Umwelt

Bis 2100 könnte der Großteil der Menschheit von tödlicher Hitze bedroht sein

Eine Studie warnt, dass bis 2100 75 Prozent der Menschheit durch tödliche Hitzewellen gefährdet sein werden, wenn der CO2-Ausstoß nicht sinkt. Freitag, 3 November

Von Stephen Leahy

Eine neue Studie hat herausgefunden, dass aktuell 30 Prozent der Menschheit jedes Jahr für 20 Tage oder länger potenziell tödlicher Hitze ausgesetzt sind. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die extreme Hitze des Klimawandels.

Ohne signifikante Reduzierungen der Emissionen von Treibhausgasen wie CO2 werden bis zum Jahr 2100 bis zu drei von vier Menschen vom Tod durch Überhitzung bedroht sein. Aber selbst mit diesen Verringerungen werden bis zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte aller Menschen vermutlich 20 Tage im Jahr erleben, an denen Hitze tödlich sein kann. Die Analyse wurde letzte Woche in „Nature Climate Change“ veröffentlicht.

„Tödliche Hitzewellen treten sehr häufig auf. Ich weiß nicht, warum wir uns als Gesellschaft nicht viel mehr Sorgen um diese Gefahren machen“, sagt Camilo Mora von der Universität von Hawaii in Manoa. Er ist der Hauptautor der entsprechenden Studie. „Die europäische Hitzewelle im Jahr 2003 hat ungefähr 70.000 Menschen getötet. Das sind 20 Mal mehr Menschen, als bei den Anschlägen vom 11. September ums Leben kamen.“

Gefährliche Hitzewellen sind deutlich verbreiteter, als man angenommen hat. Jedes Jahr kosten sie Menschen in mehr als 60 Regionen der Welt das leben. Zu den besonders tödlichen Hitzewellen zählten zum Beispiel jene in Moskau im Jahr 2010, der 10.000 Menschen zum Opfer fielen, sowie die Chigagoer Hitzewelle 1995, während der 700 Menschen starben.

Aber auch kürzlich haben Hitzewellen ihren Tribut gefordert. In den letzten drei Wochen sind Dutzende Menschen in Indien und Pakistan gestorben. Dort wütet eine Hitzewelle mit Rekordtemperaturen von bis zu 53,3 °C. Auch in den USA gab es in diesem Sommer schon durch Hitze ausgelöste Todesfälle.

OPFERZAHLEN

Mora und ein internationales Team aus Forschern und Studenten untersuchten mehr als 30.000 relevante Publikationen. Sie fanden Daten von 1.949 Fallstudien, bei denen Menschen durch hohe Temperaturen ums Leben kamen. Tödliche Hitzewellen wurden in New York City, Washington, D.C., Los Angeles, Chicago, Toronto, London, Peking, Tokyo, Sydney und São Paulo dokumentiert.

Das größte Risiko besteht für Menschen in feuchten Tropengebieten. Dort können schon leichte Anstiege in der durchschnittlichen Temperatur und Feuchtigkeit Todesfälle verursachen. Hitze kann laut Mora auch schon bei moderaten Temperaturen von weniger als 30 °C tödlich sein, wenn sie mit hoher Luftfeuchtigkeit einhergeht.

In den USA sterben zehnmal mehr Menschen durch Hitze als durch Tornados und andere extreme Wetterereignisse, erzählt Richard Keller. Er ist Professor für Medizingeschichte an der Universität von Wisconsin-Madison.

Extreme Hitze schleicht sich an uns heran, weil wir Hitze im Sommer eigentlich erwarten, so Keller, der ein Buch über die europäische Hitzewelle aus dem Jahr 2003 geschrieben hat.

Die Körpertemperatur des Menschen liegt im Normalfall zwischen 36 und 38 °C. Alles darüber gilt als Fieber. Wenn die Temperatur steigt, versucht der Körper, seine Temperatur durch Schwitzen zu regulieren.

