Katastrophen-Sommer für unsere Flüsse

Fischsterben in Saale und Oder, Rekord-Tiefs bei den Pegelständen am Rhein: Die traurigen Meldungen zum Zustand deutscher und europäischer Flüsse häufen sich. Wie steht es um die Gewässer und ihre Bewohner? Ein Überblick.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 18. Aug. 2022, 09:54 MESZ
Das ausgetrocknete Flussbett des Rheins.

Der Rhein erreicht aktuell vielerorts Rekord-Tiefs bei den Pegelständen, wie hier in Namedy. Ausbleibende Regenfälle sowie Hitzewellen schaden dem Ökosystem – vor allem, wenn der Fluss zusätzlich für die Binnenschifffahrt genutzt wird.

Foto von Markus Volk / Adobe Stock

Um Deutschlands Flüsse steht es aktuell schlecht. Dürre und die exzessive Nutzung als Wasserstraßen für die Schifffahrt machen es nicht nur den Flüssen, sondern auch Natur und Tieren um sie herum schwer. Die Folgen sind Austrocknung und Niedrigwasser wie es aktuell auch beim Rhein zu beobachten ist. Dazu kommen Umweltverstöße und Unfälle, die zu Verunreinigungen führen – wie in diesem Jahr in der Oder und der Saale – und die Gewässer und ihre Bewohner zusätzlich belasten.

Dabei sind Flüsse eigentlich Ökosysteme, die mit Veränderung gut umgehen können. „Grundsätzlich ist ein Fluss ein dynamischer Lebensraum und die Flussbewohner sind beispielsweise auf Wasserstandwechsel gut vorbereitet“, sagt Klaus Markgraf-Maué, Vorstand der NABU Naturschutzstation Niederrhein. Bei stark ausgebauten Flüssen wie dem Rhein nehme diese Fähigkeit aber ab. Seinen Angaben zufolge machen vor allem die extremen Hitzewellen den Flüssen zu schaffen – weshalb man auch politisch mehr auf den Lebensraum Fluss eingehen müsse. 

Die aktuellen Umwelt- und Klimakatastrophen, die unsere Flüsse heimsuchen, im Überblick.

Pegelstände des Rheins auf Rekord-Tief

Die Serie von Dürrejahren reißt nicht ab. Wie bereits 2018, 2019, 2020 und 2021 werden auch in diesem Sommer große Teile Europas von einer verheerenden Hitzewelle heimgesucht. Während im Juli in Italien wegen des Wassermangels in fünf Regionen der Dürrenotstand ausgerufen wird, bekommt auch Deutschland die Trockenheit zu spüren – vor allem durch das seit Mitte Juli herrschende Niedrigwasser im Rhein. In Köln sinkt der Pegel noch immer kontinuierlich, während er in Emmerich bereits ein Rekord-Tief von minus zwei Zentimetern erreicht hat. 

Köln im Herbst 2018. Das damalige Rekord-Tief von 69 Zentimetern hat der Rhein hier aktuell noch nicht unterschritten. Besorgniserregend ist das momentane Niedrigwasser dennoch.

Foto von alfotokunst / Adobe Stock

Eine Gefahr für das gesamte Ökosystem, vor allem in Kombination mit der regen Nutzung des Flusses als Wasserstraße. „Bei derartigen Niedrigständen wird das Restwasser stark in der Schifffahrtsrinne konzentriert“, sagt Markgraf-Maué. „Alles, was also im Rhein lebt und leben will, muss sich in diesem schmalen Wasserstreifen konzentrieren und wird durch die Schiffsbewegungen, den Wellenschlag und die Schiffspropeller zusätzlich belastet.“ Und nicht nur das. Die durch Hitze und Trockenheit steigende Wassertemperatur belastet den Lebensraum extrem. „Die Sauerstoffkapazität des Wassers nimmt mit steigender Temperatur ab. Werden kritische Werte – wie für den Rhein 25°C – länger oder stärker überschritten, wird es für viele Fischarten gefährlich“, so der Biologe. 

