Invasion der Nattern: Mallorca hat ein Schlangenproblem

Auf den balearischen Inseln Ibiza, Formentera und Mallorca breitet sich die Hufeisennatter aus. Die Reptilien werden nicht nur mehr, sondern auch immer größer. Ist das gefährlich?

Von Nina Piatscheck
Veröffentlicht am 15. Sept. 2023, 09:41 MESZ
Eine Schlange zischelt auf steinigem Boden

Knapp zwei Meter lang und durchaus beeindruckend: Hufeisennattern gelten auf den Balearen als invasive Art, die sich massiv vermehrt. Für Menschen sind die Schlangen kaum gefährlich – für andere Lebewesen umso mehr. 

Foto von Banu / Adobe Stock

1,60 Meter und damit fast doppelt so lang wie viele Artgenossen: Auf Mallorca wurde im September eine für die Insel riesige Hufeisennatter (Hemorrhois hippocrepis) gefunden. Sie ist zwar nicht die erste Schlange dieser Länge, und auch nicht die längste, die je dort gefunden wurde, sorgte aber dennoch für Schlagzeilen. Denn: Die Reptilien sind auf der Insel invasiv und sorgen seit Jahren für Besorgnis – bei Privatleuten wie auch Tierschützern.

Warum werden die Schlangen auf Mallorca so groß?

Das größte Exemplar, das auf den Balearen bislang gefunden wurde, maß 1,85 Meter: Ein Mann hatte es auf seiner Finca auf Ibiza eingefangen. Nach Angaben der Enzyklopädie der iberischen Wirbeltiere ist das die Obergrenze für diese Art und damit also im Rahmen. Es gebe jedoch einige wissenschaftliche Arbeiten, die besagen, dass Individuen der Hufeisennatter auf den Balearen größer sind als gewöhnlich, erklärt Lluís Parpal, Leiter der balearischen Tierschutzorganisation Consorcio de Recuperación de Fauna de las Islas Baleares (COFIB), die zum Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei und Umwelt gehört.

Dass die Tiere so groß werden können, hat einen einfachen Grund: Sie haben auf Mallorca keine natürlichen Feinde. Das gilt auch für Formentera und Ibiza, wo sie heute als invasive Art gelten. Sie können also in Ruhe alt und damit groß werden. 

Wie kommt die Hufeisennatter auf die Balearen?

Ihren Weg auf die Balearen fand die Hufeisennatter wahrscheinlich mit Pflanzen, die vom Festland importiert wurden – für Gärten von Fincas und Hotels. Hufeisennattern überwintern in Bäumhöhlen, zum Beispiel von Olivenbäumen, und kamen darin auf die Inseln. 

Anfang 2023 schränkte die Regierung der Balearen daher die Einfuhr von Olivenbäumen (Olea europaea), Johannesbrotbäumen (Ceratonia siliqua) und Eichen (Quercus) ein: Bäume mit einem Stammumfang von mehr als 40 Zentimetern dürfen nur noch wenige Wochen im Frühjahr und Herbst auf die Insel geschifft werden.

Galerie: Porträts von Schlangen

Ansonsten sind „die Maßnahmen von Insel zu Insel unterschiedlich“, sagt Parpal. Man betreibe Aufklärung und erforsche die Bekämpfung der Art. In den vergangenen Jahren wurden auf einigen Inseln Fallen aufgestellt, um die Bestände einzugrenzen. Auf Mallorca nur in Gebieten, die dem Schutz oder der Erhaltung von geschützten Arten dienen, auf Ibiza und Formentera flächendeckender. Der gewünschte Erfolg blieb jedoch aus. 2019 erklärte das Umweltministerium der Inselgruppe den Kampf gegen die Schlangen sogar als verloren. 

Nach Angaben der Mallorca Zeitung wurden 2022 auf Mallorca 140 Hufeisennattern gefangen, auf Formentera 600 der Schlangen und auf Ibiza sogar 2710. 

Sind Hufeisennattern giftig?

Für Menschen ist die Ausbreitung der invasiven Art nicht wirklich gefährlich – sie sind nicht giftig. Wenn sie sich bedroht fühlen, können die Tiere jedoch beißen. Das ist schmerzhaft und kann sich entzünden. „Hufeisennattern reagieren und bewegen sich schneller als zum Beispiel die Leiternatter, die auch auf die Balearen eingeschleppt wurde“, sagt Parpal. Das mache den Umgang etwas komplizierter. „Für den Menschen sind die Tiere aber in jedem Fall harmlos“, sagt er. 

Der Stoffwechsel der Tiere hänge von der Umgebungstemperatur ab. Wer eine Schlange fangen möchte, macht das also besser in kühlen Stunden. 

Gefahr für endemische Arten

Eine beachtliche Gefahr stellen die Schlangen unterdessen für endemische Arten der Balearen dar. Besonders zwei Eidechsen sind betroffen: die Pityusen-Eidechsen (P. pityusensis) und die Balearen-Eidechsen. Beide wurden zu Beginn des Jahres von der Regierung als gefährdete Arten eingestuft, um sie besser schützen zu können. „Die Einführung invasiver Arten ist eine der Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt in einem Ökosystem“, sagt Lluís Parpal. Deshalb sei man durchaus besorgt. Die Tiere auf den Inseln hätten sich über Jahrhunderte losgelöst vom europäischen Festland entwickelt. „Sich an gebietsfremde Invasoren anzupassen oder sich gegen sie zu verteidigen, ist für sie kaum möglich.“ 

Eine Studie aus dem Jahr 2021 ergab, dass die Verbreitung der Schlangen auf Ibiza und den umliegenden Inseln zu einem schnellen Rückgang der Populationen endemischer Eidechsen führt. In manchen Gebieten sind die Echsen teilweise schon ausgestorben. Alleine die Schlangen sind jedoch nicht schuld: Die Zerstörung und Veränderung der Bodennutzung, der Verbrauch von Ressourcen, die Anwendung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln sind mindestens so gefährlich für die Echsen wie die neuen Bewohner der Insel. 

 

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