Gefährliche Umwelthormone: „Ich fühle mich als Verbraucherin allein gelassen”

Kosmetika, Lebensmittel, Möbel – in vielen Lebensbereichen lauern Stoffe, die uns krank machen können. Journalistin Katharina Heckendorf schreibt in ihrem Buch über die Gefahren und Alternativen.

Von National Geographic
Veröffentlicht am 7. Jan. 2022, 16:39 MEZ, Aktualisiert am 7. Jan. 2022, 22:52 MEZ
Wer Umwelthormone umgehen will, sollte – wo es geht – Plastik vermeiden.

Wer Umwelthormone umgehen will, sollte – wo es geht – Plastik vermeiden.

Foto von AdobeStock

Ob in To-go-Bechern oder Tomatendosen: Umwelthormone sind überall, und sie sind schädlich. Der Begriff umfasst Chemikalien, die unsere Körper beeinflussen können wie körpereigene Botenstoffe. Die WHO schätzt ihre Zahl auf mehr als 800 und nennt sie eine „globale Bedrohung". Auch Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor ihnen – doch das Thema ist noch immer wenig präsent. Katharina Heckendorf ist Journalistin und Moderatorin und hat vor zwei Jahren begonnen, sich mit Umwelthormonen zu befassen. Was mit einer Recherche für einen Artikel startete, ist jetzt unter dem Titel Umwelthormone – das alltägliche Gift als Buch erschienen: „Ich denke, dass wir mehr Aufklärung brauchen in Deutschland”, sagt sie. Ein Gespräch über bedenkliche UV-Filter, Pizzakartons und Diabetes. 

Es ist Mittagszeit – mit wie vielen Umwelthormonen hattest du heute schon Kontakt?

Ich habe meinen Alltag seit meiner Recherche so umgestellt, dass die Zahl heute zumindest kleiner sein dürfte als früher. Trotzdem waren es wahrscheinlich mehr, als mir lieb ist. 

Wissen kompakt: Plastik
Schon früh in der Menschheitsgeschichte kamen Biopolymere zum Einsatz. Heutzutage wird Kunststoff fast ausschließlich aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Erfahrt, wie genau Plastik produziert wird und was wir tun können, um die schädlichen Auswirkungen von Kunststoffen auf unseren Planeten und unser Leben zu verringern.

Umwelthormone werden Chemikalien genannt, die dem Körper vorgaukeln können, sie seien Hormone. Was genau macht sie gefährlich?

Unsere körpereigenen Hormone steuern wichtige Prozesse: ob wir Hunger haben, wann und wie sich Kinder im Mutterleib entwickeln oder ob wir Lust auf Sex haben, all das wird durch sie in die Wege geleitet. In dieses Botensystem können Umwelthormone eingreifen, also Signale verstärken, abschwächen oder gänzlich blockieren. Das kann schädliche Effekte hervorrufen. 

Welche?

Umwelthormone werden zum Beispiel für Unfruchtbarkeit, Stoffwechselstörungen wie Diabetes bis hin zu Fettleibigkeit, ADHS, Krebs an den Fortpflanzungsorganen oder frühere Pubertät verantwortlich gemacht. Studien deuten also darauf hin, dass viele heute verbreitete Krankheitsbilder mit Umwelthormonen in Zusammenhang stehen. Angesichts dessen wird in meinen Augen noch viel zu wenig über das Thema gesprochen oder berichtet. 

Es geht in deinem Buch viel um Plastik – inwiefern wirkt Plastik hormonell?

In der Plastikherstellung werden Chemikalien eingesetzt, die hormonell wirken können. Zum Beispiel Phthalate oder Bisphenole. Zu Letzteren gehört Bisphenol A, kurz BPA. Es kann das weibliche Geschlechtshormon Östrogen nachahmen und wurde in den Dreißigerjahren sogar explizit als künstliches Östrogen erforscht. Heute wird der Stoff absurderweise genutzt, um Plastik härter zu machen. Solche Chemikalien können sich zum Beispiel aus den Lebensmittelverpackungen lösen und in unser Essen übergehen. Das gilt besonders dann, wenn sie erwärmt werden, wie zum Beispiel Fertigessen in der Mikrowelle oder der beschichtete Pappbecher durch den Kaffee. Theoretisch können wir aber in jedem Lebensbereich mit Umwelthormonen in Kontakt kommen.

Katharina Heckendorf schreibt als Journalistin unter anderem für DIE ZEIT. Vom Medium Magazin wurde sie 2019 als eine der ”Top 30 bis 30”-Nachwuchsjournalistinnen ausgezeichnet. Sie lebt in Hamburg.

Foto von Maximilian Probst

Welche Erkenntnisse deiner Recherche haben dich am meisten überrascht?