Fischsterben durch Hitzewellen

Auch am Hochrhein wird es brenzlig. Bereits im Sommer 2018 verendeten dort Unmengen an Äschen im Gewässer, aktuell wird wieder um die Tiere gebangt. Wie damals macht die Kombination aus Niedrigwasser und Temperaturrekorden den Fischen, besonders der Äsche und der Forelle, zu schaffen. „Durch den Klimawandel und die dadurch verursachten Hitzeperioden verändern sich die Lebensbedingungen in den Gewässern und damit auch deren Lebensgemeinschaften”, sagt Markgraf-Maué. Das habe in den letzten Jahren immer weitreichendere Folgen gehabt.

Laut Christian Wolter vom IGB Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei wird diese Problematik zusätzlich vom fehlenden Wasserrückhalt in der Landschaft rund um die Flüsse begünstigt. „Viele der Flüsse sind, beginnend an den Oberläufen, stark begradigt; Niederschlagswasser wird schneller abgeführt und die Landschaft dadurch entwässert“, sagt er. Wenn es dann zu Dürreperioden kommt, trocknen Flüsse umso schneller aus – ein Teufelskreis. Zusätzlich trügen Wehre und andere Querbauten, die Wasser stauen, zur Erwärmung des Wassers und so zu der Gefahr für aquatische Organismen bei.

“Es muss jetzt alles daran gesetzt werden, die Verursacher dieser Umweltkatastrophe zu finden und – soweit möglich – weitere Schäden zu begrenzen und in Zukunft zu verhindern.”

von Leif Miller.
NABU-Bundesgeschäftsführer

Umweltkatastrophe in der Oder

Eine Katastrophe einer etwas anderen Art begann Ende Juli in Polen. Am 9. August 2022 werden die deutschen Behörden von einem Schiffsführer alarmiert, der in der Oder eine ungewöhnliche Menge toter Fische entdeckt hat. In den Tagen darauf werden dem brandenburgischen Landesamt für Umwelt immer weitere, massive Vorkommnisse toter Fische entlang der Oder gemeldet. Und nicht nur das: Schnell wird klar, dass in Polen bereits Tage zuvor tote Fische in dem Fluss bemerkt wurden – die dortigen Ämter zunächst allerdings nicht die deutschen Behörden informierten. 

Laut Finn Viehberg, Leiter des Ostsee-Büros des WWF, ein unglaubliches Versäumnis: „Der Vorfall wirft Fragen nach dem Informationsfluss im Fall einer ernsten Gefährdung von Natur und Umwelt in und an der Oder auf“, sagt er. Man habe so wichtige Zeit vertan, in der die Nationalparks im Bereich des verunreinigten Flusses hätten gewarnt werden können. 

Wer oder was genau das verheerende Fischsterben in der Oder verursacht hat, ist auch Tage nach der Erstmeldung noch unklar. Die polnische Umweltschutzbehörde geht allerdings davon aus, dass es sich um eine von der Industrie verursachte Wasserverunreinigung handelt. Bestätigt werden konnte diese Vermutung offiziell noch nicht, sie ist aber naheliegend – und folgenreich. Der NABU fordert die schnelle Erarbeitung eines Sanierungs- und Renaturierungskonzeptes. „Es muss jetzt alles daran gesetzt werden, die Verursacher dieser Umweltkatastrophe zu finden und – soweit möglich – weitere Schäden zu begrenzen und in Zukunft zu verhindern“, sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Denn Umweltkatastrophen wie diese machen Flüssen oft lange Zeit zu schaffen, selbst wenn die Ursache schnell behoben wird. „Die Folgen dieses furchtbaren Ereignisses werden uns noch jahrelang beschäftigen“, so Miller.

