Wissenschaft

Evolutionstest: 12-Tonnen-Dino mit Katzengang

„Das war das Tier, das alles wollte.“Freitag, 28. September 2018

Von Michael Greshko
Eine Illustration zeigt Ledumahadi mafube auf dem Gebiet des heutigen Südafrika bei der Nahrungssuche im frühen Jura. Im Vordergrund sitzt ein anderer südafrikanischer Dinosaurier namens Heterodontosaurus.

Vor etwa 200 Millionen Jahren zog auf dem Gebiet des heutigen Südafrika ein Dinosaurier durch die Landschaft, der etwa so viel wie zwei ausgewachsene Afrikanische Elefanten wog. Der gewaltige Pflanzenfresser entwickelte seine enorme Größe auf eine eigentümliche Weise – und er hatte eine geradezu bizarre Art, auf seinen vier Beinen zu stehen. 

Der „neue“ Dinosaurier, der in „Current Biology“ vorgestellt wurde, sieht aus wie ein Sauropode – jene Gruppe der typischen langhalsigen Saurier, zu der auch der Brontosaurus gehört. Das Äußere täuscht jedoch. Tatsächlich handelt es sich bei Ledumahadi um einen älteren, entfernten Cousin aus der Gruppe der Sauropodomorpha. Das recht große Tier aus einer frühen Phase des Saurierzeitalters war für die Forscher ein überraschender Fund, was sich auch in seiner Namensgebung widerspiegelt: Ledumahadi mafube – Sesotho für „ein großer Donnerschlag bei Sonnenaufgang“. 

Genau wie Elefanten hatten auch Sauropoden säulenähnliche Gliedmaßen, die das Gewicht der Tiere effizient tragen konnten. Aber Ledumahadi hat es mit einem anderen Ansatz versucht. Es scheint, als hätte der Dinosaurier beweglichere Vordergliedmaßen gehabt. Auf ihnen stand er in einer ineffizienteren, geduckten Haltung mit teilweise gebeugten Knien und Ellbogen, ähnlich einer Katze. 

„Das war das Tier, das alles wollte“, sagte der Hauptautor der Studie Blair McPhee, ein Paläontologe der Universität São Paulo. „Es wollte richtig groß sein, wie ein Sauropode, und es wollte hauptsächlich auf vier Beinen laufen wie ein Sauropode. Aber wenn es darum ging, auf die primitiven, beweglichen Vordergliedmaßen zu verzichten, dann wollte es das nicht.“ 

Der Fund deutet darauf hin, dass sich der vierbeinige Gang in der Gruppe der Sauropoden und bei ihren Verwandten mehrmals entwickelt hat. Genau wie andere neuere Funde untermauert Ledumahadi die Vermutung, dass Schlüsselereignisse in der Evolution der Sauropoden schon früher auftraten als gedacht – und auch eher nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum.  

„Ich finde diese neuen Entdeckungen sehr spannend. Sie helfen uns wirklich dabei, unser Verständnis für diese bemerkenswerten Wesen zu erweitern!“, schrieb die Paläontologin Kristi Curry Rogers vom Macalester College in einer E-Mail.  

Wie ein Donnerschlag? 

Obwohl Ledumahadi nach einem Donnerschlag benannt wurde, kam seine Entdeckung nicht ganz so plötzlich. Die Wissenschaftler hatten mehr als zwei Jahrzehnte gebraucht, um die Überreste des Tieres zu finden und sich einen Reim darauf zu machen. 

Die Geschichte des Ledumahadi begann ungefähr im Jahr 1990 mit dem Bau des Lesotho Highlands Water Project. Das Talsperrenprojekt versorgt die Region rund um Johannesburg mit Wasser. Da bereits im Vorfeld klar war, dass das Bauvorhaben Fossilien zutage fördern könnte, engagierten die Verantwortlichen den Paläontologen James Kitching von der südafrikanischen Witwatersrand-Universität (kurz: Wit). Er sollte alle Knochen einsammeln, die während der Bauphase gefunden wurden. 

Das Bild zeigt einige der gefundenen Knochen des Dinosauriers Ledumahadi mafube.

Sofort spürte Kitching riesige Dinosaurierknochen auf, die durch die Erosion an einer Klippe nahe der Baustelle freigelegt wurden. Er sammelte sie ein, hatte selbst aber gar kein so großes Interesse an Sauriern, sondern eher an frühen Säugetieren. Und so blieben die Knochen bis in die Mitte der 2000er unbeachtet. Erst dann realisierte der Wit-Paläontologe Adam Yates ihre Bedeutsamkeit. 

Anhand von Zeitungsausschnitten machte Yates die ursprüngliche Fundstelle ausfindig. Er und sein Doktorand McPhee reisten dorthin und fanden weitere Knochen. Spätere Untersuchungen bestätigten, dass sie vom selben Tier stammten. Im Jahr 2012 kam der Paläontologe Jonah Choiniere an die Witwatersrand-Universität, wo McPhee ihm die großen Dinosaurierknochen zeigte. Von 2012 bis 2017 kehrte das Duo immer wieder an die Fundstelle zurück, um weitere Knochen von Kitchings Dinosaurier auszugraben. 

„[Der Fund des Ledumahadi] hat sich über all diese Jahre hinweg abgespielt, dabei gab es etliche Zufälle und das Wissen wurde immer wieder weitergegeben“, so Choiniere. „Das hätte sich jederzeit im Sand verlaufen können. Zum Glück ist das nicht passiert.“ 

Geh’n wie ein Dinosaurier 

Schließlich rekonstruierten die Forscher das Leben des Ledumahadi methodisch, Knochen für Knochen. Die Co-Autorin und Paläobiologin Jennifer Botha-Brink von Südafrikas Nationalmuseum in Bloemfontein hat gezeigt, dass das Tier zum Zeitpunkt seines Todes 14 Jahre alt und gänzlich ausgewachsen war. Die Geologin Emese Bordy von der Universität Kapstadt bestätigte anhand der Sedimente, in denen sie gefunden wurden, dass die Knochen zwischen 195 und 200 Millionen Jahre alt sind. 

Um sich ein Bild davon zu machen, wie Ledumahadi gelaufen ist, mussten die Forscher erst einmal herausfinden, woran man erkennt, ob ein Tier auf zwei oder vier Beinen läuft. Bei Tieren, die nur auf ihren Hinterläufen laufen, sind die Knochen der Vordergliedmaßen vergleichsweise dünn. Im Gegensatz dazu weisen Tiere, die sich auf allen vier Gliedmaßen fortbewegen, kräftigere Vorderbeine auf, die das Gewicht des Tieres besser tragen können. 

Dann verglich das Team die Arm- und Beinknochen von Ledumahadi mit denen verschiedener Dinosaurier und Hunderten heute lebender Säugetiere, deren Gangarten bekannt sind. Ledumahadis Vordergliedmaßen waren so stämmig, dass er sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf vier Beinen fortbewegte. Ihr Aufbau deutet jedoch darauf hin, dass das Tier eine ungewöhnliche, katzenartige Haltung hatte. 

Nun, da das Team Ledumahadi wissenschaftlich beschrieben hat, wollen die Forscher sich in Südafrika nach weiteren, noch älteren Fossilien umsehen. Außerdem will das Team auch die Sammlung der Wit noch einmal unter die Lupe nehmen – für den Fall, dass sich dort noch weitere, bislang nicht beschriebene Schätze verbergen. 

„Das ist verblüffend“, sagt Choiniere. „Manchmal hat man irgendwas direkt im Regal liegen und geht jeden Tag daran vorbei, ohne es sich mal genauer anzusehen.“ 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. 

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