Wissenschaft

Stephen Hawkings provokanteste Momente

Der berühmte Wissenschaftler war bekannt dafür, Wetten einzugehen und Vorhersagen zu treffen, von der Natur Schwarzer Löcher bis zum Ende der Menschheit. Montag, 7 Mai

Von Michael Greshko

In den 1970ern stellte der im März 2018 verstorbene Wissenschaftler Stephen Hawking die Welt der Physiker auf den Kopf, als er erklärte, dass Schwarze Löcher nicht so schwarz wie gedacht waren, weil ein gewisser Anteil des Lichts dem Ereignishorizont dieser Phänomene entkommen kann.

Dieser Paukenschlag, der eine ganz neue Betrachtungsweise der Schwarzen Löcher aus der Perspektive der Quantenphysik inspirierte, sollte aber nicht das letzte Mal sein, dass Hawking erschütternde Behauptungen über die Natur des Kosmos aufstellte.

Seine letzte wissenschaftliche Arbeit reichte er nur zehn Tage vor seinem Tod beim „Journal of High-Energy Physics“ ein – vor Kurzem wurde sie nun veröffentlicht. Darin stellen Hawking und sein Kollege Thomas Hertog von der Katholieke Universiteit Leuven in Belgien eine neue Theorie darüber auf, was nach dem Urknall geschah und was das für die Existenz eines Multiversums bedeutet.

Wir blicken auf von Hawkings berühmtesten Wetten und provokantesten Äußerungen zurück, die in den mehr als 40 Jahren seines öffentlichen Lebens für Aufsehen sorgten.

JAHRZEHNTE VOLLER SCHWARZER LÖCHER

Ein großer Teil von Hawkings Arbeiten befasste sich mit den Geheimnissen Schwarzer Löcher, daher mag es überraschen, dass er einmal gegen ihre Existenz gewettet hat. Der spitzbübische Kosmologe schloss im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von bekannten Wissenschaftswetten ab, von denen er viele verlor.

Am 10. Dezember 1974 wettete er mit Kip Thorne, einem theoretischen Physiker am Caltech, darum, ob die gewaltige Röntgenstrahlenquelle Cygnus X-1 ein Schwarzes Loch ist. Beide waren sich zwar ziemlich sicher, dass es sich tatsächlich um ein solches Phänmen handelte, letztendlich wettete Hawking dann aber doch gegen Cygnus X-1.

„Das war für mich so eine Art Versicherung. Ich habe mich viel mit Schwarzen Löchern beschäftigt, und das wäre alles umsonst gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, dass es gar keine Schwarzen Löcher gibt“, schrieb er 1988 in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“. „Aber in dem Fall hätte ich wenigstens den Trost, dass ich meine Wette gewonnen habe, was mir ein vierjähriges Abo der Zeitschrift ‚Privat Eye‘ beschert hätte.“

Mittlerweile herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass es sich bei dem Objekt um ein Schwarzes Loch handelt. Außerdem bestätigte die Entdeckung von Gravitationswellen im Jahr 2016 schlussendlich die Existenz Schwarzer Löcher.

Jahre später schloss Hawking eine weitere Wette zu Schwarzen Löchern mit Thorne und John Preskill ab, ebenfalls ein theoretischer Physiker am Caltech. 1997 wette das Trio darum, ob ein Schwarzes Loch die Informationen in jenen Objekten zerstört, die es mit seiner Gravitation gewissermaßen verschlingt. Thorne und Hawking wetteten, dass Schwarze Löcher diese Informationen tatsächlich zerstörten und damit scheinbar einen Grundsatz der Quantenmechanik brachen. Preskill wettete dagegen.

2004 gestand Hawking seine Niederlage ein und kaufte Preskill als Wettgewinn eine Baseball-Enzyklopädie. Später versuchte Hawking herauszufinden, wie genau Schwarze Löcher Informationen bewahren, und machte dabei beträchtliche Fortschritte, die er 2016 in einer Abhandlung in „Physical Review Letters“ festhielt. Trotzdem wurde das Paradox bisher nicht gelöst.

DAS 100-DOLLAR-HIGGS-BOSON

Schwarze Löcher waren allerdings nicht der einzige Fokus von Hawkings wissenschaftlichen Glücksspielchen. 2012 schrieben Wissenschaftler am CERN mit dem Large Hadron Collider Geschichte, als sie Spuren des Higgs-Bosons entdecken – dem lang gesuchten, fehlenden Teilchen im Standardmodell der Elementarteilchenphysik.

Das in den 1960ern postulierte Higgs-Boson ist jenes Teilchen, das mit den meisten anderen subatomaren Teilchen interagiert, die dadurch ihre Masse erhalten. Jahrzehntelang erwies sich die Suche nach dem Higgs-Boson jedoch als äußerst kompliziert. Die Angelegenheit war so vertrackt, dass Hawking eine Wette darüber mit Gordon Kane von der Universität von Michigan laufen hatte, ob man das Teilchen je finden würde.

