Umwelt

Das unersättliche China

Wie ernährt man ein Land, das aus allen Nähten platzt? Nicht allein mit Reis.Freitag, 26. Januar 2018

Von Tracie McMillan
Bilder Von George Steinmetz
Die Laohuzui-Reisterrassen werden zum Teil noch wie seit Urzeiten
mit Pflügen bestellt, die von Wasserbüffeln gezogen werden. Die industrielle Landwirtschaft nimmt in China zu, doch Kleinbauern spielen immer noch eine wichtige Rolle.

Eben noch hat Jiang Wannian einen hüfthohen Haufen getrockneter Rettichpflanzen mit seinem rostigen Traktor platt gefahren, um die Samen zu lösen. Jetzt arbeiten Jiang und seine Frau Ping Cuixiang Seite an Seite. Wer die beiden die Samen des Daikon-Rettichs ernten sieht, fühlt sich in eine längst vergangene Zeit versetzt. Ihr 665 Quadratmeter großer Acker liegt in einem trockenen, von dunklen Bergen umgebenen Tal in Gansu, einer Provinz im nördlichen Zentralchina.

Wie Jiangs und Pings Betrieb sind über 90 Prozent aller Bauernhöfe in China kleiner als ein Fußballfeld. Die Durchschnittsgröße gehört zu den kleinsten der Welt. Doch diese Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte. China hat bei der Landwirtschaft in wenigen Jahrzehnten nachgeholt, wofür der Westen über ein Jahrhundert Entwicklungszeit brauchte – und ihn in gewisser Weise sogar überholt. Heute existieren hier alle Formen von Landwirtschaft nebeneinander: winzige Familienhöfe, hochmoderne industrielle Fleischfabriken und Molkereibetriebe, auf Nachhaltigkeit ausgelegte Hightech-Bauernhöfe, sogar städtische Bio-Betriebe.

Die Modernisierung ist dringend notwendig, denn China ringt mit einer gewaltigen Aufgabe: Wie ernährt man fast ein Fünftel der Weltbevölkerung, wenn man weniger als ein Zehntel der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche zur Verfügung hat? Das Leben vieler Chinesen ist heute geprägt von wachsendem Wohlstand, technischem Fortschritt – und einem Geschmack, der zunehmend dem des Westens ähnelt. Chinesen essen heute fast dreimal so viel Fleisch wie 1990. Der Konsum von Milch und Milchprodukten hat sich bei Stadtbewohnern von 1995 bis 2010 vervierfacht, bei der Landbevölkerung fast versechsfacht. Und Chinesen kaufen inzwischen wesentlich mehr industriell verarbeitete Lebensmittel: Deren Konsum ist von 2008 bis 2016 um etwa zwei Drittel gestiegen. 

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Huang Jikun ist Experte für Agrarökonomie an der Universität Peking. Er sagt: „Wir brauchen einige Veränderungen, wenn China die Bedürfnisse seiner Bevölkerung mit heimischer Produktion stillen will.“ Die Bewässerung müsste modernisiert, die Technik verbessert, die Mechanisierung vorangetrieben werden. Doch am wichtigsten: Die kleinen Bauernhöfe des Landes müssten vergrößert werden.

Wer ein paar Tage auf dem Hof von Jiang Wannian und Ping Cuixiang verbringt, kann sich nur schwer vorstellen, dass es in China industrielle Bauernhöfe gibt, die zu den höchst entwickelten der Welt gehören – vor allem in der Fleisch­ und Milchproduktion, die nach westlichem Vorbild aufgebaut wurde. Die Molkerei des Unternehmens Modern Farming in Bengbu in der östlichen Provinz Anhui wurde vor vier Jahren eingerichtet und ist größer als jede andere Anlage in China oder den USA. Für den Weg durch einen einzigen Kuhstall und eine Verarbeitungsanlage braucht man fast fünf Minuten. Drinnen herrscht gedämpftes Licht, in der kühlen Luft liegt ein süßlicher, nicht unangenehmer Geruch nach Tier und Dung. Die schwarz­weiß gefleckten Holstein­-Kühe stehen ruhig nebeneinander; manchmal stecken sie ihren Kopf durch das Metallgitter, um an das Futter entlang dem betonierten Gehweg zu gelangen oder Besucher zu beäugen. Der Hof mit seinen fast 240 Hektar verfügt über acht Ställe für je 2880 Milchkühe, in weiteren Gebäuden sind Kälber und trächtige Kühe untergebracht. In Spitzenzeiten leben hier 40.000 Tiere – einer der größten Rinderbestände der Welt.

Ähnlich großräumige Anlagen findet man auch für Schweine. Ihr Fleisch wurde in China schon immer hoch geschätzt, traditionell wurden Schweine in Hinterhöfen aufgezogen und geschlachtet. Noch 2001 machten Bauernhöfe mit mehr als 50 Schweinen nur ein Viertel des Marktes aus, 2015 waren es schon geschätzte drei Viertel. Die wachsende Nachfrage nach Geflügel und Eiern wird ebenfalls von Großbetrieben befriedigt. Aber nirgends schreitet die Industrialisierung so schnell voran wie in der Milchproduktion: 2008 hatte nicht mal einer von sechs Milchviehbetrieben 200 Kühe oder mehr; 2013 war es schon einer von drei Betrieben.

Der Druck zur Professionalisierung kommt auch von den Verbrauchern: 2008 geriet beim Melaminskandal lebensgefährlich gepanschte Babynahrung in Umlauf, 300.000 Kinder erkrankten. Lebensmittelskandale häufen sich, sie reichen von Schlangenbohnen voll verbotener Pestizide bis zu verdorbenem Fuchsfleisch, das als Eselsfleisch verkauft wurde. Fast drei Viertel der chinesischen Kunden haben Sorge, dass ihre Lebensmittel gesundheitsschädlich sein könnten, ergab eine Studie im Jahr 2016. Die vielen kleinen Bauernhöfe sorgen dafür, dass Chinas System „fast völlig unkontrollierbar ist, was Nahrungsmittelsicherheit angeht“, sagt Scott Rozelle, Chinaexperte von der Stanford University. Dagegen lassen sich in der industriellen Milch­ und Fleischproduktion die Produkte zurückverfolgen und damit Verantwortliche benennen. Genau das fordern die Konsumenten. Die chinesische Redewendung „Lass dein Herz ruhen“ – im Sinne von „Mach dir keine Sorgen“ – hört man heute vor allem von Bauern, wenn sie ihre Produkte als unbedenklich anpreisen wollen. 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 2/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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