Wofür sind Bärte gut? Das sagen Evolutionsbiologen

In menschlichen Bärten sammeln sich mehr Bakterien als in Hundefell, auch FFP2-Masken schützen nur auf glatter Haut zuverlässig. Gab es jemals irgendeinen triftigen Grund, Bart zu tragen? Das sagt die Wissenschaft

Bilder Von Frank Marino on Unsplash.com
Veröffentlicht am 22. Feb. 2021, 12:46 MEZ
Mann mit Bart und Pelzmütze

Haben Bärte mehr als einen dekorativen Zweck?

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Ein wirklich gutes Ansehen haben Bärte derzeit nicht: In ihnen befänden sich mehr Bakterien als in Hundefell, besagte eine Studie der Schweizer Klinik Hirslanden schon 2019. Auch FFP2-Masken und Bärte vertragen sich nicht: Die stacheligen Haare sind dem Mundschutz im Weg, beim Ein- und Ausatmen kann die Luft ungefiltert an den Seiten vorbeiströmen. "Es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, sich zu rasieren", sagte Christoph Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, im Januar 2021 zur Nachrichtenagentur dpa. Der Rat klingt logisch - zumal es außer dekorativen Zwecken offenbar keinen guten Grund dafür gibt, Bart zu tragen. Oder?

Schutz, Lockmittel, Temperaturregulierung: Welchen Zweck hat Körperbehaarung?

Als Körperbehaarung gilt jegliches Haar am menschlichen Körper mit Ausnahme des Kopfhaars. Ihre Daseinsberechtigung können wir uns bei fast jeder Behaarung erschließen: An schweißdrüsenreichen Körperstellen wie der Achsel erfüllt die Behaarung die Aufgabe der Temperaturregelung, Nasenhaar fungiert als Luftfilter. Schamhaare dienen evolutionsbiologisch dazu, die aus den Geruchsdrüsen abgesonderten Sekrete aufzufangen und den geschlechtsspezifischen Körpergeruch zu verstärken. Augenbrauen unterstützen die Funktion der Wimpern, Schweiß, Nässe, Staub und andere Fremdkörper von den Augen fernzuhalten.

Eine evolutionsbiologische Erklärung für den Bart ist weniger naheliegend. Charles Darwin ging seinerzeit davon aus, dass etwa die Mähne männlicher Löwen zum Schutz bei Kämpfen dienen könnte – dem menschlichen Bart schrieb er allerdings eine ganz andere Aufgabe zu: "Es scheint, als sei der Bart für unsere affenähnlichen Vorfahren ein Ornament gewesen, mit dem die Männchen versuchten, die Weibchen zu bezaubern oder zu erregen", schrieb der Evolutionsbiologe 1871 in "Die Abstammung des Menschen". Die lokal unterschiedlichen Ausprägungen des Haarwuchses – in China und Indien trat Bartwuchs nur vereinzelt und recht schwach auf, während die japanischen Ureinwohner Ainu ausgesprochen stark behaart waren – erklärte sich Darwin durch sexuelle Auslese: Frauen an verschiedenen Orten der Erde mussten Bärte unterschiedlich attraktiv finden.

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Hormone und Gene beeinflussen den Bartwuchs – aber wozu?

Den Einfluss von Hormonen und Genen auf den Bartwuchs untersuchten Margaret Chieffi vom Washington Medical Center 1949 sowie James B. Hamilton von der State University of New York 1958. Er untersuchte Zwillingspaare aus den USA und Japan auf ihren Bartwuchs jeweils vor und nach der Rasur – und schlussfolgerte: "(…) Genetische Faktoren (haben) einen viel stärkeren Einfluss" auf den Bartwuchs "als die Konzentration von männlichen Geschlechtshormonen im Blut".

Womit die Frage nach den Einflüssen auf das Bartwachstum beantwortet wäre, nicht aber nach dessen Sinn und Zweck. Der Evolutionspsychologe Barnaby J. Dixson von der University of Queensland im australischen Brisbane veröffentlichte 2012 eine Studie über die Funktion des Barts in "Behavioral Ecology": Gemeinsam mit dem kanadischen Forscher Paul L. Vasey hatte Dixson männliche Neuseeländer und Samoaner, mit Vollbart oder frisch rasiert sowie mit jeweils drei unterschiedlichen Gesichtsausdrücken (lächelnd, neutral, aggressiv) fotografiert und die Bilder von Neuseeländerinnen und Samoanerinnen bewerten lassen. Das Ergebnis: Von den Frauen wurden kulturübergreifend die rasierten Männer als attraktiver empfunden. Damit widerlegten die Forscher Darwins These, dass in Kulturen mit starker Behaarung Männer mit Bart grundsätzlich als attraktiver angesehen werden.

Der männliche Bart wird Studien zufolge als Zeichen von Dominanz und Selbstsicherheit wahrgenommen. 

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Mindestens ebenso interessant schien aber die Wirkung der Bilder auf andere Männer, die das Forscherduo in einem zweiten Teil der Studie untersuchte: Über hundert Neuseeländer und Samoaner bewerteten ausschließlich die Fotos der Männer mit aggressivem Gesichtsausdruck. Das Ergebnis: Die bärtigen Männer wurden durchweg als aggressiver wahrgenommen als die Männer ohne Bart. Der Folgeschluss der Forscher: "(…)Der Bart (scheint) die Wirksamkeit menschlicher aggressiver Gesichtsanzeigen zu erhöhen. Diese Ergebnisse entsprechen der Hypothese, dass sich der menschliche Bart hauptsächlich durch intrasexuelle Selektion zwischen Männern und als Teil des komplexen Gesichtskommunikationssignalstatus und der Aggressivität entwickelt hat", heißt es in der Studie.

