Die Zukunft der Kalahari

In der vertrockneten Landschaft der Savanne könnten weiter steigende Temperaturen und heftige Dürren das sensible natürliche Gleichgewicht bedrohen.

Von Leonie Joubert
Bilder Von Thomas P. Peschak
Veröffentlicht am 18. Aug. 2021, 08:59 MESZ
Eine Gruppe Erdmännchen sieht stehend in die Ferne

Bei Erdmännchen – einer Mangustenart – ist Überleben eine Gruppenleistung. Wächter halten Ausschau nach möglichen Gefahren, und rangniedrigere Erwachsene, meist Weibchen, füttern und hüten die Jungen der dominanten Fähe. Es ist nicht klar, wie sich der Klimawandel auf die Erdmännchen hier auswirken wird, aber heißere, trockenere Sommer dürften auch ihre Zahlen schrumpfen lassen.

Bild Thomas P. Peschak

Regungslos verharren zwei Silhouetten in der Nacht. Oben lässt ein silbern verschleierter Mond den Himmel erahnen. Unten liegt die Erde als dunkle Scheibe. Geräusche verleihen der Nacht Tiefe: Pfeifgeckos geben kastagnettenartig klappernde Rufe von sich, die in der Dunkelheit verhallen. Die beiden Frauen sitzen seit Stunden in gespannter Erwartung auf einer flachen Düne. Ihre Telemetriegeräte haben sie bei Sonnenuntergang an diesen Ort im südlichen Teil der Kalahari geführt, die gemeinhin als Wüste bezeichnet wird, aber Merkmale eines Trockensavannen-Ökosystems aufweist.

Irgendwo unter ihnen, in einem Labyrinth aus Gängen und Höhlen, weilt ein Steppenschuppentier, das sie seit zwei Monaten beobachten. Die Schuppentier-Dame ist spät dran – es ist 22 Uhr –, was mit der sengenden Hitze des Tages zusammenhängen könnte. „Hopewell 3“ lautet ihr Name in den Studienprotokollen. Die beiden Doktorandinnen Wendy Panaino, 28, und Valery Phakoago, 30, folgen ihr, indem sie die Pieptöne von Radiosignalen auswerten. Der Sender ist an einer Schuppe an Hopewells Hinterteil befestigt. Heute Nacht sind die Forscherinnen auf der Suche nach Schuppentierkot – „Kalahari-Gold“ nennen sie ihn. Die Exkremente liefern eine Fülle von Informationen darüber, wie das Leben dieses scheuen, ameisen- und termitenfressenden Tieres mit den Gräsern und den winzigen Insekten verwoben ist, die die Grassamen sammeln und fressen; sie sind ein wichtiger Baustein zum wissenschaftlichen Verständnis der Vernetzung allen Lebens in der afrikanischen Trockensavanne. Und alles Leben beginnt mit den Sommerniederschlägen, die sich normalerweise von November bis März ereignen.

Heute Nacht sind die Forscherinnen auf der Suche nach Schuppentierkot – „Kalahari-Gold“ nennen sie ihn.

Ihr Forschungsprojekt, das vom Wildlife Conservation Physiology Lab der Universität Witwatersrand in Johannesburg durchgeführt wird, ist Teil einer größeren Studie namens Kalahari Endangered Ecosystem Project (KEEP). Dieses untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf das empfindliche Gefüge des Lebens in der Trockensavanne. Dieser Teil der Kalahari ist bereits als Klima-Hotspot ausgewiesen. Modellrechnungen von Klimaforschern der Universität Kapstadt deuten darauf hin, dass die Durchschnittstemperatur in Botswana – unmittelbar nördlich der Futterplätze von Hopewell 3 – innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als zwei Grad ansteigen wird. Dies gilt für den Fall, dass der globale Temperaturanstieg mehr als 1,5 Grad beträgt, was durch das Pariser Klimaschutzabkommen der Vereinten Nationen vermieden werden soll; bei einer durchschnittlichen Erderwärmung um mehr als drei Grad, was hier 4,2 Grad bedeuten würde, sehen die Wissenschaftler einen Systemkollaps auf die Kalahari zukommen. (…)

Jahrzehnte der Viehwirtschaft haben die Region aus ihrem Gleichgewicht gebracht. Nun wird sie offenbar auch noch von der Erderwärmung überrollt. Was Panaino und Phakoago über das verborgene Leben der Geschöpfe hier draußen in den Dünen in Erfahrung bringen, wird Umweltmanagern wichtige Hinweise liefern, wie sich die letzten verbliebenen Reste der Kalahari besser schützen lassen. (…)

Wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Höhlen kommen, vertilgen Steppenschuppentiere in einer Nacht etwa 15 000 Ameisen und Termiten – 5,5 Millionen in einem Jahr. Der Insektenreichtum hängt von vitalen Gräsern ab, dem Netz, das das Leben auf diesen nährstoffarmen Sanden zusammenhält. Bleibt der sommerliche Niederschlag aus, gibt es kein Ergrünen.

