Wissenschaft

Seite an Seite: Eine Welt mit Menschen und Dinosauriern?

Moderne Wissenschaft könnte aus Fiktion bald Realität machen. Welche praktischen Probleme würde das mit sich bringen? Dienstag, 26. Juni 2018

Von John Pickrell
Besucher sehen sich Tristan den Tyrannosaurus rex im Berliner Museum für Naturkunde an. Es ist eines der besterhaltenen großen Dinosaurierskelette der Welt.

In „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ sehen sich die Menschen mit einem moralischen Dilemma konfrontiert: Retten wir die Dinosaurier, die wir durch die Wissenschaft wieder zum Leben erweckten, wenn ihre Existenz durch einen Vulkanausbruch gefährdet ist? Oder überlassen wir die gefährlichen Tiere ihrem Schicksal?

In der echten Welt stehen in Zukunft womöglich andere Fragen an: Ist es technisch machbar, einen Dinosaurier aus alter DNA zu erschaffen? Welche ethischen Bedenken gibt es? Und wo würden diese fremdartigen Tiere leben?

DINO-DNA

In den Filmen der „Jurassic Park“-Reihe extrahierten Wissenschaftler Dinosaurier-DNA aus Mücken, die in Bernstein eingeschlossen waren. Jenseits des Filmuniversums haben Paläontologen bereits etliche Insekten und andere wirbellose Tiere in Bernsteineinschlüssen gefunden, darunter auch Zecken aus der Kreidezeit.

Tatsächlich hat die Wissenschaft die Vision des ersten Films von 1993 mittlerweile sogar übertroffen: Ende 2016 verkündeten Paläontologen die Entdeckung eines in Bernstein eingeschlossenen Dinosaurierschwanzes – inklusive gut erhaltener Haut und Federn.

Doch trotz versteinerten Dinosaurierteilen und anderen ausgezeichnet erhaltenen Sauriern, in denen noch Spuren des ursprünglichen organischen Materials vorhanden sind, stehen die Chancen dafür, intakte Dinosaurier-DNA zu finden, äußerst schlecht.

Die nicht flugfähigen Dinosaurier starben aus, nachdem ein Asteroid vor 66 Millionen Jahren auf der Erde einschlug. Bisher scheint es so, als würde sich DNA einen so langen Zeitraum einfach nicht überdauern.

„Die älteste DNA im Fossilbericht ist nur etwa eine Million Jahre alt. Deshalb ist es uns nicht möglich, Dinosaurier aus ihrer DNA zu rekonstruieren, wie das in den ‚Jurassic Park‘-Filmen gemacht wurde“, sagt Susie Maidment, eine Paläontologin des Natural History Museum in London.

Allerdings gibt es ihr zufolge „immer mehr Belege dafür, dass sich Proteine und Weichgewebe auch über geologische Zeitalter hinweg erhalten. Ich denke, es wäre also nicht sehr vernünftig zu sagen, dass wir definitiv nie in der Lage sein werden, DNA aus Dinosaurierfossilien zu gewinnen.“

Seit dem Kinodebut von „Jurassic Park“ vor 25 Jahren suchen Paläontologen auf der ganzen Welt nach fossiler Dinosaurier-DNA, sagt Steve Brusatte, ein National Geographic Explorer und Autor von „The Rise and Fall of the Dinosaurs“ (dt. Der Aufstieg und Fall der Dinosaurier).

„Wir wissen, dass wir damit Karriere machen würden, wenn wir die ersten Menschen wären, die so was finden. Aber trotz all der Bemühungen hat bisher niemand auch nur ein einziges Fragment von Dinosaurier-DNA gefunden, ganz zu schweigen von vollständigen oder fast vollständigen Genomen, die nötig wären, um einen Dinosaurier zu klonen“, sagt er.

„DNA zerfällt sehr schnell, selbst schon im Laufe von hundert Jahren. [Dinosaurier-DNA] ist in kleine Bruchstücke zerfallen, die keinen Sinn mehr machen“, erklärt Mike Benton, ein Paläontologe der University of Bristol. „Es wäre eine immense technische Leistung, diese Teile wieder zusammenzufügen. Solange also niemand ein bisschen Dino-DNA findet, haben wir noch nicht mal den Startblock verlassen.“

DAS LEBEN FINDET EINEN WEG

Mehrere Teams aus den USA versuchen derzeit, ausgestorbene Arten mit Hilfe alter DNA und Genome Editing wieder zum Leben zu erwecken. Allerdings übersteigt es aktuell schon unsere Fähigkeiten, jene Arten zurückzubringen, die vor nur 20 Jahren ausstarben, wie Benton sagt.

Die CRISPR/Cas-Methode zum Genome Editing entwickelt sich jedoch mit Lichtgeschwindigkeit weiter. Wissenschaftler konnten bereits genetische Abschnitte verschiedener Tiere kombinieren, wie es auch in „Jurassic Park“ geschah.

