sogar die von Artgenossen.

Von Roland Hilgartner
Veröffentlicht am 19. Sept. 2022, 15:40 MESZ
Schimpanse

Schimpansen nutzen Werkzeuge und kennen Heilpflanzen. Jetzt entdeckte ein Forscherteam, dass sie Insekten einsetzen, um eigene Wunden zu versorgen – und sogar die von Artgenossen.

Foto von DaFranzos / Pixabay.com

Am Rand der Savanne tragen jetzt die Sträucher der Gattung Syzygium kleine Früchte. Das bringt Pandi geradezu in Ekstase. Das Alpha-Männchen der Gruppe rast mit aufgestellten Nackenhaaren zu den Büschen und lässt die kleinen Beeren in seinem Mund verschwinden. Sein jüngerer Bruder Cesar macht es ihm nach. Das zerkaute Fruchtfleisch verfärbt die Lippen der beiden blau. Während sich Pandi noch mit den Beeren beschäftigt, hat Cesar schon eine weitere Nahrungsquelle entdeckt: eine Kokospflaume inmitten der Savanne. Hastig sammelt er so viele Früchte wie möglich. Einige steckt er in den Mund, den Rest trägt er in den Händen. Zweibeinig watschelt er Richtung Waldrand, um die Früchte im Schatten zu verzehren.

​Sensation: Die Selbstmedikation der Primaten

Ich bin im Nationalpark Loango in Gabun angekommen – endlich, nach acht Tagen Quarantäne. Das riesige Schutzgebiet an der zentralafrikanischen Westküste ist ein Naturparadies: Auf mehr als 1500 Quadratkilometer Fläche befindet sich ein Mosaik verschiedenster Lebensräume. Regenwald, Lagunen, Sumpfgebiete, Savannen, Küstenregen-, Überschwemmungs- und Mangrovenwälder. Dieser Reichtum an Lebensräumen ließ die Artenvielfalt regelrecht explodieren. Tobias Deschner, Gastwissenschaftler an der Universität Osnabrück, leitet hier gemeinsam mit seiner Frau Simone Pika, Leiterin der Forschungsgruppe für vergleichende Kognitionsbiologie am Institut für Kognitionswissenschaften der Universität Osnabrück, das Ozouga-Schimpansenprojekt in Kooperation mit der gabunischen Nationalparkbehörde (ANPN). Seit mittlerweile fünf Jahren sammelt das Forscherteam Verhaltensdaten der Primaten. Es filmte unglaubliche Szenen, etwa von Schimpansen, die Flachlandgorillas angriffen, dabei sogar Jungtiere töteten und fraßen. Es beobachtete, dass die Gruppe Werkzeuge benutzt, um an den Honig in unterirdischen Bienennestern zu gelangen.

Zum Einsatz kam dabei ein ganzes Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge, darunter dünne Äste, mit denen die Tiere in Bodenlöchern stochern, um die Bienennester zu entdecken, und einen dicken Ast als Grabwerkzeug, um das Nest mit dem Honig freizulegen. Für noch größeres Aufsehen sorgten jüngst Beobachtungen, die den Schluss zuließen, dass die Schimpansen in Loango ihre eigenen Wunden und diejenigen ihrer Gruppenmitglieder gezielt unter Einsatz von Insekten versorgen. Diese Art der Selbstmedikation war bei Tieren bisher unbekannt – ein Paukenschlag in der Welt der Primatologie und weit darüber hinaus.

Bei Schimpansen sind auch Verhaltensweisen sichtbar, bei denen sie ihre Artgenossen versorgen.

Foto von Republica / Pixabay.com

Insektencreme: Placebo oder Wundermittel für Affen?

Am folgenden Morgen beobachten wir die Schimpansen bei ihrer ausgiebigen Fellpflege, einer Art Freundschaftsdienst, mit dem sich die Tiere ihrer gegenseitigen Zuneigung versichern. Deschner und ich wollen uns an Spuren des verletzten Schimpansen Thea heften. Sie stellt uns an diesem Tag vor keine großen Herausforderungen. Weder müssen wir Sümpfe durchqueren noch Gleichgewichtsübungen beim Balancieren auf Mangrovenwurzeln vollführen. Stattdessen legt Thea immer wieder längere Ruhepausen ein – nicht verwunderlich angesichts der großen Fleischwunde am Oberschenkel.

An seiner Mimik ist allerdings zu ahnen, dass ihm das verletzte Bein zu schaffen macht. Abseits der anderen Affen beginnt er, sich mit der Verletzung zu beschäftigen. Mit seinen Fingern inspiziert er die Wunde. Immer wieder schweifen seine Blicke in die umliegende Vegetation, so, als suche er etwas. Mit einer gewissen Vorahnung und dem Gefühl, es könnte gleich etwas Spannendes passieren, hole ich meinen Fotoapparat aus dem Rucksack. Auch Deschner hält seine Videokamera bereit. Und da geschieht es: Blitzschnell fährt Theas rechte Hand in die Büsche. Er hat ein Insekt gefangen, vielleicht eine Fliege, die auf der Unterseite eines Blattes saß. Er steckt das Tier in den Mund, zerdrückt es leicht mit seinen Lippen. Dann trägt er den entstandenen Brei vorsichtig auf seine Fleischwunde auf, indem er ihn mit den Fingerspitzen hin und her streicht. Das Verfahren wiederholt er noch einige Male, bis er zum Schluss die Wunde mit den Fingern wieder säubert.

Noch ist unklar, welche Insekten die Schimpansen einsetzen. Sind es immer dieselben? Und welches Wissen haben Schimpansen über Insekten? Lassen sich pharmakologisch interessante Substanzen in den Kerbtieren entdecken, die eventuell antibiotisch oder schmerzstillend wirken – falls ja, hat die Anwendung tatsächlich einen heilenden Effekt? Falls sich nichts davon belegen ließe, so wäre auch das interessant. Denn auch wir Menschen tun – gar nicht so selten – merkwürdige Dinge, von denen wir annehmen, dass sie uns gesund machen oder auf andere Weise nützlich sind, obwohl es dafür keine wissenschaftlichen Belege gibt. Dies wäre also eine weitere Gemeinsamkeit mit unseren nächsten lebenden Verwandten.

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Dieser Artikel erschien in voller Länge im National Geographic Magazin 9/22. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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