Neuronales Interface: Wie wir Computer eines Tages mit unserem Gehirn steuern werden

Wenn es nach den Gründern der CTRL-Labs geht, wird man bald keinen Text mehr auf einer Tastatur eingeben. Man denkt ihn einfach.Mittwoch, 21. Februar 2018

Die Maus hakt. Das Touchpad funktioniert nicht richtig. Das Tippen auf der Tastatur des Telefons produziert mit zunehmender Hektik immer mehr Tippfehler.

Manch einer betrachtet diese kleinen Unannehmlichkeiten vielleicht als lästige, aber unvermeidbare Ärgernisse des sonst so praktischen digitalen Zeitalters. Thomas Reardon betrachtet sie als Beweis dafür, dass unsere Beziehung zu Computern grundlegend fehlerhaft ist.

Der Neurowissenschaftler, aus dessen Feder eines der ersten Portale ins Internet stammt – der Microsoft Internet Explorer –, stellt sich eine Zukunft vor, in der Maschinen ihre Befehle direkt von unserem Gehirn erhalten.

In seinem Start-up CTRL-Labs mit Sitz in New York arbeitet er an externen Körpersensoren, die Gedanken entschlüsseln und so einen Computer bedienen können. Mit National Geographic sprach Reardon über seine Arbeit an einem Brain-Computer-Interface und dessen Rolle für die Zukunft.

Das Konzept einer Gehirn-Computer-Schnittstelle beinhaltet die Interpretation von Nachrichten, die von Motoneuronen geschickt werden. Erklären Sie uns, was das bedeutet.

Die Motoneuronen sind jene Neuronen, die unsere Absichten ausführen, unseren Willen in der Welt.

Wenn unser Gehirn losgehen und irgendwas in der Welt tun will, dann aktiviert und deaktiviert es Muskeln. Das ist eine fast schon deprimierende Aussage, aber im Grunde ist unser Gehirn zu nichts anderem fähig. Es gibt natürlich eine ganze Menge Dinge auf der Welt, die man wahrnehmen und verstehen kann. Aber wenn es um Aktion geht, kann das Gehirn nur Muskeln aktivieren und deaktivieren. Das passiert über Motoneuronen, und diese Neuronen nutzen wir bei unserer Arbeit als Schnittstelle.

Wie genau funktioniert das? Wo bringen Sie die Sensoren an?

Wir können da nicht so sehr ins Detail gehen, weil wir derzeit sehr aktiv an Dingen arbeiten, die als geistiges Eigentum geschützt sind. Aber unserem Unternehmen ist egal, wo genau am Körper die Sensoren sind. Eine Stelle ist derzeit zufällig am Handgelenk. Sie könnte aber auch am Hals, im Ohr oder am Fußknöchel sein. Das spielt für uns nicht wirklich eine Rolle. Wir brauchen eigentlich nur Zugang zu den elektrischen Signalen, die Motoneuronen aussenden, wenn sie mit den Muskeln kommunizieren.

Wenn man sich überlegt, auf wie viele verschiedene Arten man sich in der Welt umherbewegt, all die Arten, auf die Motoneuronen Dinge an- und ausschalten, dann ist der innovativste Teil unseres Körpers wirklich unsere Hände. Etwas so Einfaches wie ein Glas Wasser anzuheben und es an die Lippen zu führen ist eine unglaublich, wirklich unglaublich kunstfertige Aufgabe. Und sie hat einen Preis. Unser Gehirn widmet dieser Aufgabe eine Menge Aufmerksamkeit und Datenverarbeitungskapazität, wenn man so will. Für etwas, das man eigentlich für selbstverständlich hält.

Wie lässt sich das auf unsere heutige Interaktion mit Computern übertragen?

Heutzutage findet diese ganze Interaktion über ein zwischengeschaltetes Gerät statt, ob nun eine Tastatur, eine Maus oder ein Controller. Erst, wenn wir dieses Gerät überspringen und direkt die Informationen aus den Nerven verarbeiten, können wir zu einer neuen Ebene der Interaktion zwischen Menschen und Maschinen durchbrechen.