Im ersten Film füllten Genetiker die fehlenden Teile im Dinosaurier-Genom mit Frosch-DNA auf. In der echten Welt versuchen Forscher unter Leitung des Genetikers George Church an der Harvard University, Mammutgene aus alter DNA in das Genom heutiger Asiatischer Elefanten einzusetzen. Das Unterfangen ist Teil ihres Wiederbelebungsprogramms für das Mammut.

„Ich wäre zögerlich damit zu sagen, dass das unmöglich ist“, sagt Victoria Arbour über das Zurückbringen der Dinosaurier. Sie ist eine Experten für gepanzerte Dinosaurier am Royal Ontario Museum in Toronto, Kanada. „In so vielen wissenschaftlichen Disziplinen gibt es andauernd unglaubliche Durchbrüche. Etwas, das man sich derzeit nur schwer vorstellen kann – zum Beispiel die Wiederbelebung eines Dinosauriers –, könnte in 25, 50 oder 100 Jahren also möglich sein.“

Wenn wir es erst mal schaffen, ein komplettes ausgestorbenes Genom zu rekonstruieren, um einen Dinosaurier zurückzubringen, dann wird es auch relativ einfach sein, neue Eigenschaften einzufügen und einen Designer-Dino wie den Indoraptor aus dem aktuellen Film zu erschaffen.

BITTE DIE TOURISTEN NICHT FRESSEN

Nehmen wir also mal an, es wäre uns mit aktuell noch nicht vorhandenen Technologien gelungen, einen modernen Dinosaurier zu erschaffen und genetisch zu perfektionieren: Könnte er an der Seite des Menschen überleben und gedeihen?

Wenn man sich unser Verhältnis zu großen Raubtieren wie Löwen, Wölfen und Bären ansieht, wird deutlich, dass Menschen und Raubtiere sich nur selten gut vertragen. In den allermeisten Fällen sind es zudem die Menschen, die sich durchsetzen, während die Tiere das Nachsehen haben.

Arbour würde gern in einer Welt leben, in der Ankylosaurier durch die Wildnis streifen. Allerdings haben es selbst große Pflanzenfresser schwer, neben dem Menschen zu existieren. Wir benötigen große Flächen, um unsere Nahrung anzubauen und unsere Städte und Straße zu bauen.

„Wir mögen es nicht, wenn große Tiere in diese Räume eindringen“, sagt sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit einem riesigen Raubtier wie dem Tyrannosaurus rex leben könnten. Wir konnten in einem Großteil Nordamerikas ja schon keine Wölfe tolerieren und haben sie fast ausgelöscht. Wie könnten wir dann mit einem Raubtier leben, das siebzigmal größer als ein Wolf ist?“

Noch dazu lebten Dinosaurier in Ökosystemen, für die es keine modernen Äquivalente gibt, sagt Maidment. Gras und ganze Graslandschaften gab es in der Kreidezeit noch nicht, ebenso wenig wie große Säugetiere.

„Was würden Dinosaurier fressen, wie würde ihr Verdauungsapparat damit zurechtkommen? Wie würden sie mit räuberischen Säugetieren umgehen? Wo würden wir sie halten? Welche Rechte hätten sie? Ich denke, die ethischen Bedenken für das Klonen eines Dinosauriers wären mindestens so problematisch wie die wissenschaftlichen Herausforderungen“, sagt sie.

„Die Dinosaurier wären fremd in unserer Welt“, stimmt Brusatte zu. „Sie entwickelten sich vor vielen Millionen Jahren, als die Erde deutlich anders aussah. Die Kontinente hatten andere Positionen, die Atmosphäre war anders, die Pflanzen waren anders. Vielleicht würden sie damit auch gar nicht zurechtkommen.“

WILLKOMMEN IN JURASSIC WORLD

Allerdings sollten wir Brusatte zufolge eine wichtige Tatsache nicht vergessen: Dinosaurier leben bereits an unserer Seite – in Form von Vögeln. Die Tiere sind die Nachfahren primitiver, am Boden lebender Vögel, die überlebten, als die Wälder der Erde vor rund 66 Millionen Jahren zerstört wurden.

„Truthühner, Strauße und Adler unterscheiden sich in ihrem Aussehen oder Verhalten nicht so sehr von ausgestorbenen Dinosauriern wie Velociraptoren. Offensichtlich könnten Menschen und Dinosaurier also miteinander leben“, so Brusatte. „Wir halten uns Dinosaurier als Haustiere, wir essen sie, wir sehen sie uns gern in der Natur und in Zoos an und sie dienen uns als Maskottchen für Sportmannschaften.“

Arbour ist von der aktuellen Forschung zur Widerbelebung ausgestorbener Arten zwar begeistert, hofft aber, dass wir uns weiterhin mehr auf den Erhalt jener Arten konzentrieren werden, die noch da sind.

„Das Staunen, das uns überkommt, wenn wir uns in Museen Dinosaurierfossilien ansehen, kann uns dazu inspirieren, die Endgültigkeit des Aussterbens zu begreifen. Und es kann uns dazu ermutigen, jene Arten zu schützen, die sich den Planeten heute mit uns teilen.“

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