Katastrophale Abholzung der Regenwälder schreitet fast ungebremst voran

Ein neuer Bericht offenbart, dass 2017 fast 16 Mio. Hektar tropischer Wälder verschwanden – fast die Hälfte der Fläche Deutschlands. Freitag, 29. Juni 2018

Stellt euch vor, ihr würdet auf einen riesigen grünen Wald hinabblicken – aber bevor ihr euer Smartphone zücken könnt, um ein Foto zu machen, ist er verschwunden.

In den tropischen Regionen unserer Welt verschwindet der Wald rasant. In den letzten zwei Jahren wurde in jeder Minute jedes einzelnen Tages eine Fläche von 40 Football-Feldern verbrannt oder abgeholzt, um Platz für den Anbau von Soja oder Palmöl zu schaffen, Weideflächen für Vieh zu gewinnen oder Holzprodukte herzustellen.

Trotz der Bemühungen, die Entwaldung in den Tropen zu stoppen, hat sich der Verlust von Waldflächen in den letzten 15 Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2017 verschwanden 15,8 Millionen Hektar – das entspricht fast der Hälfte der Fläche Deutschlands. Die Daten lassen sich in einem Bericht der Forschungsgruppe World Resources Institute (WRI) nachlesen. Die jüngste Bilanz wird nur von jener aus dem Jahr 2016 übertroffen, das einen Waldflächenverlust von 16,9 Millionen Hektar zu beklagen hatte.

Auch Waldbrände, Dürren und Tropenstürme spielen zunehmend eine Rolle beim Waldschwund, da der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, dass solche Ereignisse häufiger auftreten und heftiger ausfallen. Die Regionen, die 2017 den meisten Wald verloren haben, sind Lateinamerika, Südostasien und Zentralafrika.

Auch die Entwaldung selbst treibt den Klimawandel beständig voran. Die Emissionen durch den Verlust tropischer Wälder reicherte die Atmosphäre 2017 mit 7,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid an, wie das WRI berichtet. Das sind 50 Prozent mehr die CO2-Emissionen aus dem Energiesektor der USA.

Während die Zerstörung der Wälder große Mengen an CO2 freisetzt, können gesunde, wachsende Wälder es aus der Atmosphäre ziehen und speichern. Auch deshalb ist der Schutz unserer Wälder einer der Schlüsselfaktoren, um das Voranschreiten des Klimawandels zu bremsen. Da tropische Wälder das ganze Jahr über wachsen, sind sie dabei besonders wichtig. Angemessene Schutzmaßnahmen und Aufforstungen tropischer Wälder, Mangroven und Moore könnten dem WRI-Bericht zufolge eine kostengünstige Möglichkeit darstellen, um bis zu 23 Prozent der CO2-Reduzierung abzudecken, die bis zum Jahr 2030 erreicht werden soll.

Trotzdem investieren diverse Länder und die Privatwirtschaft jedes Jahr 100 Milliarden Dollar in Subventionen für Praktiken, bei denen noch mehr Wald zerstört wird, berichtet Frances Seymour vom WRI. Dazu zählen vor allem die Ausweitung von Landwirtschaftsflächen und die Grundstückserschließung. Gleichzeitig werden nur eine Milliarde Dollar für den Schutz der Wälder ausgegeben, wie sie hinzufügt.

„Das ist, als würde man versuchen, einen Wohnungsbrand mit einem Teelöffel zu löschen, während noch mehr Benzin ins Feuer geschüttet wird.“

GRÖSSTER ÜBELTÄTER: DIE VIEHZUCHT

Ein Großteil der Subventionen und Investitionen kommen dem Export von Nahrungsmitteln und Holzprodukten in andere Länder zugute. China und Indien zählen zu den weltweit größten Abnehmern von Soja, Zellstoff, Papier und Palmöl. China importiert zudem große Mengen Rindfleisch, und die Viehzucht ist laut einem WRI-Bericht über abholzungsfreie Lieferketten mit Abstand die größte Ursache für den Waldschwund.

Die Subventionen und Investitionen sollten auf nachhaltige Landwirtschaftsprojekte umverteilt werden, die Flächen nutzen, welche zuvor nicht entwaldet werden mussten, findet Andreas Dahl-Jørgensen. Er ist der Vizedirektor von Norwegens internationaler Klima- und Waldinitiative.

Auf Flächen, die Gemeinden oder indigenen Bevölkerungsgruppen gehören, ist der Waldschwund nicht mal halb so groß wie andernorts. Aber die Bilanz hat ihre Schattenseiten: Die Menschenrechtsgruppe Global Witness verzeichnete 2017 197 Fälle von Mord an Menschen, die ihr Land und ihre Umweltrechte verteidigten. Viele von ihnen gehörten zur indigenen Bevölkerung der jeweiligen Region, sagt Victoria Tauli-Corpuz, eine Expertin der UN.

Die Anerkennung und Unterstützung der Rechtsansprüche indigener Bevölkerungsgruppen – die mehr als 50 Prozent der Landflächen unserer Welt bewohnen – sei ihr zufolge ein mächtiges Werkzeug für den Schutz der Wälder und des Klimas.

FÜNF FAKTEN AUS DEM NEUEN BERICHT

* Brasilien ist nach wie vor mit Abstand die führende Nation bei der Abholzung von Wäldern. Im Jahr 2017 verlor das Land 4,5 Millionen Hektar. Auf Platz zwei befindet sich die Demokratische Republik Kongo mit 1,5 Millionen Hektar.

* Indonesien konnte den Verlust seiner Wälder 2017 um ganze 60 Prozent verringern. Allerdings stieg der Verlust von Primärwäldern auf Sumatra, der Heimat des vom Aussterben bedrohten Sumatra-Tigers. Dort büßte selbst der Nationalpark Kerinci-Seblat 7.500 Hektar Wald ein.

* 2017 war der Waldverlust in Kolumbien dreimal höher als noch 2015. Das Ende des Bürgerkrieges führte zu einem Ansturm auf Landflächen, die für Viehzucht, Rohstoffgewinnung, Sojaanbau und Landspekulation genutzt werden.

* Im Kongo wurde die industrielle Holzgewinnung vor 16 Jahren eingestellt. Trotzdem nahm der Waldverlust in Jahren 2016/17 wieder zu. In diesem Jahr erhielten chinesische Unternehmen Lizenzen zur Abholzung im größten verbleibenden Torfwald der Welt.

* Der karibische Inselstaat Dominica büßte durch die Hurrikans 2017 ganze 32 Prozent seiner Waldfläche ein, während es auf Puerto Rico 10 Prozent waren.

 

Wei­ter­le­sen