Stegouros: Neuentdeckter gepanzerter Dinosaurier benutzte Schwanz als Waffe

Das Fossil einer neuen Spezies von Panzerdinosauriern, das in Patagonien im Süden Chiles gefunden wurde, vereint Merkmale von Ankylosauridae und Stegosauridae.

Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Dinosaurier mit paddelähnlichem Schwanz, der vor etwa 73 Millionen Jahren im heutigen südlichen Chile gelebt hat.

Foto von Mauricio Álvarez
Von Michael Greshko
Veröffentlicht am 7. Dez. 2021, 15:33 MEZ

Vor zwischen 75 und 72 Millionen Jahren wurde der Kadaver eines kleinen Dinosauriers im Schlamm einer Flussmündung im heutigen Patagonien in Chile begraben und seine Knochen in den feinen Sedimenten hervorragend konserviert.

Im Vergleich zu anderen Dinosauriern war er nicht besonders groß: Der Vierbeiner erreichte eine Höhe von nicht ganz sechzig Zentimetern und maß von der Schnauze bis zur Schwanzspitze knapp über zwei Meter. Trotzdem wusste er sich gegen all die Riesen, die ihn umgaben, durchzusetzen: Mithilfe seines schützenden Panzers und einer einzigartigen Waffe – seinem Schwanz. Dieser bestand aus verwachsenen Knochen, die die Form eines gezackten Paddels hatten. „So etwas haben wir vorher noch nie gesehen“, sagt Alexander Vargas, Paläontologe an der Universidad de Chile in Santiago.

Die Studie zu dem fossilen Skelett, das eine neuentdeckte Art gepanzerter Dinosaurier namens Stegouros elengassen repräsentiert, ist in der Zeitschrift Nature erschienen. Der Name leitet sich von dem mit Panzerschuppen bedeckten Schwanz (Stegouros) in Verbindung mit dem Namen einer Kreatur (elengassen) aus der Mythologie der Tehuelche – einer patagonischen Ethnie – ab.

Patagonia mayorum - der größte je entdeckte Dinosaurier

Stegouros beeindruckt nicht nur durch seine so noch an keinem anderen Fossil festgestellte Bewaffnung, sondern schließt außerdem eine große evolutionäre Lücke. Laut Tom Holtz, Paläontologe an der University of Maryland in College Park, der nicht an der Studie mitgewirkt hat, gab es bisher nur sehr wenige Hinweise auf gepanzerte Dinosaurier in dem Gebiet, das einst zu Gondwana gehörte. Der Großkontinent, der etwa 150 Millionen Jahre lang den Südteil des Superkontinents Pangaea bildete, begann gegen Ende des Juras mit seiner Auflösung, aus der Südamerika, Afrika, die Antarktis, Australien, der indische Subkontinent und die Arabische Halbinsel hervorgingen.

Vor der Entdeckung von Stegouros gab es nur Spuren von zwei anderen Panzerdinosauriern im ehemaligen Süden Gondwanas. Diese bestanden jedoch lediglich aus unvollständigen oder nur teilweise erforschten Fossilien. Das Fossil von Stegouros ist etwa zu achtzig Prozent erhalten.

Bei dem Skelett handelt es sich um ein bizarres Mosaik: Schädel, Zähne und Schwanz des Dinosauriers weisen die klassischen Merkmale eines Dinosauriers aus der Familie der Ankylosauridae auf und ähneln späteren gepanzerten Dinosauriern. Die schlanken Knochen von Gliedmaßen und Becken der neuentdeckten Art erinnern jedoch stark an Stegosaurus, der zu dem Zeitpunkt, als Stegouros die Erde bewohnte, bereits seit mehreren zehn Millionen Jahren ausgestorben war.

Galerie: Wie verschifft man ein Stück Dinosaurier-Friedhof?

„Hätte man mir diesen Beckenknochen gezeigt und gefragt, von welchem Tier er stammt, hätte ich mich darauf festgelegt, dass es ein Stegosaurier sein muss“, sagt Susannah Maidment, Paläontologin an Natural History Museum in London, die nicht an der Studie mitgearbeitet hat. „Dieses neue Fossil hat mich einfach umgehauen. Es stellt alles, was ich bisher wusste, auf den Kopf.“

Fossile Fundgrube in Chile

Das Fossil von Stegourus wurde in der Dorotea-Formation entdeckt – eine sich über Chile und Argentinien erstreckende Gesteinsschicht, die regelmäßig Hinweise auf Dinosaurier und andere Zeichen prähistorischen Lebens hervorbringt.

Im Jahr 2017 besuchten Wissenschaftler der University of Texas in Austin das Río de las Chinas-Tal in Chile, das für seine Fossilfunde bekannt ist, und stießen hier auf einige auffällige Knochen. Im Februar 2018 entsandte die Universidad de Chile eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Alexander Vargas Kollegen Sergio Soto-Acuña und Jonatan Kaluza dorthin, um die Berichte des Teams aus Texas zu überprüfen.

Nachdem die Wissenschaftler im oberen Bereich eines steilen Hügels erste Hinweise auf Knochen gefunden hatten, begannen sie, das Fossil zu bergen. Es erreichte das Labor eingeschlossen in einen großen, eingegipsten Steinblock – es freizulegen, ohne es dabei zu beschädigen, war eine enorme Herausforderung. 