„Vor etwa zehn Jahren war ich auf einer Konferenz in Korea und Stephen war auch dort“, sagte Kane 2012 in einem Interview mit NPR. „Und Stephen sagte: Ich wette, dass es kein Higgs-Boson gibt. Also hab‘ ich sofort gesagt: Die Wette nehme ich an. Dann haben wir die Details ausgemacht und uns auf 100 Dollar geeinigt.“

Als sich die Nachricht über die Entdeckung des Higgs-Bosons verbreitete, lobte Hawking Higgs für seine Arbeit und erkannte an, dass er die Wette verloren hatte.

GEFAHRENQUELLE AUSSERIRDISCHES LEBEN?

In späteren Jahren warnte Hawking wiederholt vor der Gefahr eines Treffens der Menschheit mit außerirdischen Zivilisationen. In seiner Doku-Serie „Into the Universe with Stephen Hawking“ aus dem Jahr 2010 gab er zu bedenken, dass außerirdische Zivilisationen, die hochentwickelt genug sind, um die Erde zu besuchen, feindselig sein könnten.

„Solche fortschrittlichen Außerirdischen könnten womöglich zu Nomaden werden, die darauf aus sind, jeden Planeten zu erobern und zu kolonisieren, den sie erreichen können“, sagte er. „Wer weiß, welche Grenzen es für sie gäbe?“ In der Dokumentation „Stephen Hawking’s Favorite Places“ aus dem Jahr 2016 wiederholte Hawking seine Ansichten zu dem Thema erneut: „Das Treffen mit einer fortschrittlichen Zivilisation könnte so verlaufen wie das Treffen der amerikanischen Ureinwohner mit Kolumbus. Das ging nicht sonderlich gut aus.“

Hawkings wissenschaftliche Kollegen teilen seine Ansichten nicht zur Gänze. Viele von ihnen verweisen auf die schiere technologische Schwierigkeit interstellarer Reisen – und auf die Tatsache, dass menschliche Radioübertragungen schon seit Längerem ins All strömen.

„Jede Gesellschaft mit der Fähigkeit, der Erde gefährlich zu werden, hat mit überwältigender Wahrscheinlichkeit bereits die Mittel, um die Signale aufzufangen, die wir seit 70 Jahren gen Himmel senden“, schrieb Seth Shostak, ein Chefastronom des SETI Institute, 2016 in einer Stellungnahme für den „Guardian“. „Und da wir seit einem Menschenalter damit beschäftigt sind, den Ozean des Weltalls mit einer Flaschenpost nach der anderen zu füllen, die unsere Existenz und unsere Position verraten, ist es ein bisschen unsinnig, sich um neue Flaschen zu sorgen.“

Hawking hat die Möglichkeit außerirdischen Lebens aber auch mit Staunen betrachtet und sagte einmal, dass ein solcher Fund „die größte Entdeckung der Geschichte“ wäre. Ebenso hat er das Projekt Breakthrough Starshot unterstützt – eine 100-Millionen-Dollar-Initiative, die ein winziges Raumschiff in das 4,34 Lichtjahre entfernte Sternsystem Alpha Centauri schicken will.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ:

VERHEISSUNG ODER VERHÄNGNIS?

Hawking verwies auch auf die potenzielle Macht und die Nachteile einer hochentwickelten künstlichen Intelligenz (KI), die – so seine Befürchtung – eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit darstellen könnte.

„Die Entwicklung einer Superintelligenz könnte das Ende der Menschheit bedeuten“, sagte er 2014 in einem Interview mit der „BBC“. „Sie würde selbstständig durchstarten und sich selbst mit immer größerer Geschwindigkeit neu designen. Menschen, die durch die langsame biologische Evolution eingeschränkt sind, könnten nicht mithalten und würden verdrängt werden.“

Mit seinen Bedenken ist Hawking nicht allein. Elon Musk, der Firmenchef von Tesla und SpaceX, hat künstliche Intelligenz ebenfalls öffentlich als „existenzielle Bedrohung“ bezeichnet. Diese Äußerungen blieben allerdings nicht lange unkommentiert und wurden von manchen auch als „Panikmache“ kritisiert.

Später betonte Hawking auch, dass künstliche Intelligenzen nicht zwingend etwas Schlechtes sein müssten. „Der potenzielle Nutzen der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz wäre enorm“, sagte er 2016 in einer Rede, über die der „Guardian“ berichtete. „Jeder Aspekt unseres Lebens würde verändert werden.“ Aber bei seinem ersten „Ask me Anything“ auf Reddit warnte Hawking auch, dass man aufpassen müsse, wer von solchen technologischen Fortschritten profitieren würde.

„Wenn Maschinen alles produzieren, was wir brauchen, hängt das Ergebnis davon ab, wie die Dinge verteilt werden“, sagte er. „Bisher scheint der Trend eher in die Richtung zu gehen, dass Technologie die zunehmende Ungleichheit vorantreibt.“

 

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