Der Bart als Zeichen von Dominanz und Selbstsicherheit – und als Stoßdämpfer

Ein Bart als Zeichen von Aggressivität, von Dominanz und Selbstsicherheit – das macht auch aus evolutionsbiologischer Sicht Sinn. David Carrier und Ethan Beseris von der University of Utah prüften in einem Forschungsprojekt, inwiefern Bärte bei den frühen Vorfahren der Menschen als Schutz vor Schlägen gedient haben könnten. "Im Nahkampf kämpfen meist Männer gegen andere Männer und Gesichtsknochen sind diejenigen Knochen, die am häufigsten gebrochen werden", erklärt Biologe Carrier. "Wir hatten Grund zu der Annahme, dass Bärte eine Art Rüstung sein könnten, die einen der verletzlichsten Körperteile in einem Faustkampf bedeckt. Haare werden allerdings normalerweise nicht als schützend angesehen." Gemeinsam mit dem Maschinenbauingenieur Steven Naleway bauten die Biologen Schädel aus Kunstharz und modellierten Bärte mit Schafvlies und Knochen mit Glasfaserplatten, die die gleichen Festigkeitseigenschaften wie Knochen aufweisen. Um Schläge zu simulieren, wurde ein Gewicht über dem Kinn der Schädelreplik fallengelassen und mit einem Sensor die Stoßwirkung gemessen.

Und tatsächlich: Sehr stark behaarte Kunstharzschädel wirken laut der Studie, deren Ergebnisse 2020 im Fachmagazin "Integrative Organismal Biology" veröffentlicht wurden, wie ein Stoßdämpfer. "Die auf unsere ‚Knochen‘-Proben ausgeübten Spitzenkräfte waren 16 Prozent höher und die absorbierte Gesamtenergie war im Pelz 37 Prozent höher als bei den Modellen ohne Bart", führt David Carrier aus. "Dieses Ergebnis steht im Einklang mit einer Reihe von Studien, die darauf hinweisen, dass Männer Dominanz, Aggressivität und Stärke mit Bärten assoziieren." Mehr noch: "Wir schlagen vor, dass Darwins Erklärung für die Mähne der Löwen auch für den Bart des Menschen gilt."

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Übrigens: Bärtiges Verkaufspersonal wirkt kompetenter

Besonderen Schutz vor Schlägen wird der heutige Bartträger hoffentlich nicht oft brauchen. Dominanz und Selbstsicherheit jedoch können deutliche Vorteile bringen – auch im Business-Kontext, wie eine US-Studienreihe 2020 zeigte. In fünf Studien untersuchten Sarah Mittal von der St. Edwards University in Austin, Texas, und David H. Silvera von der University of Texas in San Antonio, wie Männer mit Bart in einem vertriebs-  bzw. dienstleistungsspezifischen Kontext wahrgenommen werden. "Die Haupterkenntnisse der Studie sind im Wesentlichen, dass ein männlicher Verkäufer oder Servicemitarbeiter mit einem gesunden Bart Vorteile gegenüber Kollegen mit Rasur oder Schnurrbart hat", sagt Studienleiterin Mittal: "Der Bart verschafft dem Träger einen inhärenten Vorteil in Bezug auf das wahrgenommene Fachwissen auf seinem Gebiet." Ein Effekt, der Mittal zufolge für eine Vielzahl von Branchen gilt. Allerdings "helfe" der Bart nicht, wenn es andere Gründe dafür gibt, um als Experte wahrgenommen zu werden, sagt die Wissenschaftlerin. Als Einstellungskriterium empfiehlt die Assistenzprofessorin für Marketing den Bart jedoch nicht: "Im Interesse fairer und gleichberechtigter Einstellungspraktiken sollten Bewerbungen meines Erachtens immer ohne Bild oder Namen geprüft werden."

Ob Zeichen von Dominanz und Selbstsicherheit oder praktischer Schutz im Nahkampf: Mehr als dekorative Zwecke hat der Bart auf jeden Fall. Mit einer Reduzierung des Barts auf sexuelle Selektion sollte sich die Wissenschaft heute nicht mehr zufrieden geben, sagt Biologe Carrier: "Unter Physiologen und Evolutionsbiologen besteht ein gewisser Widerstand gegenüber der Möglichkeit, dass Aspekte unserer Anatomie, Physiologie und unseres Verhaltens das Ergebnis sexueller Selektion sind, die auf die Konkurrenz zwischen Männern und Männern einwirkt." Zwar gebe es berechtigte Gründe für die Befürchtung, dass Beweise dafür, dass der Mensch als Spezies auf das Kämpfen spezialisiert ist, zur Rechtfertigung von schlechtem Verhalten verwendet werden könnten. "Wir erkennen diese Sorge an. Wenn unser Ziel allerdings darin besteht, Gewalt in Zukunft zu reduzieren, müssen wir die evolutionären Grundlagen einer eindeutigen Beobachtung verstehen lernen: der Tatsache nämlich, dass der Mensch eine der gewalttätigsten Arten auf dem Planeten ist."

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