Dass Umwelthormone quasi überall sein können. Zu Beginn der Recherche dachte ich: Ach, wenn du nur auf Plastik verzichtest, dann ist es schon geritzt. Was ein Irrtum! Ich bin in meinem Haushalt über immer mehr Schadstoffquellen gestolpert. Um nur ein paar zu nennen: Da sind bedenkliche UV-Filter und Haltbarmacher in Kosmetika, hormonell wirksame Pestizide in unseren Lebensmitteln, Weichmacher in Kabeln oder PVC-Fußböden, Flammschutzmittel in Textilien oder Matratzen – all das hat wenig mit Plastik zu tun und könnte genauso bedenkliche Stoffe enthalten. Selbst in den Beschichtungen von Pizza-Kartons befinden sich mitunter schädliche Stoffe.  

Kann man die Stoffe durch bewussten Konsum komplett verbannen?

Leider nein. Ich vermeide Plastik, putze nur noch mit Hausmitteln, kaufe wenig Neues – aber trotzdem komme ich mit den Stoffen in Kontakt. Ich wohne zum Beispiel in einer Mietwohnung und dort liegt PVC in der Küche, wahrscheinlich dünstet der Schadstoffe aus. Vielfach helfen beim Verzicht auf Umwelthormone nur Daumenregeln. Ich kann oft nur abschätzen, worin sich Umwelthormone befinden, weil es zum Beispiel keine Kennzeichnungspflichten oder wirksame Verbote gibt. BPA ist in Produkten für Babys verboten, aber in Lebensmittelverpackungen erlaubt. Auf Kosmetikverpackungen muss ich die bedenklichen Stoffe mühsam im Kleingedruckten lesen. Welche Pestizide verwandt wurden oder ob bei der Herstellung meines Fußbodenbelags bedenkliche Stoffe eingesetzt wurden, kann ich nur vermuten. Ich versuche also bedenkliche Produkte gegen aller Wahrscheinlichkeit nach unbedenkliche zu ersetzen, also zum Beispiel den PVC-Fußboden gegen einen aus Fliesen oder aus Holz, die beschichtete Pfanne gegen eine gusseiserne oder konventionelle Lebensmittel gegen Bio-Produkte. 

Wo ist das Umgehen dieser Stoffe am schwierigsten?

Man sieht sie nicht, man riecht sie nicht, man schmeckt sie nicht – und überall da, wo es keine Kennzeichnungspflichten gibt, kann man nur mutmaßen, ob sie verbaut sind. Bei Elektrogeräten, Baumaterialien, Möbeln, Küchenutensilien befindet man sich ziemlich im Blindflug. Daher rate ich: reparieren statt neu kaufen, da holt man sich weniger neue Schadstoffe ins Haus. Oder eben Plastik und mit Plastik Beschichtetes meiden. 

Klingt frustrierend. 

Manchmal schon. Man muss sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, um sich schützen zu können und dazu kommt noch, dass zum Beispiel Bio-Produkte teurer sind. Ich fühle mich da als Verbraucherin allein gelassen und finde, es braucht strengere Gesetze. Wie etwa transparente Lieferketten, bei denen nachvollziehbar ist, welche Chemikalien wo eingesetzt wurden, und wirksame Verbote von bedenklichen Stoffen, die auch vollstreckt werden. Es kommen zum Beispiel immer wieder Spielzeuge oder Elektrogeräte mit verbotenen Chemikalien aus dem EU-Ausland zu uns. Auch würden Kennzeichnungspflichten helfen, sodass ich als Verbraucherin auf den ersten Blick sehen kann „Ah, das Putzmittel, das lasse ich lieber mal im Regal stehen.” Ich wünsche mir Aufklärungskampagnen, wie es sie zum Beispiel in Dänemark gibt. Da werden schwangere Personen explizit vor Umwelthormonen gewarnt, sie sollten etwa weniger Parfum nutzen oder darauf verzichten, sich die Haare zu tönen.  

Was sind die ersten und einfachsten Schritte, die du jedem raten würden?

In erster Linie seinen eigenen Konsum stark zu hinterfragen und öfter mal was selbst zu machen. Mit dem neuen Fernseher, dem neuen Sofa oder der neuen Hose kann ich mir immer neue Schadstoffe einkaufen und mit der Entsorgung des Alten entlasse ich womöglich auch welche in die Umwelt. Hier sollte man sich immer fragen: Brauche ich das wirklich? Bei Putzmitteln kann man mit Natron, Soda und Kernseife aus der Drogerie viele Reiniger selbst machen und Schädliches meiden. Ansonsten gilt, Naturkosmetik ist besser als konventionelle, da hier viele umstrittene Substanzen nicht eingesetzt werden dürfen. Produkte in der Drogerie kann man mit Apps prüfen, die anzeigen, ob bedenkliche Inhaltsstoffe enthalten sind. Beim Essen gilt: Bio-Lebensmittel werden nicht mit bedenklichen Pestiziden behandelt. Am besten unverpackt oder in Glas Verpacktes einkaufen, da hier keine Schadstoffe aus den Verpackungen übergehen können. 

Mehr Hintergrundwissen und Tipps gibt es im Buch „Umwelthormone – das alltägliche Gift”, das gerade im Goldmann Verlag erschienen ist. Es kostet 12,00 Euro.


 

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