Wenn das Dach der Welt schmilzt

Gewaltige Gletscher prägen den Himalaja. Jetzt schwinden sie, und durch das Schmelzwasser entstehen viele neue Seen. Die Gefahr katastrophaler Überschwemmungen nimmt zu. Donnerstag, 21. November 2019

Wer den Himalaja aus der Luft betrachtet, sieht ein Meer zerklüfteter weißer Gipfel, das sich bis zum Horizont erstreckt. Diese Landschaft ist weltweit einmalig: Seit Jahrtausenden werden die riesigen Gletscher dieses Hochgebirges vom Monsun gespeist, der die Berge jeden Sommer mit neuem Schnee bedeckt. Doch Ende des Jahrhunderts werden viele der Giganten aus Eis möglicherweise verschwunden sein.

Anfang 2019 veröffentlichte das International Centre for Integrated Mountain Development in Kathmandu die bisher umfassendste Analyse zu der Frage, wie sich der Klimawandel auf die Gletscher von Himalaja, Hindukusch, Karakorum und Pamir auswirken wird. Diese Gebirge bilden gemeinsam einen großen Bogen von Afghanistan und Pakistan bis nach China, Indien, Nepal, Bhutan und Myanmar. Bis zum Jahr 2100, so die Studie, würden in der Region je nach Tempo der globalen Erwärmung zwischen einem und zwei Drittel der rund 56000 Gletscher verschwinden. Für die rund 1,9 Milliarden Bewohner Südasiens ist das eine düstere Aussicht, denn für sie sind die Gletscher unentbehrlich – ihr Wasser dient nicht nur zum Trinken, sondern es wird auch für Landwirtschaft und Stromerzeugung gebraucht.

Wohin fließt die enorme Menge Wasser, die freigesetzt wird, wenn die Gletscher schmelzen? Insgesamt sind es rund 3850 Kubikkilometer; das entspricht etwa dem 80-fachen Volumen des Bodensees. Die Forscher sagen voraus: Der Himalaja wird sich rasch zu einem Gebirge wandeln, für das Seen charakteristisch sind. Eine weitere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass schon zwischen 1990 und 2010 in den asiatischen Gebirgszügen mehr als 900 neue, von Gletschern gespeiste Seen entstanden sind. Sie sind so abgelegen, dass die Wissenschaftler sie nur mithilfe von Satellitenaufnahmen zählen konnten. „Das alles geschieht viel schneller, als wir noch vor fünf oder zehn Jahren geglaubt hätten“, sagt Alton Byers, der als Geograf und National Geographic Ex­plorer an der University of Colorado in Boulder forscht.

Man kann sich einen Gletscher als eine Art Bull­dozer aus Eis vorstellen: Er schiebt sich entlang einer Bergflanke langsam talwärts, durchpflügt den Boden und hinterlässt beiderseits seines Weges Wälle aus Gesteinstrümmern. Man nennt sie Morä­nen. Wenn ein Gletscher schmilzt und sich zurück­ zieht, füllt sich die verbliebene Furche mit Wasser, und die Moränen wirken wie natürliche Dämme.

 „Am Anfang steht eine Reihe von Schmelzwasserteichen“, erklärt Byers. „Die verbinden sich zu einem einzigen Teich und später zu einem größeren See. Der wächst Jahr für Jahr weiter, bis er irgend­ wann mehrere Millionen Kubikmeter Wasser enthält.“

Wenn sich einer dieser Gletscherseen füllt, kann er irgendwann die Moränen, die ihn begrenzen, überfluten. Im schlimmsten Fall geben diese nach. Ein solches Ereignis bezeichnen Wissenschaftler als glacial lake outburst flood, als „Gletscherseeausbrü­che“. Auch die Sherpa haben ein Wort dafür: chhugyumha, eine „katastrophale Überschwemmung“.

Im Fokus stehen vor allem der Rolpa-See im nepalesischen Rolwaling-Tal und der Imja-See am Fuß des Mount Everest, der unmittelbar an der Trekkingroute zum Basislager des Achttausenders liegt. Ende der Achtzigerjahre beschäftigten sich erstmals Wissenschaftler mit beiden Gewässern. Auf Satellitenbildern war zu erkennen, dass der Imja-See in den Sechzigerjahren entstanden war und sich in beunruhigendem Tempo ausdehnte.

„Die Gletscherseen machen vor allem deutlich, dass sich die Gefahren ständig ändern“, sagt Paul Mayewski, der Direktor des Climate Change Institute an der University of Maine, der 2019 eine Expedition der National Geographic Society zur Erforschung der Gletscher Nepals leitete. So sind viele Moränen, die Gletscherseen zurückhalten, von Natur aus durch Eisbrocken verstärkt, die zur Stabilisierung der Gesamtstruktur beitragen. Wenn das Eis schmilzt, kann eine einst festgefügte Moräne nachgeben.