Bild Thomas P. Peschak

Als Hopewell 3 schließlich an die Erdoberfläche kommt, kündigt sie sich mit Geräuschen an, dem Scharren der harten Gräser, die an den Hornschuppen kratzen. Panaino und Phakoago kommen rasch auf die Beine. Im Lichtkegel ihrer Stirnlampen ist Hopewell 3 zu sehen; auf stämmigen Hinterbeinen marschiert das Schuppentier in schwankendem Gang über die Düne, seine Füße hinterlassen deutliche Abdrücke im Sand. Die Vorderbeine hält es sittsam vor die Brust, wie eine Gottesanbeterin beim Gebet; es benutzt sie nur zum Abstützen, falls es aus dem Gleichgewicht gerät. (…) Wahre Geruchsakrobatik leitet Hopewell 3 zum ersten Gang ihrer heutigen Abendmahlzeit: Crematogaster peringueyi oder „Cocktailameisen“, wie sie hier passenderweise genannt werden. Sie kratzt an dem Stamm einer niedrigen grauen Kameldornakazie und bricht ein in der Rinde verstecktes Nest auf, woraufhin sich ein Strom von Ameisen den Stamm hinauf ergießt.

Kopfüber stürzt sie sich hinein, das Gesicht geschützt, während ihre klebrige Bänderzunge ausfährt, um sich das Abendessen einzuverleiben. Unmöglich zu wissen, wie viele Ameisen sie mit jedem Happen verspeist. Aber nach fünf Jahren, in denen Panaino die verdauten Überreste solcher Mahlzeiten untersucht hat, weiß die Wissenschaftlerin, dass nicht einmal ein Drittel von dem, was das Schuppentier heute Nacht zu sich nehmen wird, Insekten sind. Der Rest ist Dünensand. Die Wissenschaftlerin hat errechnet, dass das Schuppentier pro Nacht im Durchschnitt etwa 15 000 der reiskorngroßen Insekten frisst und damit den Großteil der Nährstoffe und Flüssigkeit aufnimmt, die es zum Überleben in dieser ariden Landschaft braucht. (…)

Gras ist der rote Faden, der Leben in diesem Meer aus Sand möglich macht

Gras ist der rote Faden, der Leben in diesem nährstoffarmen Meer aus Sand überhaupt erst möglich macht. Es stabilisiert die Dünen gegen die Kraft der Winde. Es zieht die flüchtige Feuchtigkeit aus dem Boden, speichert sie in seinen Zellen und stillt so den Durst von Ameisen und Termiten. Deren unterirdische Behausungen bilden die Speisekammern für Schuppentiere und Erdferkel, aber auch für insektenfressende Löffelhunde und Erdwölfe. (…)

Die Rückkehr des Lebens in Tswalu beginnt mit dem Sprießen des Grases durch den einsetzenden Regen. Gewittergüsse liefern durchschnittlich etwa 325 Millimeter pro Jahr, sind jedoch notorisch unberechenbar. In manchen Jahren verzeichnen die Niederschlagsmesser weniger als 175 Millimeter, in anderen fast das Doppelte des Durchschnittswerts. In der Vergangenheit reagierten die Wildtiere auf den Vegetationszyklus, indem sie weite Entfernungen zurücklegten. Doch die Jahrzehnte der Viehzucht haben zu kilometerlangen Zäunen geführt, die das Ökosystem zerschneiden und die Wanderwege durchtrennen, sodass die verbleibenden Wildtierherden Reservate wie dieses nicht mehr verlassen können.

Mit dem Ende des Jahres 2020 kam auch das Ende einer jahrelangen Dürre und ließ die sonst rötlichen Dünen von Tswalu (hier abgebildet) grün und üppig werden. Die Kalahari erwärmt sich bereits jetzt deutlich schneller als der globale Durchschnitt, und viele Klimamodelle sagen auch trockenere Bedingungen voraus, insbesondere im Sommer.

