War der weibliche Orgasmus einst überlebenswichtig?

Der weibliche Höhepunkt und der Grund, warum er existiert, sind seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Über seinen evolutionären Sinn – und Erkenntnisse der Wissenschaft.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 3. Jan. 2024, 08:38 MEZ
Eine Frau greift über ihrem Kopf nach dem Bettlaken, auf dem sie liegt.

Könnte der weibliche Orgasmus vor Millionen von Jahren eine entscheidende Rolle bei der Fortpflanzung gespielt haben?

Foto von Pcess609 / Adobe Stock

Evolutionär „unwichtig“? Lange Zeit wurde der weibliche Orgasmus in der Forschung vernachlässigt – aus dem Grund, dass er für die menschliche Fortpflanzung keine ersichtliche Funktion besitzt. Denn damit sich Menschen fortpflanzen können, braucht es lediglich den männlichen Orgasmus, der in den meisten Fällen mit einer Ejakulation zusammenhängt. 

Doch ist das schon immer so gewesen? Nicht unbedingt. Der weibliche Orgasmus könnte einst eine Schlüsselrolle in der Evolution des Menschen gehabt haben. Nachdem bereits einige Forschungsteams rätselten, warum der weibliche Höhepunkt überhaupt existiert, haben zwei Forschende aus den USA in einer Studie aus dem Jahr 2016 eine Theorie aufgestellt: Der weibliche Orgamus könnte einst den Eisprung ausgelöst haben – und damit überlebenswichtig für die menschliche Spezies gewesen sein. 

Ohne Orgasmus keine Fortpflanzung

Die Überlegungen der beiden Evolutionsbiolog*innen Mihaela Pavlicev und Günter Wagner kommen nicht von ungefähr. Bei Kaninchen und Katzen beispielsweise funktioniert die Fortpflanzung exakt nach diesem Muster: Während der Paarung müssen nicht nur die männlichen Tiere zum Orgasmus kommen, sondern auch ihre weiblichen Artgenossen. Denn erst beim Höhepunkt werden bei den Weibchen die Hormone Oxytocin und Prolaktin ausgeschüttet, die im Anschluss den Eisprung auslösen – und so die Fortpflanzung überhaupt erst ermöglichen. 

Dieser Vorgang nennt sich männlich-induzierter Eisprung. Laut Pavlicev und Wagner habe sich dieser vor circa 75 Millionen Jahren in den gemeinsamen Vorfahren der Primaten und Nager entwickelt. Bei den Tieren, die auf den männlich-induzierten Eisprung angewiesen sind, liegt die Klitoris näher am oder sogar direkt im weiblichen Sexualkanal. Damit wird ein Orgasmus durch Penetration wahrscheinlicher. 

War der menschliche Eisprung männlich-induziert? 

Die Evolutionsbiolog*innen vermuten, dass der weibliche Orgasmus beim Menschen ein Überbleibsel des männlich-induzierten Eisprungs sein könnte. Erst im Laufe der Evolution entwickelte sich bei Primaten schließlich der Ovarialzyklus mit einem monatlich wiederkehrenden Eisprung, der unabhängig von äußeren Gegebenheiten ist. Dieser machte den weiblichen Höhepunkt überflüssig für die Fortpflanzung. In Korrelation dazu entfernte sich auch die Klitoris immer weiter vom Sexualkanal, sodass Orgasmen durch Penetration seltener wurden, da der Reproduktionserfolg nicht mehr von ihnen abhing.

Als Bestätigung für ihre These sehen die Forschenden die Hormone, die beim menschlichen weiblichen Orgasmus ausgeschüttet werden: Wie bei den Individuen mit männlich-induziertem Eisprung werden nämlich auch hier Oxytocin und Prolaktin ausgeschüttet – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass unsere Ovulation vor langer Zeit auch vom Orgasmus abhängig gewesen sein könnte. 

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