Covid-19 im Jahr 2021: Verpasste Gelegenheiten

Es sollte ein Jahr des Triumphes werden, das Jahr, in dem wir Covid-19 besiegen. Stattdessen verhinderten neue Virusvarianten, uneinheitliche Verteilung der Impfstoffe und Impfskepsis die Rückkehr zur Normalität.

Von Bijal P. Trivedi
Veröffentlicht am 27. Dez. 2021, 10:35 MEZ
Ein Gesundheitsmitarbeiter mit blauer Kühlbox sucht in Indien nach Impfwilligen.

Eines von mehreren Bildern des NATIONAL GEOGRAPHIC Jahresrückblicks 2021: Der Gesundheitsmitarbeiter Nazir Ahmed sucht auf den Weiden von Tosamaidan im indischen Gebiet Jammu und Kaschmir nach Hirten und nomadischen Viehzüchtern. In seiner blauen Kühlbox transportiert er den Covid-Impfstoff.

Bild AP Photo

Es sollte ein Jahr des Triumphes werden, das Jahr, in dem wir Covid-19 besiegen. Forscher entwickelten revolutionäre neue Impfstoffe in bahnbrechender Geschwindigkeit. Es begann die größte Impfkampagne der Geschichte. Nach Zeiten des Lockdowns, der Kontaktbeschränkungen, der Masken und der spärlich besuchten Trauerfeiern folgten endlich wieder die Öffnung der Grenzen, Familientreffen und ein Wirtschaftsaufschwung. Im Jahr 2021 sollte sich das Leben normalisieren – so die Hoffnung.

Was wir nicht wussten: dass die Impfbereitschaft nachlassen würde. Viele Menschen lehnen bis heute die Impfung ab, trotz verheerender Krankheitswellen. Falschinformationen verbreiteten sich ebenso schnell wie das Virus. Impfstoffe wurden als Mittel staatlicher Kontrolle verunglimpft, Masken wurden zur Verletzung persönlicher Freiheit erklärt. Und in vielen Teilen der Welt standen Impfstoffe schlicht nicht zur Verfügung.

Wir haben die Chance verschenkt, Herdenimmunität zu erreichen. Das Virus nutzt jede Schwäche. SARS-CoV-2 konnte sich weiter vermehren und unzählige Mutanten hervorbringen. Jede genetische Veränderung war für das Virus eine Gelegenheit, noch tödlicher zu werden – sich dem Immunsystem zu entziehen, Zellen leichter zu infizieren, schwerere Erkrankungen zu verursachen.

So begann der Siegeszug der Virusvarianten: Alpha in Großbritannien, Beta in Südafrika, Gamma in Brasilien, Delta aus Indien, zuletzt, erneut aus Südafrika, Omikron. Die neuen Varianten sind ansteckender, möglicherweise tödlicher als die Vorgänger. Gnadenlos fegen sie durch die Länder, überfüllen Krankenhäuser mit fiebrigen, um Sauerstoff ringende Menschen und ließen mancherorts das Feuer in den Öfen der Krematorien rund um die Uhr brennen. Bis November gab es weltweit fünf Millionen Covid-Tote, über 100 000 davon in Deutschland.

Mit Rosenwasser und Blumen nehmen Angehörige in Cilincing im Norden von Jakarta Abschied von einem Covid-19-Opfer. Der Friedhof Rorotan wurde im März mit Platz für 7200 Gräber eröffnet und füllte sich schnell. In Indonesien, dem Land mit der viertgrößten Bevölkerung der Welt, erreichte eine riesige Krankheitswelle im Juli mit durchschnittlich 50 000 Fällen am Tag ihren Höhepunkt. 

Bild Muhammad Fadli

Durch die Pandemie offenbarte sich eine krasse Ungleichheit im Gesundheitswesen: die globale Kluft beim Impfstoff. In Ländern, in denen viele Menschen den Impfstoff nicht wollen, steht er überreichlich zur Verfügung. Dort, wo Menschen ihn sich dringend wünschen, ist er knapp oder fehlt. Neun Monate nach der Zulassung des ersten Covid-19-Impfstoffes wurden über 80 Prozent aller Impfungen in Ländern mit mittlerem oder hohem Einkommen verabreicht. Während die Menschen in den ärmeren Staaten immer noch auf ihre erste Spritze warten, erteilen wohlhabende Nationen die Zulassung für Booster-Impfungen. Weltweit sind Millionen Menschen an einer Krankheit gestorben, deren tödliche Bedrohung sich in den meisten Fällen mit einer oder zwei Spritzen verhüten lässt.

SARS-CoV-2 wird uns noch viele Jahre begleiten. Solange viele Menschen ungeschützt sind, ist niemand sicher.

Aber auch wenn die Impfstoffe besser verteilt werden, können wir das Virus nicht vollständig loswerden. Die vier Coronaviren, die normale Erkältungskrankheiten verursachen, sind ebenso endemisch wie die Nachkommen des Erregers der Spanischen Grippe, an der weltweit rund 50 Millionen Menschen starben. Nach Ansicht der Experten wird uns das Coronavirus SARS- CoV-2 noch viele Jahren begleiten, sich weiterentwickeln und zirkulieren. Wenn aber immer mehr Menschen immun sind, werden die Ausbrüche kleiner werden und das Virus wird weniger schwere Krankheitsverläufe verursachen.

Nicht nur das Virus wird Teil unseres Lebens bleiben, auch seine noch kaum erforschten Folgen: Long Covid. Zehn bis 30 Prozent der vielen Hundert Millionen Infizierten leiden noch Monate nach der Infektion unter lang anhaltenden Symptomen wie Benommenheit, Gedächtnisverlust, Dauermüdigkeit, Erektionsproblemen, Menstruationsstörungen, Geruchs- oder Geschmacksverlust. Für Long Covid müssen Ärzte neue Therapieansätze entwickeln.

Solange viele Menschen ungeschützt sind, ist niemand sicher. Die Ungeimpften bilden ein Virusreservoir, in dem neue Varianten entstehen. Wir müssen daher alle, die noch zögern, von der Impfung überzeugen. Und wir müssen den Impfstoff in die abgelegensten Winkel der Erde bringen. Die multinationale Initiative Covax, die Covid-19-Impfstoffe weltweit zugänglich machen will, plant, noch in diesem Jahr über eine Milliarde Dosen an ärmere Länder zu verteilen.

Ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wie uns das Jahr 2021 gelehrt hat, richtet sich das Virus weder nach unseren Zeitplänen noch nach unserenRegeln.


Aus dem Englischen von Dr. Sebastian Vogel

Bijal P. Trivedi ist Redakteurin bei NATIONAL GEOGRAPHIC und Autorin des Buchs „Breath from Salt“. Darin erzählt sie von Kindern mit Cystischer Fibrose, von deren Heilungschancen und von den Versprechungen personalisierter Medizin.

Die Januar 2022-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC ist ab 17.12.2021 im Handel erhältlich.

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Dieser Artikel ist Teil des großen Jahresrückblicks 2021, der in voller Länge und mit zahlreichen weiteren Bildern und Informationen in der Januar 2022-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins erschienen ist. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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