Man kann dem Gehirn tonnenweise Informationen zuführen und sie in Echtzeit analysieren. Wir sind phänomenale Datenverarbeitungsmaschinen. Man ist nur dann eingeschränkt, wenn man Informationen wieder ausgeben will. Das liegt daran, dass man das über Muskeln tut, die biomechanisch funktionieren. Da hakt dann alles, und das wollen wir lösen.

“Ich möchte, dass das Bedienen von Computern für die Menschen eine neue Ebene der Mühelosigkeit und Nützlichkeit erreicht. ”

Als Sie 2015 anfingen, woran wurde da Ihrer Meinung nach in diesem Bereich noch nicht gearbeitet?

Bisher hat sich die ganze Arbeit an Brain-Computer-Interfaces auf klinische Patienten konzentriert: Menschen mit Nervenkrankheiten wie ALS oder Muskeldystrophien. Wir dachten also: Moment mal, die meiste Arbeit hat sich bisher an Menschen ohne ein funktionierendes motorisches System gerichtet. Was aber würde passieren, wenn man ein funktionierendes motorisches System hat? Wie würde man das Problem des Brain-Computer-Interface dann angehen? Das war der Geist, in dem unser Unternehmen gegründet wurde: Anstatt zu versuchen, das motorische System zu umgehen, wollten wir damit arbeiten.

Es gibt zahlreiche potenzielle Anwendungsmöglichkeiten dafür. Gibt es ein oder zwei, die Sie besonders faszinieren?

Als Erstes wollen wir das Texten am Telefon verbessern. Als 2007 das iPhone rauskam, haben wir als hoch entwickelte Art meiner Meinung nach einen Rückschritt gemacht. Wir haben nicht gelernt, besser zu kommunizieren. Wir haben unsere Kommunikation eher eingeschränkt, weil die Texteingabe auf dem Telefon ein echter Alptraum ist. Ich will, dass sich das auf dem Telefon besser anfühlt als an der Tastatur, selbst, wenn man wirklich gut im Tippen ist. Ich möchte diese Erfahrungen neu gestalten, damit wir diese Rückschritte, die wir in den letzten zehn Jahren gemacht haben, wieder aufholen und uns vorwärtsbewegen können.

Ich möchte, dass das Bedienen von Computern für die Menschen eine neue Ebene der Mühelosigkeit und Nützlichkeit erreicht. Das klingt vielleicht ein bisschen abstrakt, aber ich stelle mir wirklich Fragen wie: Warum benutzt man eine Tastatur, um einen Text in einen Computer einzugeben? Warum kann ich meiner Frau keine Nachricht schreiben, während ich die Hand in meiner Tasche habe?

Denken Sie mal darüber nach, wie Sie heutzutage Text auswählen, den Sie bearbeiten möchten. Denken Sie darüber nach, wie Sie eine Maus benutzen und wie langsam das ist. Was, wenn Sie gleichzeitig den Text auswählen und tippen könnten, ohne mit der Hand Ihre Maus zu bewegen? Sobald man sich von den Geräten wegbewegt und die Nervensignale entschlüsselt, wird all das viel ergiebiger und natürlicher. Es gibt im Grunde keinerlei Interaktion mit heutigen Maschinen – Computern, Robotern und so weiter –, die diese Technologie nicht grundlegend verändern würde.

Manche würden sagen, dass wir schon zu vernetzt mit Maschinen sind. Gibt es etwas an der aktuellen Richtung, in die wir uns bewegen, das Sie persönlich ins Stocken bringt?

Mit dem mobilen Internet haben wir eine ganze Menge großer Rückschritte gemacht. Wir haben jederzeit direkt verfügbare Informationen vor der Nase, aber eine fast schon schmerzhaft eingeschränkte Möglichkeit, mit all diesen Dingen zu interagieren. Ich denke, dass die Menschheit da einen Schritt zurück gemacht hat. Wir haben die Kontrolle verloren. Das ist so, als hätten die Maschinen damit begonnen, zunehmend uns zu programmieren.

Wir haben unser Unternehmen CTRL-Labs genannt, weil wir versuchen, den Menschen die Kontrolle über ihren Weg nach vorn zurückzugeben, indem wir die Interaktion zwischen Mensch und Maschine verändern. Wir sollten die Maschinen wieder zu einem Werkzeug machen. Ich will, dass wir Maschinen im grundlegendsten Sinne programmieren.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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