Hunderte von Flugsaurier-Eiern bei Rekord-Ausgrabung entdeckt

Die gut erhaltenen Eier geben Aufschluss, wie die fliegenden Reptilien sich fortpflanzten – und wie sich ihre Jungtiere verhalten haben könnten.Donnerstag, 28. Dezember 2017

Rekonstruktion des Lebens von Hamipterus tianshanensis. Diese Spezies lebte vor mehr als 100 Millionen Jahren im heutigen China. Paläontologen entdeckten kürzlich Hunderte ihrer Eier. Das bedeutet einen großen Sprung für die Forschung in Bezug auf die Fortpflanzung der fliegenden Reptilien.
Rekonstruktion des Lebens von Hamipterus tianshanensis. Diese Spezies lebte vor mehr als 100 Millionen Jahren im heutigen China. Paläontologen entdeckten kürzlich Hunderte ihrer Eier. Das bedeutet einen großen Sprung für die Forschung in Bezug auf die Fortpflanzung der fliegenden Reptilien.
bild Zhao Chuang

Ein weltweit erstmaliger Fund ist Paläontologen im Nordwesten Chinas gelungen: Sie entdeckten ein Versteck mit Hunderten uralter Eier. Gelegt wurden sie von Pterosauriern, die fliegenden Reptilien zur Zeit der Dinosaurier. Einige der Eier enthalten die besterhaltenen Flugsaurier-Embryonen, die jemals gefunden wurden.

Pterosaurier werden schon seit zwei Jahrhunderten von Wissenschaftlern erforscht, doch erst am Anfang der 2000er-Jahre wurden die ersten Eier entdeckt. Weniger als ein Dutzend fand man bis heute. Die Ausbeute dieses Mal wurde Xiaolin Wang, einem Paläontologen der Chinese Academy of Sciences gefunden. Sie verzeichnet mindestens 215 – vielleicht sogar bis zu 300 – außerordentlich gut konservierte Pterosaurus-Eier.

Sein Team fand außerdem 16 Embryonen in den Eiern und sie vermuten, dass noch mehr im Stein versteckt sind. Wang und seine Kollegen veröffentlichten die Funde heute im Science-Magazin.

„In der Paläontologie wird gerne mal übertrieben, aber das hier ist schon wirklich fantastisch“, sagt David Hone, ein Forscher an der Queen Mary University of London, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. „Die Wissenschaft steht da noch ganz am Anfang, aber schon das Rohmaterial allein könnte möglicherweise alles ändern.“

Zwei der gerade gefundenen Pterosaurus-Eier. Paläontologen berichten, dass sie bislang Hunderte von Eiern gefunden haben. 215 davon befanden sich in einem einzigen Sandsteinblock. Vielleicht sind noch mehr im Inneren des Blocks versteckt.
Zwei der gerade gefundenen Pterosaurus-Eier. Paläontologen berichten, dass sie bislang Hunderte von Eiern gefunden haben. 215 davon befanden sich in einem einzigen Sandsteinblock. Vielleicht sind noch mehr im Inneren des Blocks versteckt.
bild Wang, Science

DIE PERFEKTEN STÜRME

Die kürzlich gefundenen Eier wurden von Hamipterus tianshanensis gelegt, einer bereits bekannten Spezies von Flugsauriern, die vor mehr als 100 Millionen Jahren im Nordwesten des heutigen Chinas lebten. Ihre Flügelspannweite betrug bis zu drei Metern und sie ernährten sich wahrscheinlich von Fisch. Diese Tiere könnten Ähnlichkeit mit unseren heutigen Reihen gehabt haben, da sie an den verschiedensten Gewässern im Inland beheimatet waren.

„Die Fundstelle befindet sich in der Wüste Gobi. Dort gibt es starke Winde, viel Sand und wenig Pflanzen und Tiere“, sagt ein Co-Autor der Studie, Shunxing Jiang der Chinese Academy of Sciences. „Allerdings waren die Umweltbedingungen zu Lebzeiten des Hamipterus wesentlich besser – wir nennen es Flugsaurier-Paradies.“

Hamipterus jagte nicht nur in diesem längst vergangenen Paradies, er pflanzte sich dort auch fort. Wahrscheinlich vergrub er seine Gelege in der Vegetation oder an den Ufern. Die Eier versteinerten in den Sedimenten eines Sees, die von schnell fließendem Wasser aufgewirbelt worden waren. Das deutet darauf hin, dass Stürme vielleicht ein Nest fluteten und die Eier in einen großen See spülten, wo sie im Matsch begraben wurden. Die Eier sind auch nicht alle auf einmal hineingetragen worden. Sie verteilten sich in vier voneinander abgesetzten Sedimentschichten, was vermuten lässt, dass verschiedene Fluten sie über einen längeren Zeitraum dorthin transportierten.

