Umwelt

Das Labyrinth ihres Lebens

In Borneo bringen Forscher Licht ins Dunkel einer der größten, geheimnisvollsten Höhlen dieses Planeten. Donnerstag, 28 März

Von Neil Shea
Bilder Von Carsten Peter

Eavis zieht ein schwarzes, eng anliegendes Lauftrikot an – die Standarduniform für Forscher in heißen Höhlen wie denen Borneos, in denen die Temperaturen 26 Grad erreichen können. Er sammelt einen ramponierten roten Helm auf, an dem eine teetassengroße Lampe befestigt ist. „Als ich anfing, hatten wir keine solche Ausrüstung“, sagt Eavis. Damals, erinnert er sich, seien sie praktisch im Dunkeln herumgestolpert. „Wir haben oft gar nicht gewusst, was wir da Großartiges entdeckt hatten.“

Zum ersten Mal kam Eavis nämlich bereits 1979 nach Borneo. Das Höhlenklettern war zu dieser Zeit noch recht unbekannt. Eavis und seine Freunde hatten daheim in Großbritannien an ihren Fähigkeiten gefeilt, wo Höhlen normalerweise klein und kalt sind. Borneos Höhlen katapultierten Eavis und seine Kameraden in eine bisher unbekannte Dimension.

Gleich ihre erste Entdeckung brachte ihnen einen Rekord ein: die Deer Cave oder Gua Rusa, drei Kilometer lang und mit einem Eingang so gigantisch – fast 150 Meter hoch –, dass die Sonne tief hineinschien und frische Luft durchströmte. An der Grenze zwischen Tageslicht und Dunkelheit war ein seltsamer Lebensraum entstanden. An der Höhlendecke hing eine gigantische Kolonie Fledermäuse, am Boden wimmelten ihre dicken Guanohaufen von Schaben, Krebsen, Würmern und Mikroben.

Ein Jahrzehnt lang galt die Deer Cave als der größte bekannte Höhlengang der Welt, bis heute ist sie eine besondere Attraktion. Auf einem Bohlenweg können Touristen die ganze Länge der Höhle ablaufen. Der Höhepunkt ist der Einbruch der Dämmerung: Dann verschwinden Millionen Fledermäuse wie Rauch in der Nacht.

Viele der Höhlen Borneos verstecken sich in Felsspalten, verdeckt von Sträuchern und Gestrüpp. Die höher gelegenen Eingänge führen oft in ältere, relativ trockene Höhlen. Die niedriger gelegenen erinnern an monströse Abwasserkanäle: riesige Löcher im Gestein, die den Regen in unterirdische Flüsse leiten. Diese Flusshöhlen sind erst vor einigen Hunderttausend Jahren entstanden und ausgekleidet mit wunderschönen Kalksteinformationen. Sie beherbergen Fische, Vögel, Schlangen, geisterweiße Krebse und unzählige Insekten und Spinnen.

Das Abenteuer von 1979 legte den Grundstein für die Forschungen auf Borneo. Mehrere Teams haben seitdem die lange Reise nach Mulu unternommen. Eavis selbst hat viele Expeditionen geleitet, diese ist schon seine 13. Er hat ein Team von 30 Höhlenforschern zusammengestellt, darunter sind auch sein Sohn Robert und viele Mulu­Veteranen.

Eavis ging davon aus, dass sie auch dieses Mal viele Kilometer Höhlengänge neu entdecken würden. Er teilte sein Team in drei Gruppen auf: Zwei sollten in einem entlegenen Gebiet des Regenwalds neue Gänge aufspüren. Eine dritte würde das „Verbindungsteam“ bilden: Es sollte die noch unbekannten Stellen aufspüren, an denen die Höhlensysteme möglicherweise zusammengeführt werden können.

Doch zwei Wochen nach dem Start hat Eavis’ Optimismus einen Dämpfer bekommen. Bisher sei alles sehr langsam vorangegangen, sagt er enttäuscht. An einem Morgen macht sich Eavis mit einer kleinen Mannschaft auf den Weg zur Gua-Nasib-Bagus – der Good Luck Cave oder Glückshöhle. Darin befindet sich der größte bekannte unterirdische Raum der Erde: die Sarawak-Kammer, 600 Meter lang, 435 Meter breit und 150 Meter hoch, in ihrem surrealem Innern könnte das Londoner Wembley-Stadion zweimal Platz finden. Eavis selbst hat die Halle 1981 entdeckt.

