Wissenschaft

Besucher aus fremdem Sonnensystem mit isolierender Schicht überzogen

Das interstellare Objekt ‘Oumuamua hat eine Schicht, die vermutlich durch Strahlung entstand. Es gibt allerdings keine Hinweise auf außerirdische Technologien. Dienstag, 19 Dezember

Von Michael Greshko

Der erste Besucher unseres Sonnensystems aus dem interstellaren Raum ist dabei, unsere kosmische Nachbarschaft wieder zu verlassen. Astronomen konnten allerdings überraschende Erkenntnisse über dessen Oberfläche gewinnen.

Nachdem sie analysiert hatten, wie das Objekt das Sonnenlicht reflektiert, entdeckten die Wissenschaftler, dass der seltsame Gesteinsklumpen namens ‘Oumuamua vermutlich mit einer Schmutzschicht überzogen ist, die reich an Kohlenstoff ist. Diese Ablagerungen entstanden wahrscheinlich, als die Oberfläche des Objekts von interstellarer Strahlung bombardiert wurde.

Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden in „Nature Astronomy“ veröffentlicht und könnten erklären, warum das Objekt – das vermutlich aus Gestein, Eis und Staub besteht – keinen Wasserdampf ausstieß, als es an der Sonne vorbeiflog.

RENDEZVOUS MIT ‘OUMUAMUA

‘Oumuamua wurde im Oktober entdeckt, als er an der Erde vorbeiraste. Das zigarrenförmige Objekt ist bis zu 400 Meter lang und verlässt unser Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von etwa 160.000 km/h. Astronomen vermuten schon seit Langem, dass fremde Sonnensysteme solche Gesteinstrümmer ins All schleudern, da unser eigenes Sonnensystem das ebenfalls tut. (Lesenswert: Erstes außerirdisches Sonnensystem mit acht Planeten entdeckt)

Ursprünglich hatte man angenommen, dass es sich bei ‘Oumuamua um einen Kometen handeln würde. Die Astronomin Karen Meech von der Universität von Hawaii schloss diese Möglichkeit aber aus, nachdem entdeckt wurde, dass das Objekt weder Gas noch Staub absonderte.

Als dann Alan Fitzsimmons, ein Astronom der Queen‘s University in Belfast, von der Entdeckung erfuhr, machten er und seine Kollegen sich an die Arbeit: Sie nutzten Teleskope auf den Kanaren und in Chile, um das Objekt zu verfolgen und zu messen, wie es die Wellenlängen des sichtbaren Lichts reflektierte. Unabhängig davon nutzte ein Team unter Führung von Michele Bannister und Meg Schwamb das Gemini-Observatorium auf Hawaii, um das Objekt im Infrarotbereich zu untersuchen. Die Gemini-Ergebnisse werden in einer künftigen Ausgabe des „Astronomical Journal“ veröffentlicht.

Die Daten lassen darauf schließen, dass die Oberfläche von ‘Oumuamua knochentrocken ist und keinerlei Eis enthält. Damit unterscheidet er sich von vielen anderen Kometen unseres Sonnensystems. Wärmesimulationen der kohlenstoffhaltigen Schicht lassen vermuten, dass die Ablagerungen bei einer Dicke von 40 Zentimetern einen eishaltigen Kern vor der Hitze unserer Sonne schützen könnten.

Zufällig fallen die neuen Studien des Objekts grob mit dem 100. Geburtstags des visionären Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke zusammen. In seinem Buch „Rendezvous mit 31/439“ beschreibt er, wie die Menschheit auf ein längliches, interstellares Objekt trifft, das in seiner Form ‘Oumuamua ähnelt.

Im Gegensatz zu dem Alienschiff aus dem Roman scheint ‘Oumuamua aber natürlichen Ursprungs zu sein. Die Studien sollten wohl auch endgültig Spekulationen darüber beenden, dass es sich bei ‘Oumuamua um ein Artefakt außerirdischer Lebensformen halten könnte. Selbst im Infrarotbereich waren keine Anzeichen metallischer Oberflächen auf dem Objekt erkennbar.

Zudem vernahm das Breakthrough Listen Project, welches nach außerirdischen Radiosignalen sucht, nichts als Stille von dem Objekt.

„Wir wissen, wie die reflektierten Spektren von Raumfahrzeugen aussehen“, sagt Bannister. „Das ist keines.“

LETZE BLICKE

Das zeitliche Fenster zur Untersuchung des Objekts von der Erde aus hat sich mittlerweile geschlossen. 

„Es ist zu klein und es ist viel zu weit weg, also müssen wir die großen Geschütze auffahren“, sagt Joseph Masiero. Der Planetenwissenschaftler des Jet Propulsion Laboratory der NASA hat ‘Oumuamua untersucht, war aber an keiner der neuen Studien beteiligt.

Im November wurde das Objekt mit der Infrarotsicht des Spitzer-Weltraumteleskops untersucht. Sofern das erfolgreich war, können die Daten dabei helfen, die genaue Zusammensetzung der Oberfläche von ‘Oumuamua zu klären.

Zusätzlich wird ein Team unter der Leitung von Meech im Januar 2018 die Flugbahn des Objekts mit Hilfe des Hubble-Weltraumteleskops verfolgen. Auch die Raumsonde Gaia von der ESA, welche die Milchstraße kartiert, wird im kommenden Jahr weitere Daten zur Verfügung stellen. Damit könnten Astronomen ‘Oumuamuas Weg womöglich bis zu dessen letzter Anlaufstelle zurückverfolgen.

„Wir haben ein außerirdisches Objekt entdeckt, das durch das Sonnensystem fliegt!“, sagt Fitzsimmons. „Man rechnet einfach nicht damit, dass man dazu mal die Gelegenheit haben wird.“ (Lesenswert: „In Nichts aufgelöst!“ Der Planet, der unserem Sonnensystem am nächsten liegt, ist verschwunden.)

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