Wangs Team spekuliert, dass möglicherweise ein viel benutzter Nistplatz wiederholt überflutet wurde. Das würde implizieren, dass Hamipterus wie heutige Vögel und Schildkröten, immer wieder an den gleichen Eiablageplatz zurückkehren. Darüber hinaus weist die große Anzahl an Eiern darauf hin, dass Hamipterus wie einige heutige Vogelarten in großen Gruppen brütete. (Lesenswert: Dinosaurier legte blaue Eier)

DAS NEST VERLASSEN

Als das Wasser über diesen urzeitlichen chinesischen See tobte, brachen viele der Pterosaurus-Eier und ließen Sedimente ein, die ihre längliche Form für immer konservierte. Und in mindestens 16 dieser Eier umfingen die Sedimente auch die winzigen Skelette der Flugsaurier-Embryonen. Darunter befand sich auch ein Knochen, den die Wissenschaftler einem Jungtier kurz vor oder nach dem Schlupf zuordnen.

Der Fundort der Hamipterus-Fossilien in der Xinjiang-Provinz im Nordwesten Chinas lieferte Hunderte von Flugsaurier-Knochen.
Der Fundort der Hamipterus-Fossilien in der Xinjiang-Provinz im Nordwesten Chinas lieferte Hunderte von Flugsaurier-Knochen.
bild Alexander Kellner, Museu Nacional, UFRJ

„Wir konnten uns die Knochen anschauen und sehen, welche Merkmale für einen Embryo, ein geschlüpftes Jungtier und ein heranwachsendes Tier charakteristisch sind“, sagt Co-Autorin Juliana Sayão, eine Expertin für Knochenstrukturen der Federal University of Rio de Janeiro. „Das ist ein einmaliger Rekord für Flugsaurier – zum ersten Mal haben wir das ganze Spektrum vor uns.“

Durch den Vergleich einzelner Pterosaurier-Knochen aus verschiedenen Altersstufen können Forscher eine ungefähre Vorstellung davon bekommen, wie Hamipterus sich entwickelte. Sie fanden heraus, dass ein Embryo im letzten Stadium noch keine Zähne besaß und ihre vorderen Gliedmaßen weniger gut entwickelt waren als ihre hinteren. Die scheinbar schwachen Arme waren überraschend, weil viele Paläontologen bislang glaubten, dass Flugsaurier beinahe sofort nach dem Schlupf fliegen konnten. Die Hamipterus-Fossilien deuten jedoch darauf hin, dass die Pterosaurier langsamer heranwuchsen und zunächst auf allen Vieren herumkrochen.

„Ich denke, sie haben gute Argumente und das ist eine interessante Erkenntnis“, sagt Mike Habib, Paläontologe der University of Southern California. Er ist ein Spezialist für die Rekonstruktion des Bewegungsapparats von Flugsauriern. Er hofft, dass die zukünftige Arbeit an diesen Fossilien mechanische Analysen nutzen wird, um zu testen, wie gut diese kleinen Reptilien möglicherweise geflogen sind. (Lesenswert: Überraschender Zusammenhang zwischen Flugfähigkeit und Eiform bei Vögeln)

Die Felsen der Ausgrabungsstätte enthalten ein Durcheinander von versteinerten Hamipterus-Eiern und einzelnen Knochen von Tieren derselben Spezies. Paläontologen sind sich noch nicht sicher, warum sie nur Überreste von Hamipterus an diesem Ort gefunden haben.
Die Felsen der Ausgrabungsstätte enthalten ein Durcheinander von versteinerten Hamipterus-Eiern und einzelnen Knochen von Tieren derselben Spezies. Paläontologen sind sich noch nicht sicher, warum sie nur Überreste von Hamipterus an diesem Ort gefunden haben.
bild Alexander Kellner, Museu Nacional, UFRJ

Weitere Studien sollten dabei helfen, noch mehr Einzelheiten über die Fortpflanzung dieser geflügelten Kreaturen zu erfahren. Die Eierschalen sind der lederartigen Struktur von heutigen Schildkröten ähnlich. Das könnte bedeuten, dass Hamipterus seine Eier möglicherweise vergrub, um sie zu schützen – aber wo und wie ist unbekannt. Darüber hinaus weiß man noch nicht, wie viele Eier ein weiblicher Hamipterus legen konnte oder wie groß die Brutgruppen waren.

Die unvollständigen Fossilienfunde könnten auch dazu führen, dass die angenommene Wachstumsabfolge des Hamipterus nachträglich angepasst werden muss. Vielleicht waren die größten Embryonen, die das Team gefunden hat, noch nicht bereit zum Schlupf, was die Entwicklungszeitachse durcheinanderbringen würde. Weitere Fossilien würden helfen und Wangs Team bleibt im Nordwesten Chinas weiter auf ihrer Spur.

„Was auf meiner Wunschliste steht?“, sagt Co-Autor Alexander Kellner, ein Paläontologe der Federal University of Rio de Janeiro. „Nummer eins: mehr Embryonen finden. Nummer zwei: Ich wünsche mir, dass wir Eier an Ort und Stelle finden – also ‚unbewegt‘. Daraus könnten wir viel lernen.“ (Lesenswert: Neuer vogelartiger Dinosaurier hatte moderne Federn)

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