Bestimmt unser Darm, ob wir gerne Sport treiben?

Warum sind manche Menschen Sportmuffel und andere Fitnessfreaks? Eine neue Studie zeigt: Die Antwort könnte im Magen-Darm-Trakt liegen und mit unserem Mikrobiom zusammenhängen.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 6. Jan. 2023, 15:42 MEZ
Eine Gruppe Menschen folgt einem Trainer, der Sportübungen vormacht.

Ob ein Mensch gerne Sport treibt, hängt von vielen Faktoren ab. Nun haben Forschende möglicherweise einen besonders einflussreichen gefunden: Darmbakterien.

Foto von Gabin Vallet / Unsplash

Wenn es um Sport und Bewegung geht, sind Menschen sehr verschieden. Manche können keinen Tag ohne Kraft- oder Ausdauertraining verbringen, anderen fällt es bereits schwer, sich einmal in der Woche dazu aufzuraffen. Schon lange versuchen Forschende herauszufinden, warum es hinsichtlich der Sportmotivation so große Unterschiede gibt – und wie man Sportmuffeln dabei helfen kann, sich mehr zu bewegen.

Dabei ist vor allem die Frage interessant, ob manche Menschen von Natur aus weniger Freude an Bewegung haben und welche biologischen Faktoren dazu führen. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Lenka Dohnalová von der Perelman School of Medicine an der University of Pennsylvania hat in diesem Zusammenhang nun eine möglicherweise bahnbrechende Entdeckung gemacht. In ihrer Studie, die in dem Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde, berichtet das Team von Darmbakterien, die die Sportlust im Gehirn maßgeblich beeinflussen könnten. 

Der enorme Einfluss der Darmflora

Für ihre Studie untersuchten Dohnalová und ihr Team 199 Mäuse. Zunächst maßen sie anhand von Bewegungsprofilen die Ausdauer der einzelnen Versuchstiere beim Rennen und ihre Bereitschaft, sich zu bewegen. Dabei stellte sich heraus, dass sich auch Mäuse in Couchpotatoes und Fitnessfreaks unterteilen lassen.

Unsere Darmflora – also das Mikrobiom im Magen-Darm-Trakt – besteht aus unzähligen Mikroorganismen. Wie sie sich zusammensetzen, wird beispielsweise durch Krankheiten und Ernährung beeinflusst und hat Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

Foto von Anatomy Insider / Adobe Stock

Um herauszufinden, welche Faktoren die Unterschiede in der sportlichen Leistung der Mäuse herbeiführen, sammelten und verglichen die Forschenden Datensätze zu Genom und Mikrobiom sowie zu den Stoffwechselprodukten im Blut der Tiere. Dabei zeigte sich, dass nicht etwa die Gene die Sportmotivation beeinflussen, sondern zwei Arten von Darmbakterien: Eubacterium rectale und Coprococcus eutactus. Mäuse, in deren Darmflora diese Bakterien enthalten waren, waren deutlich bewegungsfreudiger.  

Doch wie ist es möglich, dass zwei Bakterienarten im Darmtrakt eine so starke Wirkung auf die Neurochemie im Gehirn haben? Die Antwort liegt in einer Nervenverbindung zwischen Magen und Hirn. Die Nervenzellen werden der Studie zufolge bei körperlicher Bewegung durch die Darmbakterien so stimuliert, dass es im Mittelhirn zu einem Anstieg des Neurotransmitters Dopamin kommt. Bewegung wird also mit dem guten Gefühl, dass der Botenstoff auslöst, belohnt – die Folge ist der Wunsch, diesen Zustand immer wieder zu erlangen.

Sportspaß bei Mensch und Maus

Auch beim Menschen konnten in den vergangenen Jahren etliche Studien den enormen Einfluss der Darmflora auf viele verschiedene Vorgänge im Körper nachweisen. So wurde zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen Mikrobiom und psychischer Gesundheit hergestellt.

Ob die Darmflora wie bei der Maus auch beim Menschen einen Effekt auf die Bewegungslust hat, muss noch abschließend geklärt werden. „Wenn wir das Vorhandensein eines ähnlichen Vorgangs im menschlichen Körper nachweisen können, könnte das dabei helfen, unser Bewegungsniveau zu erhöhen”, sagt Christoph Thaiss, Mikrobiologe und Co-Autor der Studie.

Das Studienteam hofft, mithilfe weiterer Forschungsprojekte einen Beitrag zur öffentlichen Gesundheit leisten zu können. „Dieses Forschungsfeld hat das Potenzial, sich zu einem ganz neuen Zweig der Sportphysiologie zu entwickeln”, sagt der Biologe und Co-Studienautor Nicholas Betley. Die aktuellen Erkenntnisse seien erst der Anfang.

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