Wenn die Körpertemperatur sich 40 °C nähert, beginnt die lebenswichtige Zellmaschinerie langsam zusammenzubrechen. Körpertemperaturen über 40 °C sind extrem gefährlich und bedürfen sofortiger medizinischer Behandlung.

Wenn der Hitzeindex – eine Größe zur Beschreibung der gefühlten Temperatur basierend auf Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit – 40 °C erreicht, heizen sich unsere Körper langsam auf die Umgebungstemperatur auf, wenn wir keine Gegenmaßnahmen ergreifen.

Sehr junge und alte Menschen, denen es an finanziellen Mitteln mangelt und die sozial isoliert sind, sind am meisten gefährdet. 2003 waren von den 15.000 Hitzetoten in Frankreich die allermeisten 75 Jahre oder älter. Viele von ihnen lebten allein, so Keller.

„Die zunehmende Ungleichheit führt zum Anstieg der Todesfälle durch extreme Hitze“, sagt er.

DIE HITZE DES SÜDENS

Hitze war in Indien, Pakistan und anderen Gebieten der südlichen Hemisphäre früher eigentlich kein so großes Problem. Durch den Klimawandel werden die Hitzeextreme nun aber häufiger und stärker, sagt Keller.

In den letzten Jahren sind Tausende Menschen in Indien durch Hitzewellen gestorben. Eine andere Studie, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurde, entdeckte einen weiteren beunruhigenden Anstieg. Die Zahl der Hitzewellen in Indien, die mehr 100 Menschen töten, hat sich zwischen 1960 und 2009 um das Zweieinhalbfache erhöht. Diese Zunahme lässt sich wahrscheinlich auf den Klimawandel zurückführen, sagt der Co-Autor der Studie Steven Davis. Er ist ein Professor an der Universität von Kalifornien, Irvine.

Indiens Durchschnittstemperatur hat sich in den vergangenen 50 Jahren hingegen nur um 0,5 °C erhöht – ein recht milder Anstieg im Vergleich zu anderen Regionen der Welt.

Messungen der Oberflächentemperatur haben ergeben, dass sich die Erde seit der vorindustriellen Zeit um 1 °C erwärmt hat. Diese zusätzliche Wärme ist allerdings nicht gleichmäßig verteilt. Die Durchschnittstemperatur der Arktis ist um 2,5 °C angestiegen. Im November 2016 waren die Temperaturen über einem Großteil des Arktischen Ozeans sogar um sagenhafte 20 °C höher als im Normalfall.

Schon kleine Anstiege in der Durchschnittstemperatur können große Auswirkungen auf Länder in den Tropen haben, so Davis, speziell unter den Armen, die besonders schutzlos sind.

„In Chicago können Menschen der Hitze entkommen, aber bei vielen armen Menschen in Indien ist das nicht der Fall“, sagt er.

Temperaturmessungen zeigen, dass die Sommer in 92 Prozent der USA seit 1970 heißer geworden sind. Die Städte in Texas und der Region zwischen den Rocky Mountains und der Sierra Nevada sind laut Daten von ClimateCentral am stärksten betroffen. Sie zeigen, dass die Sommer in Milwaukee im Schnitt 1,34 °C wärmer sind, 1,6 °C in Dallas und 2,1 °C in Salt Lake City.

„Das ist es, was der Klimawandel hier auf dem Boden [für uns] bedeutet“, sagt Davis. Auch die 60 tödlichen Hitzewellen pro Jahr seien nicht überraschend, fügt er hinzu. Die wärmeren Temperaturen nötigen die Menschen, ihr Zuhause zu verlassen und abzuwandern.

„Unsere Einstellung zur Umwelt war so rücksichtslos, dass uns für die Zukunft bald keine guten Optionen mehr offenstehen“, sagt Mora von der Universität von Hawaii.

„Was Hitzewellen angeht, haben wir jetzt noch die Wahl zwischen schlimm und fürchterlich“, sagt er. „Weltweit zahlen bereits viele Menschen den ultimativen Preis dieser Hitzewellen.“

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