Tiere

Schön giftig

Nacktschnecken sind vielfältig, sie leben in allen Weltmeeren.

Von Jennifer S. Holland
Bilder Von David Doubilet

Nacktschnecken leben in allen Weltmeeren. Auf Sandböden und Korallenriffen, im Flachwasser und in mehr als tausend Meter Tiefe, in warmem wie in kaltem Wasser, ja sogar rund um die heißen Tiefseeschlote . Die meisten Arten sind fingergroß, ihr Körper ist allen Einflüssen der Umwelt direkt ausgesetzt. Sogar ihre Kiemen, über die sie Sauerstoff aus dem Wasser filtern, tragen sie in ungeschützten Büscheln auf dem Rücken (daher der biologische Name Nudibranchier, "Nacktkiemer"). Meeresnacktschnecken können ihren muskulösen Fuß vom Boden lösen und sich mit der Strömung treiben lassen. Manche Arten schwimmen sogar aktiv, aber eilig haben sie es so gut wie nie. Dabei gibt es in ihrem Lebensraum viele gierige Räuber. Warum also werden die Schnecken nicht vom Boden gepflückt wie die Garnelen vom Grill? Die Antwort lautet: Die meisten der rund 3000 Nacktschneckenarten können sich sehr gut verteidigen.

Viele von ihnen haben zunächst einmal eine zähe, höckerige, raue Haut. Vor allem aber haben sie das schützende Gehäuse ihrer Verwandten gegen weniger schwerfällige Waffen eingetauscht: giftige Sekrete und Nesselzellen. Einige Arten stellen eigene Gifte her, die meisten beziehen sie jedoch aus ihrer Nahrung. Manche fressen zum Beispiel giftige Schwämme. Das schadet ihnen nicht. Im Gegenteil: Sie speichern die ätzenden Verbindungen ihrer Beute im eigenen Körper und geben sie über Hautzellen oder Drüsen wieder ab, wenn sie gereizt werden. Andere Nacktschnecken bilden Nematocysten: Kapseln mit eng gepackten Stacheln, die sie von Feuerkorallen, Seeanemonen und Quallen aufgenommen haben. Die Schnecken sind gegen die Stiche immun. Sie rüsten mit der gestohlenen Artillerie vielmehr die eigenen Extremitäten auf - und informieren mögliche Feinde mit weithin leuchtenden Farben und Mustern: "Es ist besser für euch, mir vom Leib zu bleiben!"

Wenn hingegen Nacktschnecken verschiedener Arten aufeinandertreffen, frisst eine ohne Umstände die andere. Manche benutzen dazu Kiefer und Zähne, andere setzen verdauende Enzyme ein, um die Beute aufzulösen. Trotz ihres Arsenals an Giften und Nesselzellen gibt es auch noch andere Tiere, die Appetit auf Nacktschnecken haben: Fische, Schildkröten, Seesterne und einige Krebse. In Chile sowie auf den Inseln vor Russland und Alaska werden die Schnecken auch von Menschen verzehrt - gekocht, gebraten oder roh. Die Giftorgane werden natürlich vorher entfernt. Geschmeckt hat es unserem Fotografen David Doubilet dennoch nicht: "Als ob man einen Radiergummi kaut." In anderer Hinsicht sind sie für den Menschen nützlicher.

Forscher haben das einfache Nervensystem der Nacktkiemer untersucht, um Aufschlüsse über Lern- und Erinnerungsvorgänge zu gewinnen. In dem chemischen Arsenal der Tiere sucht man nach Arzneistoffen. Das hat eine lange Tradition: Schon Plinius der Ältere berichtete im 1. Jahrhundert n. Chr., man habe gemahlene Schnecken mit Honig vermischt und damit "Geschwüre am Kopf" behandelt. Bei einem Seehasen - ebenfalls einer Meeresschnecke - entdeckte man kürzlich einen krebshemmenden Wirkstoff, der mittlerweile klinisch erprobt wird. Fachleute schätzen, dass bis heute höchstens die Hälfte aller Arten von Nacktschnecken identifiziert sind, und selbst diejenigen, die man kennt, sind wenig erforscht. Die meisten leben höchstens ein Jahr, dann verschwinden sie einfach. Ohne Knochen oder ein Gehäuse, das übrig bleibt, erinnert nichts mehr an ihr kurzes, buntes Leben.

Während die Menschheit dabei ist, die Weltmeere unwiderruflich zu zerstören, sind der Artenreichtum in den Ozeanen und der mögliche Nutzen dieser Arten für die Menschen noch weitgehend unerforscht. Was können wir tun, um die hemmungslose und unkoordinierte Ausbeutung zu stoppen und die Nutzung der Meere in nachhaltige Bahnen zu lenken? Wie sollten wir uns verhalten, damit Mensch und Meer ein gesundes Gleichgewicht finden? Schreiben Sie Ihre Meinung an leserbriefe@nationalgeographic.de unter Angabe Ihrer Anschrift.

(NG, Heft 8 / 2008, Seite(n) 100)

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