Bild Thomas P. Peschak

Und die Klimaveränderung schreitet unaufhaltsam fort. Im letzten halben Jahrhundert sind die Temperaturen in Teilen des südlichen Afrikas doppelt so schnell gestiegen wie im weltweiten Durchschnitt. (…) Wie sich der Temperaturanstieg auf die Niederschlagsmengen auswirken wird, ist schwer vorherzusagen. Aber in diesem Teil des Kontinents wird die Sommerregenzeit wahrscheinlich später beginnen und kürzer ausfallen. Regenschauer, so sie denn überhaupt kommen, könnten heftiger sein und größere Wassermassen innerhalb kürzerer Zeiträume bringen, was zu Überschwemmungen führen könnte. Zwischen den Regenstürmen könnte es längere Trockenperioden geben.

Bleibt der Regen aus, kann das überlebenswichtige Netz reißen

Das „Ardvaark“ sieht aus, als sei es geradewegs einem Nonsens-Gedicht entsprungen: die Schnauze eines Schweins, die Ohren eines Esels, dazwischen ein unwahrscheinlich langes Gesicht. Als Doktorandin beobachtete Nora Weyer vom Winter 2012 bis zum Frühjahr 2015 Erdferkel in Tswalu. Zur Populationszählung lockte sie Ameisen in Fallen und hielt Ausschau nach den charakteristischen kegelförmigen Termitenbauten. Sie sammelte Kot, um zu ermitteln, welche und wie viele Insekten die Tiere vertilgten, und fand heraus, dass Erdferkel etwa 90 Prozent ihres Flüssigkeits- und Energiebedarfs mit Erntetermiten decken. (…) Während sie ihre Erdferkel beobachtete und deren Kot entschlüsselte, stellte Weyer einen drastischen Rückgang der Gräser fest, der, das war ihr klar, zu einem Rückgang der Erntetermiten führen würde. Am Ende des Sommers zog die Nahrungsknappheit auch die Erdferkel in Mitleidenschaft. Die normalerweise nachtaktiven Tiere begannen ihre Baue auch tagsüber zu verlassen, um auf Nahrungssuche zu gehen und die hungergeplagten Nächte wettzumachen. (…) In der Savanne entdeckte Weyer die Kadaver vieler weiterer verendeter Erdferkel, und die Überlebenden wirkten apathisch, benommen und ausgemergelt. Die Botschaft war klar: Bleibt der Regen aus, und sei es auch nur für einen einzigen Sommer, kann das überlebenswichtige Netz, das Gräser, Ameisen, Termiten und insektenfressende Tiere verbindet, reißen. (…)

Es ist spät am Abend. Panaino und Phakoago scannen gerade die Radiowellen nach Signalen von Hopewell 3 und anderen in der Nähe befindlichen Studientieren, als der Wetterumschwung eintritt: Es beginnt mit schillernden Lichtkugeln, die lautlos über dem westlichen Horizont explodieren. Kaum eine Stunde später erhellen Blitze die umliegenden Dünen, gefolgt vom Pladdern eines Trommelschlegels, der über ein Wellblechdach gezogen wird. Der Himmel scheint zu zerbersten. Leuchtende Risse spalten die Wolken, aus denen blendend-grelle Blitze auf die umliegenden Hügel herabfahren. Die klangliche Untermalung dazu liefern helle Glockentöne wie von Becken und Zimbeln und dumpfe Paukenschläge.

Trommelregen prasselt auf den Boden, bildet flüchtige Inseln der Nässe in einem Meer aus vertrocknetem Sand und schwängert die Luft mit dem Geruch feuchten Eisens. Die beiden Wissenschaftlerinnen beschließen, sich für die Nacht zurückzuziehen – draußen auf den Dünen ist es zu gefährlich, und bei diesem Wetter bleiben auch die Schuppentiere sehr wahrscheinlich drinnen.

Das Crescendo ist kurz. Die Abstände zwischen den Blitzen und den sie begleitenden Donnerschlägen werden länger, Leuchtkraft und Lautstärke lassen nach, das Gewitter zieht weiter in Richtung Osten. Es ist vorerst vorbei, aber genau so sollte der Regen kommen. So sollte das Ergrünen beginnen. Die Gräser werden sattgrüne Halme in die Höhe recken, an ihren Spitzen werden pralle Samen reifen, und für alles Leben, das von ihrer Fülle abhängt, wird die Tafel wieder reich gedeckt sein. Die Pfeifgeckos stimmen erneut ihren Chor an und senden ihre markanten Klickrufe in die Nacht.


Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Zu den Büchern der südafrikanischen Wissenschaftsautorin Leonie Joubert zählen „Scorched“, „Boiling Point“ und „The Hungry Season“. Thomas P. Peschak, der häufig für NATIONAL GEOGRAPHIC arbeitet, hat die Story über Meeresschildkröten in der Oktober-Ausgabe 2019 fotografiert.

Dieser Artikel erschien in voller Länge und mit vielen weiteren Fotos und Grafiken in der August 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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