Umwelt

Der hohe Preis der Verschwendung

Auf dem Acker, im Laden und
 zu Hause – ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel geht verloren
 oder endet im Müll. Muss das sein?

Von Elizabeth Royte
Der hohe Preis der Verschwendung

Wir ernten für den Müll. Viel zu oft und viel zu viel. In Deutschland, in Spanien, in den Niederlanden. Oder in Kalifornien. Dort endet im Spätherbst die Salatsaison. Allein im Salinas Valley werden etwa 70 Prozent des Blattgemüses für den amerikanischen Einzelhandel produziert. Voll beladene Lkw schwärmen mit ihrer Salatfracht unablässig in alle Himmelsrichtungen. Nur ein spezieller Kipplaster hat es nicht weit. Sein Ziel ist die Stadtmitte von Salinas. Der Fahrer hält zuerst auf einer Waage, dann manövriert er seinen verbeulten Container auf eine Betonplattform. Ein Hebeldruck, ein pneumatisches „Pffffhhh“, und 15 Kubikmeter Salat und Spinat, in Plastiktüten verpackt, klatschen auf den Boden, türmen sich zwei Meter hoch. Das Grünzeug ist taufrisch, knackig und auf den ersten Blick makellos. Trotzdem wird es hier umgeladen und bald auf dem Müll landen. Weil Verpackungen falsch abgefüllt oder etikettiert sind, nicht richtig verschlossen oder eingerissen.

TED-Video: Der Aktivist Tristram Stuart über Lebensmittelverschwendung

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Eine gewaltige, manche sagen kriminelle Verschwendung. Und das ist erst der Anfang. In den nächsten Stunden treffen fast zwei Dutzend weitere Ladungen völlig einwandfreien Gemüses an der Müllverladestation ein, allesamt aus Betrieben in der Umgebung. Von April bis November entsorgt die Behörde für Abfallwirtschaft von Salinas Valley zwischen zwei und vier Millionen Kilo Gemüse, frisch vom Feld. Und das ist nur eine von vielen solcher Stationen in den Ackerbaugebieten von Kalifornien.

Die Organisation für Ernährung- und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) sammelt Informationen über alles, was auf unserem Planeten angebaut und gegessen wird. Nach ihren Schätzungen geht jährlich ein Drittel der Nahrung, die weltweit für den menschlichen Verzehr produziert wird, verloren oder wird verschwendet. Schon auf dem Weg vom Acker zu den Verarbeitungsanlagen, aber auch auf Märkten, bei Einzelhändlern, in Gastronomiebetrieben und nicht zuletzt in unseren Küchen. 1,3 Milliarden Tonnen genießbarer Lebensmittel werden unnötig vernichtet. Genug, um drei Milliarden Menschen zu ernähren.

Verschwendung gibt es an vielen Orten aus vielen Gründen. In Industrieländern geht ein großer Anteil auf das Konto des Einzelhandels und der Endverbraucher. In Entwicklungs- und Schwellenländern kommen große Teile der Ernte erst gar nicht auf den Markt. Weil es an Möglichkeiten mangelt, die landwirtschaftlichen Produkte rasch genug in gutem Zustand zum Kunden zu bringen oder vernünftig zu lagern.

Zum Beispiel in Afrika. Wegen fehlender Lager- und Transportmöglichkeiten fallen bis zu 20 Prozent des in Schwarzafrika produzierten Getreides Schimmelpilzen, Insekten, Mäusen und Ratten zum Opfer. Das ist Nahrung im Wert von umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro. 48 Millionen Menschen könnten ein Jahr lang davon satt werden. Hinzu kommen Milch und Fisch, die ohne Kühlung rasch verderben. Ohne die technischen Mittel zum Einlegen, Trocknen und Konservieren kann man hier auch den Überschuss an Okraschoten, Mangos und Kohl nicht lange aufheben. Tomaten und Obst werden auf schlechten Straßen und maroden Gleisen zu Matsch gerüttelt. Ähnlich sieht es in vielen Regionen Indiens aus, wo an die 35 bis 40 Prozent der Obst- und Gemüseernte verloren gehen.

