Küstenstädte sinken schneller als die Meeresspiegel steigen

Viele Städte der Welt werden in nicht allzu ferner Zukunft steigenden Meeresspiegeln zum Opfer fallen. Doch die zukünftige Überflutung von Küstenregionen wird auch stark vom Absinken der Landmassen abhängen.

Veröffentlicht am 12. Apr. 2022, 10:42 MESZ
Aufnahme vom Wasser aus: Der Jachthafen Zuidwesthoek in Haren in der Niederlande.

Nicht nur die steigenden Meeresspiegel werden für Küstenstädte gefährlich – sondern auch ihr menschengemachtes Absinken.

Foto von Nick van der Ende / Unsplash

Weltweit werden Küstenstädte wohl um einiges früher von Überschwemmungen betroffen sein als bislang angenommen. Davor warnt die Forschergruppe rund um Matt Wei von der University of Rhode Island im Fachmagazin Geophysical Research Letters. Grund hierfür sei eine risikoreiche Verknüpfung von steigenden Wasserpegeln des Meeres durch den Klimawandel – und das menschengemachte Absinken von Städten in Küstennähe.

Letzteres hatte das Team mithilfe von Satellitendaten aus dem Zeitraum von 2015 bis 2020 genauer untersucht. In der Studie wurden anschließend die Senkungsraten von 99 Küstenstädten weltweit ausgewertet. Um die Bodenverschiebungen zu erfassen, erstellten sie für jede Stadt eine Zeitreihe mit Satellitenbildern im Abstand von zwei Monaten. Das Ergebnis: Bodensenkungen von Städten sind ein globales Phänomen und Problem. 

Küstenstädte auf der ganzen Welt betroffen

Laut den Auswertungen fand sich tatsächlich in den meisten der untersuchten Städte mindestens ein Stadtteil, der schneller als zwei Millimeter pro Jahr sank. „In 33 der 99 Städte sinkt ein Teil der Stadt um mindestens zehn Millimeter pro Jahr”, schreibt das Team. Dieser Wert sei bis zu fünfmal höher als der weltweite mittlere Anstieg des Meeresspiegels.

Die obere Abbildung zeigt die maximalen Sekungsraten in Millimetern pro Jahr, die in den Städten gemessen wurden. Die untere Grafik zeigt die geschätzte Gesamtfläche mit einer Höhe von weniger als 10 Metern über dem Meeresspiegel und einer maximalen Senkungsrate von mehr als 2 Millimetern pro Jahr.

Foto von Meng (Matt) Wei et al.

Während sich diese besonders schnell sinkenden Städte auf der ganzen Welt befinden, ist besonders die Region um Süd-, Südost- und Ostasien betroffen. „Die höchsten Senkungsraten treten in Tianjin und Semarang auf, wo die maximalen Raten 30 mm/Jahr überschreiten – was den globalen mittleren Meeresspiegelanstieg um fast das 15-fache in den Schatten stellt”, so die Studie. 

Besonders in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, sind die Auswirkungen des Absinkens schon seit Jahren zu spüren. Zwischen 1982 und 2010 wurden hier Senkungsraten von bis zu 280 Millimetern pro Jahr verzeichnet. Diese Entwicklung sei mittlerweile zwar deutlich verlangsamt – dennoch liegt ein Großteil der Metropole bereits jetzt unter dem Meeresspiegel und wird von Überschwemmungen geplagt. Folglich stimmte das Parlament anfang dieses Jahres für die Errichtung einer gänzlich neuen Hauptstadt – und muss förmlich vor den Konsequenzen fliehen.

Gründe und Lösungsansätze

„Dieses globale Problem resultiert größtenteils aus lokalem menschlichem Handeln – insbesondere Grundwasserentnahme”, schlussfolgern Wei und sein Team. Doch die Ursachen sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Denn auch Gas- und Ölförderung – wie beispielsweise im Golf von Mexiko – oder das Gewicht der Bebauung können dabei eine große Rolle spielen. Deshalb hofft das Team, dass die Ergebnisse der Studie als Anreiz für individuelle Lösungsansätze dienen.

Laut ihnen sind für erfolgreiche Gegenmaßnahmen vor allem eine effektive Regierungsführung und große Kapitalinvestitionen von Nöten. Vor allem die Länder Asiens, in denen sowohl die Geschwindigkeit der Senkungen als auch die Bevölkerungszahlen und der Wasserbedarf steigen, seien rasche und kontinuierliche Maßnahmen der Politik erforderlich. Ein Versäumen dessen hätte zeitnahe und fatale Folgen. Sie würden um einiges früher von Überflutungen betroffen sein, als es zahlreiche Modelle bereits prognostizierten.

Befürchtungen für Deutschland

Doch müssen sich auch deutsche Küstenstädte um dieses zusätzliche Problem sorgen? Laut Prof. Dr. Detlef Stammer, Leiter Fernerkundung & Assimilation, Direktor Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit am Institut für Meereskunde in Hamburg, kann weitestgehend entwarnt werden. „Zwar gibt es auch an deutschen Küsten Vertikalbewegungen des Meeresbodens, allerdings sind diese mit rund einem Millimeter pro Jahr recht gering”. Im Norden Europas sei sogar eher das Gegenteil der Fall. Hier steigt der skandinavische Meeresboden eher, als dass er sinkt – unter anderem als Reaktion auf die letzte Eiszeit. Diese natürlichen Auswirkungen seien zumindest hierzulande deutlich größer als beispielsweise die Gas- und Ölförderung in der Nordsee. 

Laut Stammer hat Deutschland in Hinblick auf Überschwemmungsgefahren eher andere Sorgen: „In gewisser Weise macht das Wasser aus dem Inland in Deutschland fast mehr Probleme als das steigende Meerwasser.”

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