Seltene Symbiose: Delfine machen gemeinsame Sache mit Menschen

Einer alten Tradition folgend, gehen die Fischer von Laguna im Süden Brasiliens gemeinsam mit Großen Tümmlern auf Fischfang. Doch die äußerst ungewöhnliche Form der Zusammenarbeit zwischen zwei Arten könnte bald ein Ende finden.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 3. Feb. 2023, 15:40 MEZ
Fischer aus Laguna lassen sich von einem Großen Tümmler zeigen, wo sie ihre Netze auswerfen sollen.

Fischer aus Laguna lassen sich von einem Großen Tümmler zeigen, wo sie ihre Netze auswerfen sollen.

Foto von Damien Farine

Die gemeinsame Jagd ist eine der komplexesten Formen von Gruppenverhalten, die im Tierreich zu beobachten ist: Es gibt nur wenige Spezies, bei denen Individuen sich zusammenschließen, um gemeinsam auf Beutefang zu gehen, darunter Pinguine, Kalmare und Grizzlybären. Noch seltener kommt es vor, dass verschiedene Arten bei der Jagd zusammenarbeiten.

Zu einer dieser raren Kooperationen kommt es vor der Küste der Stadt Laguna im Süden Brasiliens. Hier geben Große Tümmler den Fischern des Ortes mit ihrem Verhalten Hinweise darauf, wann und wo sie ihre Netze zum Fang von Meeräschen auswerfen sollen. Diese besondere Art des Fischfangs wird in Laguna seit über 140 Jahren praktiziert – eine kulturelle Tradition, die den Fischern deutlich höhere Fangmengen beschert.

Wie genau die Zusammenarbeit abläuft und in welcher Weise sie den Delfinen Vorteile bringt, war bisher unbekannt. Um mehr darüber zu erfahren, haben Forschende des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz mit brasilianischen Kollegen die gemeinsame Jagd von Menschen und Großen Tümmlern über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtet. Mithilfe von Ton-, Drohnen- und Unterwasseraufnahmen konnten sie zeigen, dass beide Seiten von dem abgestimmten Verhalten profitieren. Die Forschungsergebnisse wurden im Rahmen einer Studie in der Zeitschrift PNAS veröffentlicht.

In Brasilien fangen Delfine und Menschen gemeinsam Fisch

Gewinn für beide Spezies

Die Studie liefert einen genauen Einblick in die Abläufe der Jagd und zeigt, dass die Delfine die Fischdichte für kurze Zeit erhöhen, indem sie Meeräschen-Schwärme in die Richtung der Fischer treiben. Danach geben sie den Fischern das Signal, an diesen Stellen ihre Netze auszuwerfen. „Es war bekannt, dass die Fischer das Verhalten der Delfine beobachten, um festzustellen, wann sie ihre Netze auswerfen sollten“, sagt Studienleiter Mauricio Cantor, Biologe an der Oregon State University, ehemals Max-Planck-Institut. „Aber wir wussten nicht, dass die Delfine ihr Verhalten aktiv mit den Fischern koordinieren.“

Befragungen und Beobachtungen der Fischer ergaben, dass sie durch die Zusammenarbeit mit den Tümmlern fast viermal mehr Meeräschen fangen als ohne ihre Unterstützung. Die Messung der Lebenserwartung der Tiere ergab, dass auch sie profitieren: Delfine, die mit den Fischern kooperieren, haben demnach eine um 13 Prozent höhere Überlebensrate.  

Den Forschenden zufolge ist das kooperative Verhalten der Delfine keine genetische Eigenschaft, sondern wird von Generation zu Generation weitergegeben – ebenso wie bei den Fischern, für die die Praxis Teil der Kultur ihrer Gemeinschaft ist. „Sie eignen sich die dafür notwendigen Fähigkeiten von anderen Fischern an“, erklärt Cantor.

Kulturelles Erbe in Gefahr

Ähnliche Verhaltensweisen sind aus anderen Regionen gegenwärtig oder aus der Vergangenheit kaum bekannt und nur wenig erforscht. Die Zusammenarbeit der Delfine und Fischer von Laguna soll deswegen in Brasilien als kulturelles Erbe eingestuft werden. Doch es steht zu befürchten, dass die Tradition – wie die meisten anderen ihrer Art – bald ein Ende findet.

Denn nicht nur die Zahl der Fische in der Region ist in den vergangenen Jahren merklich zurückgegangen – auch das Interesse der nachfolgenden Generation von Fischern, die Tradition zu erlernen, nimmt ab. „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Zusammenarbeit entweder für die Delfine oder die Fischer uninteressant werden könnte, wenn die gegenwärtige Entwicklung anhält“, erklärt Fábio Daura-Jorge, Ökologe an der Universidade Federal de Santa Catarina in Florianópolis, Brasilien, der die Praxis seit 15 Jahren erforscht.

Mithilfe der Delfine fangen die Fischer in der Lagune fast viermal mehr Meeräschen, als sie es ohne deren Unterstützung täten.

Foto von Damien Farine

Um die Tradition zu bewahren, schlagen die Forschenden verschiedene Maßnahmen vor: Zum einen müsse ermittelt werden, was für den Rückgang der Meeräschenpopulation verantwortlich ist, zum anderen der nachhaltige Fischfang gefördert werden. Außerdem sei es nötig, die Fischer über die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der Netzfischerei aufzuklären und diese für sie attraktiv zu machen, indem für mit dieser Methode gefangene Fische höhere Preise festgesetzt werden.

„Eine solche für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit zwischen Wildtieren und Menschen wird immer seltener und ist weltweit gefährdet“, sagt Cantor. „Ihr kultureller Wert und die biologische Vielfalt, auf der sie beruht, sind unschätzbar und müssen erhalten werden.“

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