In Industrieländern kommt zwar der Großteil der Ernten in den Einzelhandel – jedenfalls das, was nicht vorher wegen Qualitätsmängeln im Müll landet. Doch jetzt geht es bei uns erst richtig los mit der Verschwendung.

Restaurants servieren Riesenportionen oder arrangieren üppige Buffets, von denen oft nur wenig gegessen wird. Nach Geschäftsschluss müssen die Mitarbeiter alles wegwerfen. Marktleiter bestellen routinemäßig zu viel, da sie befürchten, dass ihnen ein bestimmtes Produkt ausgehen könnte. Ganze Regale voller noch genießbarer Produkte – Brot, Kuchen, Gemüse, Joghurt und Käse – landen in Containern, um für frische Ware Platz zu machen. Allein die britische Supermarktkette Tesco ließ in ihren Filialen im vorigen Geschäftsjahr mehr als 50.000 Tonnen Lebensmittel wegwerfen.

Wir Konsumenten handeln auch nicht anders: Wir kaufen zu viel ein, weil billiges und verlockend präsentiertes Essen fast auf Schritt und Tritt zu haben ist. Wir nehmen das „Mindest­haltbarkeitsdatum“ als „Verfallsdatum“ und wer­fen täglich genießbare Produkte weg. Macht ja nichts, es gibt ja immer Neues, gleich um die Ecke. Wir heben keine Reste auf, um sie aufzuwärmen oder anders zuzubereiten. Und wer nutzt im Restaurant schon die Mög­lichkeit, sich das zweite Schnitzel oder die übrig gebliebene Hälfte vom Steak einpacken zu las­sen, um es später zu Hause zu essen?

Dieses Verhalten kostet Geld. Im Durch­schnitt wirft jeder Deutsche pro Jahr 82 Kilo genießbare Lebensmittel im Wert von 235 Euro weg. Ein Drittel jeder Ernte wird zudem von vornherein als Ausschuss behandelt. Die Kosten dafür werden auf den Preis der anderen Waren aufgeschlagen. Der Verbraucher zahlt also auch noch das, was er nicht bekommt.

Solche Vergeudung von Lebensmitteln bedeu­tet zugleich den unnötigen Einsatz ungeheurer Mengen von Kraftstoff, Dünger, Schädlings­ bekämpfungsmittel, Wasser, Land und Arbeits­kraft. Für das Jahr 2007 liegt eine Erhebung vor, wonach weltweit eine Fläche von insgesamt 1,4 Milliarden Hektar Land – größer als Kanada – für den Anbau von Nahrungspflanzen und zur Erzeugung von Milchprodukten genutzt wurde, die niemand aß. Und das, was auf der Deponie landet, vergrößert den Schaden für die Umwelt zusätzlich: Beim Verrotten der Lebensmittel im Innern der Halde wird Methan freigesetzt, ein noch stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Wäre die weltweite Nahrungsverschwendung ein Land, es wäre der drittgrößte Produzent von Treibhausgasen auf der Erde, gleich nach China und den USA.

Nahrung, die wir produzieren, auch zu essen – das klingt zunächst einmal selbstverständlich. Dem steht allerdings knallhartes Profitdenken entgegen: Je mehr Joghurt die Konsumenten bei Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll werfen, desto mehr Joghurt können Händler verkaufen. Für Supermärkte ist es oft sinnvoller, überschüssige Äpfel in den Container zu kippen, anstatt den Preis zu senken. Aus Angst, Verträge mit Supermärkten nicht erfüllen zu können, bauen große Agrarbetriebe gewöhnlich zehn Prozent mehr an als vertraglich vorgesehen. Bauern lassen bei guten Ernten Obst und Gemüse auf den Feldern stehen, weil ein zu üppiges Angebot die Preise sinken lassen könnte. Und wenn die Kosten der Erntearbeit den Verkaufswert der Produkte übersteigen, werden reife Feldfrüchte untergepflügt.

Wenn es überhaupt etwas Gutes bei dieser weltweiten Verschwendung von Lebensmitteln gibt, dann ist es die Unmenge von Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Beim Kleinbauern ebenso wie beim Großhändler. Und nicht zuletzt bei uns selbst.