Andere Bedrohungen lauern unter dem Eis. Im Laufe des Schmelzprozesses können sich in einem schrumpfenden Gletscher große Hohlräume bilden, die sich dann mit Wasser füllen. Solche verborgenen Reservoire stehen in manchen Fällen durch natürliche Röhren mit den Teichen an der Oberfläche in Verbindung. Wenn sich durch das schmelzende Eis plötzlich ein Abfluss für eine solche Wasserkammer öffnet, fließen unter Umständen Dutzende verbundene Teiche gleichzeitig ab und lassen eine Flutwelle entstehen. Solche Ereignisse – Wissenschaftler sprechen von englacier conduit floods – sind zwar kleiner und weniger verheerend, kommen aber häufiger vor. Man weiß nur wenig über sie. „Es ist nicht so einfach herauszufinden, wie Wasser durch die Gletscher fließt“, sagt Mayewski.

Fürs Erste jedoch gilt die Hauptsorge den eingangs erwähnten „Gletscherseeausbrüchen“. Forscher können die Risiken oft nur über Untersuchungen vor Ort abschätzen. Aber um abgelegene Seen zu erreichen, müssen sie manchmal tagelang wandern. Eine 2011 erschienene Studie konstatierte allein in Nepal für 42 Seen eine hohe oder sehr hohe Überflutungsgefahr. Im gesamten Himalaja dürfte die Zahl bei mehr als hundert liegen.

Der Brite John Reynolds ist auf geologische Gefahren spezialisiert und hat an einem Projekt zur Absenkung des Pegels des Rolpa-Sees mitgearbeitet, in den Augen vieler Experten der gefährlichste See Nepals. Er ist so abgelegen, dass man schwere Maschinen in Einzelteilen mit dem Hubschrauber herantransportieren und dann vor Ort zusammensetzen musste. Ingenieure bauten hier einen kleinen Damm mit Schleusentoren und ließen so langsam Wasser ab. „Wenn es zu schnell abläuft, werden die Talflanken unter Umständen instabil, besonders die seitlichen Moränen, die das Wasser aufgestaut haben“, sagt Reynolds. Am Ende des Einsatzes lag der Wasserspiegel des Rolpa-Sees um 3,50 Meter niedriger – auch wenn die Gefahr einer Flutwelle nicht völlig gebannt ist, war das in Verbindung mit dem Aufbau von Frühwarnsystemen ein Schritt in die richtige Richtung.

Wissenschaftler entwickeln ständig neue Methoden zur Erforschung der Seen und lernen immer besser, das wahre Gefahrenpotenzial jedes einzelnen Gewässers zu beurteilen. In einigen Fällen stellten sie fest, dass sie die Risiken überschätzt hatten. „Eigentlich besteht kein Zusammenhang zwischen der Entstehung einer katastrophalen Überschwemmung und der Größe eines Sees“, sagt Reynolds. „Entscheidend sind die Wechselwirkungen zwischen dem Wasserkörper und dem Damm.“ Das unterstreicht auch der nepalesische Forscher Dhananjay Regmi: „Wir machen uns vor allem um die großen Seen Sorgen, aber in den letzten Jahren wurden die meisten Katastrophen durch relativ kleine Gewässer ausgelöst, bei denen wir nie damit gerechnet hatten.“

Eines aber steht außer Frage: Die Voraussetzungen für die Entstehung von Flutwellen nehmen zu. Reynolds weist auch darauf hin, dass tauender Permafrost immer häufiger zu großen Felsstürzen und Erdrutschen führt, und wenn dabei gefährdete Seen getroffen werden, könnten Flutwellen entstehen. Der Nepalese Regmi sieht im Wachstum der Seen aber auch wirtschaftliche Chancen. „Jeder See hat seine charakteristischen Merkmale, und mit jedem müssen wir anders umgehen“, erklärt er. Manche eignen sich nach seiner Ansicht gut als Quellen für Mineralwasser, andere zur Stromerzeugung per Wasserkraft oder für den Tourismus.

Alton Byers betrachtet die bisher erzielten Fortschritte optimistisch. „Es sind nicht nur die großen Infrastrukturprojekte wie die Absenkung des Imja-Sees. Die Bewohner der abgelegenen Hochgebirgsregionen entwickeln in aller Stille ihre eigenen technischen Lösungen.“ Er berichtet, dass die Bewohner des Khumbu-Tals mittlerweile sogenannte Gabionen bauen: Diese mit Steinen gefüllten Käfige sollen Flutwellen von Siedlungen weglenken.

Solche Bemühungen der Einheimischen zahlten sich bereits 2016 aus: Damals entstand oberhalb des Dorfes Chukung eine Flutwelle. Die Gabionen hielten ihr stand und lenkten das Wasser um mehrere Lodges herum. Das Dorf war gerettet.

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie mehr in Heft 12/2019 des National Geographic-Magazins.

 

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