Wissenschaft

Geflügelter Schrecken war eines der größten fliegenden Tiere der Erdgeschichte

Ein neuer Pterosaurier, der in der Mongolei gefunden wurde, hatte eine Flügelspannweite von fast zehn Metern und ernährte sich wahrscheinlich von Baby-Dinosauriern. Freitag, 3 November

Von John Pickrell

Das unvollständige Fossil eines gigantischen Flugsauriers wurde in der Wüste Gobi in der Mongolei entdeckt. Dieser eindrucksvolle Jäger hatte eine Flügelspannweite von etwa zehn Metern. Damit reicht er an die Größe eines kleinen Flugzeugs heran und hätte auch den größten geflügelten Reptilien in Europa und Nordamerika Konkurrenz gemacht.

Der neu entdeckte Gigant lebte vor 70 Millionen Jahren in einem warmen Lebensraum im Landesinneren. Dort war es zwar schon trocken, aber noch nicht so wüstenartig wie heutzutage. Diese Landschaft der späten Kreidezeit war mit reichlich Dinosauriern ausgestattet, und ihre Jungtiere könnten eine ideale Nahrungsquelle für den großen Fleischfresser gewesen sein.  Dieser konnte gut auf allen Vieren laufen und stellte seiner Beute vermutlich auf dem Boden nach.

Das Tier gehörte einer geheimnisvollen Flugsauriergruppe namens Azhdarchidae an und war vermutlich einer der größten Flugsaurier, die je gelebt haben, sagen die Autoren eines neuen Berichts, der im „Journal of Vertebrate Paleontology“ veröffentlicht wurde.

Das Team vergleicht das Tier mit den zwei größten bisher bekannten Pterosauriern: Quetzalcoatlus, der in den 1970ern in Texas gefunden wurde, und Hatzegopteryx, einem stämmigeren Mitglied der Azhdarchidae mit einem kürzeren Hals, der in den 90ern in Rumänien entdeckt wurde.

Beide Flugsaurier hatten geschätzte Flügelspannweiten von 9,7 Metern bis fast elf Metern. Am Boden waren sie bis zu fünfeinhalb Meter hoch – also etwa so groß wie ein großer Giraffenbulle. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass das neu entdeckte Tier noch größer als die bisher bekannten geflügelten Ungeheuer war, sagt Mark Witton. Der Experte für Flugsaurier arbeitet an der Universität von Portsmouth im Vereinigten Königreich.

Das Team hat das mongolische Fossil bisher noch nicht als neue Art benannt, da seine Überreste so unvollständig sind. Aber es stellt das erste Flugsaurierfossil dieser Größe in diesem Teil der Welt dar.

„Obwohl es unvollständig ist, ist es ein Exemplar eines riesigen Tieres, [...] das die geografische Verbreitung großer Flugsaurier bis nach Asien ausdehnt“, schrieben die Wissenschaftler.

PTEROSAURIER-JAGD

Paläontologen entdeckten das Fossil 2006 in einem Gebiet namens Gurilin Tsav, das reich an Fossilien ist. Dort, in der baumlosen Weite der westlichen Gobi, fand das Teammitglied Buuvei Mainbayar von der mongolischen Wissenschaftsakademie einen Teil des ersten Rückenwirbels. Er zeigte seinen Fund dem Hauptautor der Studie, Takanobu Tsuihiji von der Universität von Tokio.

„Ich habe sofort erkannt, dass es sich um einen Pterosaurier handeln könnte, und war erstaunt über seine gewaltige Größe“, sagt Tsuihiji. „Wir gingen direkt zurück zur Fundstelle und entdeckten dort den Rest des Exemplars.“

Die versteinerten Knochen waren so fragmentiert, dass sie sie zuerst nicht interpretieren konnten. Jahre der „Puzzlearbeit“ waren nötig, so sagt er, um schließlich mehrere Rückenknochen mit der charakteristischen Form von Azhdarchidae-Wirbeln zusammenzusetzen. „Ich war völlig begeistert“, fügt Tsuihiji hinzu.

„Es ist ein wirklich großer Wirbel. Das einzig vergleichbare Material stammt aus Rumänien“, kommentiert Witton den Fund. Er war an der neuen Entdeckung nicht beteiligt. „Er zählt definitiv zu den größten Pterosauriern, und bisher war so was aus Asien noch nicht bekannt.“

Einer der Halswirbel eines riesigen Azhdarchidae-Vertreters aus Jordanien namens Aramabourgiania ist knapp über fünf Zentimeter breit, während derselbe Knochen des Pterosauriers aus der Gobi eine Breite von fast 20 Zentimetern aufweist.

„Ob das nun einer völlig neuen Größenklasse von Pterosauriern entspricht, ist eine andere Frage“, sagt Witton. „Was uns bei diesen Flugsauriern fehlt, ist eine Zuordnung der Halswirbel zum Rest des Körpers, um zu bestätigen, ob sie einfach nur deutlich kräftigere Hälse hatten oder insgesamt deutlich größere Tiere waren.“

Sein Bauchgefühl sagt ihm allerdings, dass diese Giganten aus der Mongolei und Rumänien trotz ihres etwas höheren Gesamtgewichts immer noch eine Flügelspannweite von etwa 9,7 bis 11 Metern gehabt hätten. Diese Ausmaße sind nah am Größenlimit für einen flugfähigen Pterosaurier dieser Art.

„Er könnte ein recht kräftiges, eindrucksvolles Raubtier gewesen sein“, so Witton, und er wäre in der Lage gewesen, Beute von der Größe eines Menschen zu erlegen. „Sie scheinen sich von Lebewesen am Boden ernährt zu haben und waren generalistisch in ihrer Fähigkeit, im Grunde alles zu packen, was sie in ihren Schnabel kriegen.“

Der Azhdarchidae-Vertreter aus der Gobi wäre allerdings kein Spitzenprädator gewesen, wie es Hatzegopteryx im Rumänien der späten Kreidezeit war. Das liegt daran, dass sich der neu entdeckte Pterosaurier den Lebensraum mit dem Tarbosaurus geteilt hat – einem Verwandten des T. rex, der mindestens fünfeinhalb Tonnen wog. Der geflügelte Gigant stand zu seinem Glück wohl aber nicht auf der Speisekarte des Sauriers. Wissenschaftler vermuten, dass Azhdarchidae sich in Sekundenschnelle aus dem Stand gen Himmel katapultieren konnten.

„Es gab vermutlich einfachere Beute zu fangen“, sagt Witton. „Es wäre schwer für ein großes Raubtier, die Entfernung aus einem Hinterhalt so schnell zu überbrücken.“

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