In Entwicklungsländern versorgen Hilfsorganisationen Kleinbauern mit mehrschichtigen Getreidesäcken, mit Vorrichtungen zum Trocknen und Konservieren sowie mit einfacher Technik für Kühlung und Verpackung. Wo vorher zum Beispiel in Afghanistan 50 Prozent der Tomatenernte verloren gingen, sind es jetzt nur noch fünf Prozent.

Anderswo lernen Bauern Methoden, um ihre Ernteerträge länger lagern zu können. „Historisch gesehen, hatten die Bauern in Ostafrika nie Überschüsse: Alles, was sie angebaut haben, war innerhalb von drei Monaten aufgegessen“, sagt Stephanie Hanson, Vizepräsidentin der gemeinnützigen Organisation One Acre Fund. „Jetzt, wo sie in der Lage sind, größere Ernten zu produzieren, müssen die vor Schädlingen und vor dem Verderben bewahrt werden.“ Kleine Metallsilos, geliefert von der FAO, ließen in manchen Regionen den Verlust bei Getreide und Hülsenfrüchten von 20 Prozent auf weniger als zwei Prozent fallen. Sichere Lagerung ermöglicht es Bauern auch, überschüssiges Getreide aufzuheben und Monate nach der Erntezeit, wenn die Nachfrage steigt, zu einem höheren Preis zu verkaufen.

In den Industrieländern schauen Medien, Behörden und Umweltorganisationen mittlerweile zunehmend kritisch auf die Lebensmittelverschwendung. In den USA hat eine wachsende Zahl von Restaurants begonnen zu erfassen, was in den Müll wandert. Ein erster Schritt, die Verschwendung zu verringern. In Belgien hat das wallonische Parlament in diesem Frühjahr ein Anti-Wegwerf-Gesetz gegen Verschwendung verabschiedet. Große Supermärkte sind nun gesetzlich verpflichtet, ihre unverkäufliche Ware karitativen Organisationen zu überlassen. Alles noch Verzehrbare darf nicht mehr weggeworfen werden. Wer sich nicht daran hält, kann bestraft werden, im schlimmsten Fall mit dem Verlust der Verkaufslizenz.

Anderswo arbeiten Obstbauern zusammen mit Fruchtsaftproduzenten und Verpackungsunternehmen daran, neue Märkte für nicht ganz makelloses Obst zu erschließen. Ein Umdenkprozess hat auch beim amerikanischen Supermarktgiganten Walmart eingesetzt: Jahrelang mussten Mitarbeiter den ganzen Eierkarton wegwerfen, wenn nur ein Ei zerbrochen war. Jetzt übernimmt das Unternehmen ein System, das es in Deutschland längst gibt: Jedes einzelne Ei wird mit allen Informationen über Haltung, Herkunft und Legedatum versehen und kann, wenn nötig, durch ein frisches Ei mit denselben Spezifikationen ersetzt werden. Laut Walmart könnte man in den USA, wenn alle Läden mitmachten, jährlich fünf Milliarden Eier vor dem unnötigen Wegwerfen bewahren.

In Deutschland ist in Teilen der Bevölkerung das Bewusstsein schon ein Stück weiter. Aktionen gegen Verschwendung reichen von den sogenannten „Mülltauchern“, die essbare Lebensmittel aus Supermarktcontainern bergen, über Verteilernetze für kostenloses Obst und Gemüse bis hin zu Profiköchen, bei denen man lernen kann, ein ganzes Tier restlos zu verwerten und auch aus Übriggebliebenem schmackhafte Mahlzeiten zu kochen.

In Großbritannien wurde die Vermeidung von Verschwendung kürzlich zu einer Aufgabe des ganzen Landes erklärt. An die Spitze der Bewegung hat sich die private Organisation „Feeding the 5000“ gesetzt – in Anlehnung an die „Speisung der 5000“ im Neuen Testament der Bibel. Mitarbeiter sammeln Produkte auf Bauernhöfen und in Verpackungsanlagen, die von Supermärkten zurückgewiesen wurden, und bereiten daraus Mittagsmahlzeiten zu, die gratis verteilt werden. Das soll vor allem noch mehr Menschen auf das Problem der Verschwendung aufmerksam machen.

