Wissenschaft

Forscher filmten wahrscheinlich neue Art von Orcas

Zum ersten Mal konnten Wissenschaftler die mysteriösen Typ-D-Orcas in der Wildnis aufspüren.Tuesday, March 12, 2019

Von Douglas Main

Ganz im Süden der Erde, inmitten der rauen See, leben mysteriöse Schwertwale, die sich von anderen Orcas deutlich unterscheiden.

Zum ersten Mal ist es Wissenschaftlern nun gelungen, die Tiere in der Wildnis aufzuspüren und zu erforschen. Bei den Orcas handelt es sich „höchstwahrscheinlich“ um eine neue Art, sagt Robert Pitman, ein Forscher der NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration).

Das Forschungsteam machte die Entdeckung im Januar knapp 100 Kilometer vor der Küste von Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas – in der Region mit „dem schlechtesten Wetter der Welt“, wie Pitman anfügt.

Die Orcas vom sogenannten Typ D waren zuvor nur von Amateuraufnahmen, den Beschreibungen von Fischern und einer Massenstrandung bekannt. Im Gegensatz zu anderen Orcas ist ihr Kopf vorn abgeflacht, ihre Rückenflosse ist schmaler und läuft spitzer zu und ihre weißen Augenflecken sind deutlich kleiner. Pitman zufolge sind sie außerdem ein gutes Stück kürzer als andere Orcas.

Das Team, das an Bord der Australis  aufbrach, steuerte eine Region an, in der Fischer die Tiere vor Kurzem gesehen haben wollten. Dort ankerte das Schiff und wartete mehr als eine Woche. Schlussendlich näherte sich eine Gruppe von etwa 25 Schwertwalen der Australis.

Die Wissenschaftler filmten die Raubtiere sowohl über als auch unter Wasser. Von einem Tier nahmen sie eine kleine Haut- und Blubberprobe. Damit werden sie die DNA der Orcas untersuchen und ein für alle Mal feststellen können, ob es sich um eine eigene Art handelt. (Aktuell wartet das Team auf eine Exportgenehmigung, um die Probe aus Chile ausführen zu dürfen.)

Die Orcas hielten sich einige Stunden lang im Umkreis des Schiffs auf und schienen sich für die Menschen und ihr Gefährt zu interessieren. Obwohl sie das Hydrophon, das die Forscher ins Wasser gelassen hatten, ausgiebig inspizierten, gaben sie keine Lautäußerungen von sich.

Schwarz auf Weiß

Typ-D-Orcas wurden erstmals identifiziert, als eine Gruppe von mehr als einem Dutzend Tieren 1955 an der Küste Neuseelands strandete. Über 50 Jahre später sah Pitman 2005 Fotos, die der französische Wissenschaftler Paul Tixier bei seinen Forschungen gesammelt hatte. Die Aufnahmen waren im Umkreis der abgelegenen Crozetinseln im Indischen Ozean entstanden und zeigten eindeutig Orcas, die den gestrandeten Tieren von 1955 ähnelten.

„Mir stand der Mund offen, als ich die Fotos gesehen habe“, so Pitman. „Da waren sie wieder, 50 Jahre später.“

Diese Orcas waren rund um die Crozetinsel und Chile bekannt dafür, den Fischern die Seehechte von den Leinen zu fressen. Manchmal stibitzten sie bis zu einem Drittel des Fangs, wie Pitman erzählt.

Die beiden Forscher arbeiteten mit anderen Wissenschaftlern an der ersten Studie zu Typ-D-Orcas, die 2010 in „Polar Biology“ erschien. Dabei stützen sie sich vor allem auf Fotografien und Anekdoten. Aber Pitman war fest entschlossen, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu finden.

Bei einem E-Mail-Interview schrieb Tixier, der mittlerweile an der Deakin University in Melbourne lehrt: „Durch die Entnahme der ersten Biopsieproben dieses Orca-Typs verspricht Pitmans Expedition neue Erkenntnisse über die Genetik, Evolution, das Fressverhalten und die Ressourcenaufteilung von Typ-D-Orcas und Orcas im Allgemeinen.“

Tatsächlich gibt es verschiedene Ökotypen von Orcas, bei denen es sich womöglich um eigenständige Arten handelt. Allein vier davon leben in der Nähe der Antarktis. Orcas vom Typ A ähneln äußerlich jenen Orcas, die man auf der ganzen Welt finden kann, machen aber hauptsächlich Jagd auf Zwergwale. Tiere von Typ B fressen fast nur Robben, während Typ C es auf Fische abgesehen hat.

Die Typ-D-Orcas fallen vor allem durch ihre Optik auf. „Sie unterscheiden sich mit Abstand am meisten in ihrem Aussehen“, so Pitman.

Eine oder viele?

Offiziell gelten Orcas derzeit als eine einzige Art: Orcinus orca. Bei einigen der unterschiedlichen Typen handelt es sich aber wahrscheinlich um eigene Arten, die ihren eigenen wissenschaftlichen Namen verdienen, erzählt John Ford. Der Wissenschaftler der University of British Columbia ist auch für die kanadische Behörde Fisheries and Oceans Canada tätig.

Für eine solche taxonomische Neuordnung wäre allerdings ein formaler wissenschaftlicher Prozess nötig, der umfangreiche Messungen, DNA-Analysen und ähnliche Vorgänge beinhaltet.

„Es gibt gute Gründe, um die Orcas als unterschiedliche Arten zu betrachten. Aber wo genau man die Grenze ziehen soll, lässt sich nur schwer sagen“, so Ford.

Pitman findet, dass „Subantarktischer Schwertwal“ eine gute umgangssprachliche Bezeichnung für die Tiere wäre. Sie würde ihren Lebensraum treffend beschreiben: die küstennahen Gewässer der Antarktis.

Dort, zwischen dem 40. und 60. Breitengrad, herrschen einige der unwirtlichsten Wetterbedingungen des Planeten. Starke Winde und häufige Stürme prägen die Region und erschweren Forschungsexpeditionen.

Das erklärt auch, warum über die Wale nur so wenig bekannt ist.

„Wenn man ein großes Tier ist und sich vor der Wissenschaft verstecken möchte, ist man dort genau richtig“, sagt Pitman.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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