Europas letzter wilder Fluss wird zum Nationalpark

Als besonders schützenswert gilt die Vjosa schon lange. Nun besiegelte die Regierung Albaniens die Errichtung des ersten europäischen Wildfluss-Nationalparks.

Während die aufgehende Morgensonne die eindrucksvolle Ostwand des Nemërçka Bergstockes erstrahlen lässt, steht das wilde Adernetz dem bis zu über 2400 Meter hohen  Bergmassiv in nichts nach. Eindrucksvoll schlängelt sich das kristallklare Wasser der Vjosa durch das gleichnamige Tal. Ausgedehnte Schotterinseln und Auenwälder geben dem Fluss genügend Platz, um sich während Hochwasserlagen auszubreiten.

Foto von Johannes Höhn
Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 17. Juni 2022, 09:25 MESZ

Von ihren Ursprüngen in den griechischen Bergen bis hin zu ihrer Mündung ins Mittelmeer legt die Vjosa stolze 272 Kilometer zurück. Bislang konnte sich hier ein einzigartiges Ökosystem entwickeln – ungestört von menschlichen Einflüssen. Doch Bauvorhaben drohten den wertvollen Lebensraum für immer zu verändern, gar nachhaltig zu zerstören. 

Am 13. Juni 2022 unterzeichnete die Albanische Regierung nun die Erklärung zur Errichtung des ersten Wildflussnationalparks Europas. Ein einzigartiges Unterfangen, das ein Schutzgebiet von der Quelle bis zur Mündung mitsamt aller frei fließenden Nebenflüsse gewährleistet. Es wäre der bislang einzige Nationalpark dieser Art auf dem europäischen Kontinent. 

Sieg für den Naturschutz 

Der internationale Schutzstandard schützt den Fluss in Zukunft vor der Zerstörung durch Firmen oder künftige Regierungen. Damit wurde der langwierige Kampf zwischen Umweltschützenden und der Wasserkraftindustrie beendet. Nichtregierungsorganisationen wie Riverwatch und EuroNatur hatten sich über Jahre mit Petitionen und Kampagnen wie Save the Blue Heart of Europe für den Schutz der wilden Flussläufe eingesetzt.

Auf der anderen Seite standen die Industrie der Wasserkraftenergie, mit Plänen der Errichtung von gleich 2.796 Wasserkraftwerken entlang Flüssen innerhalb des Balkans. Allein neun davon waren entlang der ungezähmten Vjosa gedacht – nicht selten mit Unterstützung europäischer Firmen und Kreditinstituten.

Vjosa: Die Königin der Flüsse in Bildern

Obwohl die Vjosa bereits im Jahr 2020 unter Schutz gestellt wurde, reichte der Status eines Naturparks nicht aus, um sie vor tiefgreifenden Veränderungen durch Wasserkraftwerke, Stauseen und Ölbohrungen zu bewahren. Die jetzige Unterzeichnung und Verpflichtung ist laut Besjana Guri, Sprecherin von EcoAlbania, ein Meilenstein für Albanien und Schützende von Flüssen weltweit – auch wenn es noch viel zu tun gäbe. Beispielsweise die Einrichtung einer internationalen Arbeitsgruppe zur weiterführenden Planung des Nationalparks innerhalb der nächsten 30 Tage. Auch das Etablieren von Besucherzentren, Rangerstellen, Wissenschafts- und Bildungsprogrammen stehen auf der Agenda. 

„Die albanische Vjosa ist der einzige wilde Fluss unseres Kontinents, der überlebt hat, die letzte Flussader, die keine Spuren der Verschmutzung durch die industrielle Entwicklung aufweist“, äußerte sich Albaniens Ministerpräsident Edi Rama bei der Unterzeichnung. „Unter dem Schutzmantel des Nationalparks wird die Vjosa intakt bleiben, für Albanien, für Europa und für den Planeten, den wir für die Kinder unserer Kinder wollen.“

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