Tristram Stuart, Gründer von „Feeding the 5000“, fordert Läden auf, Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum billiger zu verkaufen. Mit dem Projekt „The Pig Idea“ („Schweine-Idee“) will er die EU dazu bringen, das Verbot zur Verfütterung von Lebensmittelabfällen an Schweine aufzuheben. In Großbritannien gilt das, nachdem dort 2001 die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war, angeblich, weil Schweine nicht ausreichend sterilisierte Lebensmittelabfälle gefressen hatten (heute gilt als Ursache ein illegaler Fleischimport aus Asien). In Deutschland ist die Verfütterung von Speiseresten an Schweine seit 2006 nicht mehr erlaubt.

Dabei könnte das nicht nur Futtermittelkosten für Bauern senken, sondern auch ökologisch wertvollen Tropenwald retten, der sonst für den Anbau von Futtersoja gerodet würde, sagt Stuart. Außerdem erspare man Unternehmen die Kosten für die Entsorgung. Im Umweltprogramm der Vereinten Nationen heißt es, wenn wir alle Lebensmittel, die wir derzeit wegwerfen, an das Vieh verfütterten, würde theoretisch weltweit so viel Getreide frei, dass sich drei Milliarden Menschen davon ernähren könnten.

Denn das bleibt ein Paradoxon: Trotz dieser gigantischen Verschwendung verhungern jeden Tag Millionen Menschen auf der Erde. Knapp eine Milliarde haben zeitweise nicht genug zu Essen. Nicht nur in den bekannten Hungergebieten Afrikas. Im reichen Deutschland sind nach inoffiziellen Schätzungen sechs Millionen, in den USA ganz offiziell 49 Millionen Menschen „ernährungsgefährdet“: Das bedeutet, sie wissen nicht immer, woher ihre nächste Mahlzeit kommen soll. Organisationen wie Suppenküchen und Tafeln, die übriggebliebene Lebensmittel einsammeln und verteilen, haben steten Zulauf. Das ist die andere Seite der Verschwendungsgesellschaft.

Das größte Problem bei dem Versuch gegenzusteuern ist immer noch die alltägliche Verdrängung. Kaum einer will sich damit befassen. Es gibt doch immer alles. Nur langsam ändert sich das Bewusstsein, das hier etwas falsch läuft. Wenn etwa die Preise mancher Lebensmittel steigen, weil Getreide zu Biosprit verarbeitet wird. Oder wenn Wissenschaftler warnen, wie- viel Ackerfläche in naher Zukunft durch den Klimawandel verloren gehen könnte.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass wir uns den Luxus der Verschwendung nicht unbegrenzt erlauben können. Nahrung für den Müll zu erzeugen ist kein nachhaltiges Rezept für die Weltwirtschaft – auch wenn heute einige davon profitieren. „Nahrungsverschwendung ist eigentlich saublöd“, sagt der britische Experte Nick Nuttal, der beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen arbeitete. „Das Gute ist: Wir wissen, was wir etwas dagegen tun können.“

Wie lange bleiben Lebensmittel frisch?

Viele Lebensmittel werden weggeworfen, weil die Menschen nicht unterscheiden zwischen „Mindesthaltbarkeitsdatum“ (MHD) und „Verfallsdatum“. Das MHD besagt aber nur, wie lange die Qualität gleichbleibend garantiert wird. Auch danach sind die meisten Produkte noch einige Zeit unvermindert gut. Mittlerweile bieten einige Supermärkte Produkte günstiger an, wenn das MHD näher rückt. Das Verfallsdatum, oft in der Formulierung: „Zu verbrauchen bis spätestens ...“, steht auf leicht verderblichen Waren wie Hackfleisch oder Frischmilchprodukten. Im Zweifelsfall reicht ein einfacher Test mit Nase und Zunge, um herauszufinden, ob etwas noch gut ist. Auch die richtige Lagerung kann helfen, Verschwendung zu vermeiden. Niedrigere Temperaturen im Kühlschrank (bei vier bis fünf Grad) verlängern die Haltbarkeit vieler Lebensmittel, andere Vorräte sollten trocken, kühl und dunkel stehen.

(NG, Heft 11 / 2014, Seite(n) 108 bis 117)

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