Zuerst waren nur die schlanken Gliedmaßenknochen des Dinosauriers zu erkennen, was die Wissenschaftler annehmen ließ, es handele sich um eine Ornithopoda-Spezies – einen zweibeinigen Pflanzenfresser. Das änderte sich, als sie einen ersten Blick auf den Schwanz geworfen hatten.

„Ich war für den Rest des Tages sprachlos“, sagt Alexander Vargas.

Mit dem Schwanz in den Kampf

Waffenschwänze sind in der Tierwelt zwar selten, kommen jedoch durchaus ab und zu vor. Die Evolution hat in dieser Hinsicht schon äußerst effiziente Formen hervorgebracht: Stegosaurus hatte zum Beispiel zwei Stacheln an seiner Schwanzspitze, Ankylosaurus einen langen, steifen Schwanz, an dessen Ende verknöcherte, hammerartige Keulen saßen. Auch an Fossilien von Glyptodonten – Gürteltiere, die vor etwa 10.000 Jahren ausgestorben sind – wurden diese Keulen festgestellt.

Doch der Schwanz von Stegouros ist einzigartig. Er ist flacher und schärfer als die bewaffneten Schwänze der anderen Tiere. Die anatomische Struktur tauften die Wissenschaftler aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem Obsidianschwert der Azteken auf den Namen Macuahuitl.

 

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Der Kampfschwanz gepanzerter Dinosaurier kam vermutlich vorrangig bei Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Spezies zum Einsatz – zum Beispiel bei der Klärung des sozialen Status. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass er ebenso als Abwehrwaffe gegen Angreifer genutzt wurde. Tom Holtz zufolge weisen die Fossilien mancher Prädatorenspezies aus dem Jura lochartige Wunden auf, die aus Kämpfen mit Stegouros stammen könnten. Das Royal Ontario Museum in Kanada stellt das Fossil eines Tyrannosaurus aus, dessen verheiltes Schienbein möglicherweise einst durch Schwanzhieb eines Ankylosaurus gebrochen wurde.

Wie genau Stegouros seinen Schwanz nutze, ist ungewiss. Tom Holtz vermutet, dass der Dinosaurier ihn wie eine Hiebwaffe geschwungen haben könnte. Mehr weiß man über die möglichen Feinde von Stegouros: Die größten Prädatoren zu seinen Lebzeiten waren die Megaraptora, die Alexander Vargas als „gemein aussehende, ziemlich große Dinger mit langen Greifarmen“ beschreibt.

Stegouros und Stegosaurus: ähnlich aber nicht gleich

Nachdem sie das gesamte Stegouros-Skelett freigelegt hatten, verglichen die chilenischen Wissenschaftler seine Anatomie sorgfältig mit der anderer Panzerdinosaurier. Beim Vergleich der Ergebnisse und dem Versuch, den Dinosaurier im Stammbaum einzuordnen, stellten sie fest, dass Stegouros sich vor ungefähr 165 Millionen Jahren von der Linie der Ankylosauridae abgespaltet haben musste, um eine bisher unbekannte eigene Linie zu beginnen.

Die engsten bekannten Verwandten der neuen Spezies sind zwei Ankylosauridae-Arten aus dem südlichen Gondwana. Von einem der beiden – dem australische Kunbarrasaurus – wurde vorrangig der Schädel erforscht. Der andere trägt den Namen Antarctopelta: Von ihm wurden in den Sedimenten der Antarktis lediglich Knochenfragmente gefunden.

Stegouros könnte Wissenschaftlern dabei helfen, mehr über seine kaum erforschten Verwandten zu erfahren. Einige der Antarctopelta-Knochen haben eine starke Ähnlichkeit mit den verwachsenen Knochen an Stegouros Macuahuitl. Alexander Vargas und seine Kollegen deuten diese Überschneidung so, dass Antarctopelta – der doppelt so lang war wie Stegouros – seinen Schwanz ebenfalls als Waffe eingesetzt haben könnte.

Laut Susannah Maidment, einer der weltweit führenden Expertinnen für Stegosauridae, hat die seltsame Mischung der Merkmale von Stegouros das Potenzial, den Stammbaum der Familie der Panzerdinosaurier ziemlich durcheinanderzuschütteln. Wurde ein Dinosaurier bisher der Familie der Stegosauridae zugeordnet, geschah dies meist basierend auf drei anatomischen Schlüsselmerkmalen – eines davon das Becken. Dieses ist dem von Stegouros, obwohl dieser zu einer anderen Familie gehört, jedoch zum Verwechseln ähnlich. So könnte sich also herausstellen, dass manche Dinosaurier, von denen nur Teilfossilien vorliegen und die als Stegosauridae eingeordnet wurden, eigentlich gar keine Stegosauridae sind.

Sowohl die Dorotea-Formation als auch andere Ausgrabungsstellen in Patagonien haben über Jahrzehnte außergewöhnliche Fossilien hervorgebracht – und es ist sehr wahrscheinlich, dass in dem Gestein noch viel mehr interessante Hinweise verborgen sind. Zukünftige Ausgrabungen in Chile und Argentinien könnten noch mehr Dinosaurier mit flachen, gezackten Paddelschwänzen zum Vorschein bringen.

Alexander Vargas und seine Kollegen sind jedenfalls bereits auf der Suche nach weiteren Stegouros-Fosslien. „Wir haben schon neue Fundstellen ausgemacht“, sagt er. „Und wir hoffen, noch mehr zu finden.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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