Einer der Männer, die der Höhle heute neue Geheimnisse entlocken wollen, ist Philip Rowsell, den alle nur „Mad Phil“ (den „Irren Phil“) nennen. „Man findet oft Dinge, die frühere Forscher übersehen haben“, erklärt er. Besonders dann, wenn die Höhle so unfassbar groß ist wie diese. Rowsell ist sich sicher, dass in der Sarawak-Kammer noch viel mehr unentdeckte Gänge auf ihre Entdeckung warteten – vor allem in der Höhlendecke, wo noch nie jemand gesucht habe.

Ein hoher Spalt In einer Kalksteinwandbildet den Eingang zur Glückshöhle, aus dem ein Fluss nach draußen strömt. Die Forscher waten hinein. Das klare, warme Wasser reicht ihnen zuerst nur bis zu den Waden, schwillt dann erst auf Hüft- und später bis auf Brusthöhe an.

Nach und nach weitet sich der Gang. Der Schein der Stirnlampen fängt hier und da Fledermäuse und Vögel ein. Der Fluss verwandelt sich zusehends in einen Wildwasserstrom. Er schießt vorbei an scharfkantigem Kalkstein und zwingt die Gruppe, Halt auf den von Gischt und Guano glatten Felsbrocken zu suchen. In den Wänden stecken Haken; frühere Höhlenkletterer haben sie eingeschlagen und daran Seile befestigt, um sich gegen die Strömung vorwärtsziehen zu können.

„Mad Phil“ ist dafür bekannt, Höhlenwände zu erklimmen, an die sich sonst niemand herantraut. In der Nähe des Eingangs zur Halle setzt er Bohrhaken in die Wand, um sich an einem Felsvorsprung entlang zur Decke vorzuarbeiten. Die anderen drängen unten weiter, um den riesigen unterirdischen Raum zu ergründen.

Weil das Sonnenlicht fehlt, verschwimmt auch das Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist. Der Tag wird stattdessen durch Mahlzeiten, Tee und Schokoriegeln eingeteilt. Am Abend legen sich alle in Schlafsäcke auf flache Felsen und spannen Leinen, um die Socken zu lüften. Jenseits des Lagers funkeln Sternenbilder im Lampenschein – es sind die Augen zahlloser Spinnen, manche davon so groß wie eine Hand.

Bei einem weiteren Ausflug suchen die Entdecker die linke Seite der Halle nach einem unentdeckten Eingang ab. Sarawak ist so groß, dass es dort viele Zonen gibt, die sich deutlich voneinander unterscheiden.

Diesmal klettern sie durch mindestens ein halbes Dutzend davon: erst ein Haufen loser, schlammiger Felsbrocken, dann ein Kalksteinlabyrinth, dessen Wände rau sind wie eine Käsereibe, und danach eine unheimlich stille Nische mit einem Teppich aus Federn und dicken Guanoablagerungen. Der Ort wirkt, als würden sich Vögel, Spinnen und die anderen Höhlengeschöpfe hierher zurückziehen, um zu sterben.

Dahinter liegt ein abgeschirmter Brutplatz, wo die Höhle so warm und ruhig ist, dass die Salanganen sich sicher genug fühlen und ihre Eier auf den nackten Boden legen. Das Geräusch von Wasser und die Vogelschwärme verraten, dass es hier einen weiteren Eingang geben muss. Aber die Männer finden ihn nicht.

Am Ende werden Eavis und sein Team auf dieser Expedition keine neuen Rekorde brechen. Auch die beiden Kletterer, die das Clearwater Höhlensystem mit seinem Nachbarn verbinden wollten, werden kein Supersystem finden. Aber immerhin entdecken und kartografieren die Forscher 23 Kilometer neue Gänge – ein respektables Ergebnis. „Wir waren extrem nah dran“, sagt Eavis. Ihn treibe aber nicht die Jagd nach Rekorden an, versichert er. Mulu sei einfach, sagt er, das Labyrinth seines Lebens.

Diese Reportage wurde gekürzt und bearbeitet. Lesen Sie den ganzen Artikel in Heft 4/2019 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

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