Markgraf-Maué betont, dass Flussverschmutzungen durch Chemieabfälle gerade in Deutschland nicht die Regel sind. „Die Oder bewerte ich zunächst als Sonderfall, bei dem die Hintergründe ja auch noch nicht genau bekannt sind“, sagt er. Auch Wolter sieht die Sicherung der Wasserqualität und die Reinigung von Gewässern in Deutschland als verhältnismäßig weit entwickelt. „Dank immenser Investitionen in die Abwasseraufbereitung, Reinigungsleistung von Kläranlagen sowie Anschluss von Haushalten und Industrie an Kläranlagen hat sich die Wasserqualität der Gewässer deutlich verbessert.”

Fischsterben in der Saale

In einem ohnehin schon angegriffenen Gewässersystem sind solche Fälle dennoch einschneidend. Zu der großen Belastung der Flüsse durch den Klimawandel kommt eine weitere, direkte Gefahr hinzu. Denn die Oder ist nicht das einzige aktuelle Beispiel für eine Flussverschmutzung durch giftige Substanzen. 

Am 12. August 2022 bemerkten Angler des Landesanglerverband Sachsen-Anhalt e.V. mehrere tote Fische in der Saale in der Nähe von Bernburg. Der Verband schätzt die Anzahl der toten Tiere auf etwa 3.000 Stück –  bisher ein weitaus geringeres Ausmaß als in der Oder – und hat mittlerweile Anzeige gegen Unbekannt erstattet. „Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Lage sind wir schockiert und gleichzeitig enttäuscht darüber, ein weiteres Beispiel für die starke Belastung und den Missbrauch unserer Gewässer dokumentieren zu müssen“, so der Verband in einer Pressemitteilung. Auch in diesem Fall sind die Hintergründe der Katastrophe noch unklar. Nun ermittelt die Polizei, wer oder was den Tod der Fische verursacht hat.

“Grundsätzliche fehlt aktuell eine konkrete Strategie zur Anpassung an den Klimawandel.”

von Christian Wolter
IGB Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei

Die Zukunft unserer Flüsse 

Klar ist: Wir müssen unsere Flüsse besser schützen – sowohl vor Verunreinigung durch Chemieabfälle als auch vor den Folgen des Klimawandels. Laut Markgraf-Maué ist vor allem bei zweiterem noch viel Luft nach oben. „Was sich ändern muss, ist die Perspektive auf Flüsse“, sagt er. „Sie sind nicht nur als Wasserstraße relevant, sondern auch als Lebensräume für Tiere und als Naherholungsgebiet für Menschen.“ Gerade derartige Engpasssituationen wie die aktuelle brächten starke Verluste mit sich, die das ökologische Gleichgewicht der Flüsse weiter angreifen. „Bei Flüssen wie dem Rhein dauert es länger, bis das wieder ausgeglichen ist, als bei einem intakten naturnahen Fluss.“

In diesem Zusammenhang verweist Markgraf-Maué auch auf die Pläne zu den Fahrrinnen-Vertiefungen im Rhein, die die Binnenschifffahrt unterstützen sollen und warnt vor zu kurzgedachten Lösungsversuchen. „Das ist eigentlich eine Methode der letzten Jahrhunderte“, sagt er. Es sei zwar klar, dass der Rhein als Wasserstraße weiterhin genutzt werden müsse, allerdings sei es wichtig, dass wirtschaftliche Interessen mit ökologischen Vorgaben in Zukunft Hand in Hand gehen. „Die Schiffsflotte muss den Kapazitäten der Flüsse angepasst werden und nicht umgekehrt.“ Auch Wolter bemängelt diesen Glauben an kurzfristige technische Lösungen, die das Problem im Endeffekt nur aufschieben. „Grundsätzliche fehlt aktuell eine konkrete Strategie zur Anpassung an den Klimawandel“, sagt er.

Er verweist zusätzlich auf die bereits existierenden Gesetze zum Schutz von Gewässern und auf das schleppende Tempo, mit dem diese angegangen werden. „Die Umsetzung europäischer Umweltgesetze wie FFH-RL und WRRL müssen verbindliche, ressortübergreifende Querschnittsaufgaben werden“, sagt er. Denn die Vermeidung zukünftiger Häufungen von Fluss-Katastrophen ein Anliegen, das alle betreffen sollte.

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