Wissenschaft

Mobil auf dem Mars

Das Gründungsmitglied John Wesley Powell der National Geographic Society würde zu würdigen wissen, was die beiden Nasa-Roboterfahrzeuge "Spirit" und "Opportunity" geleistet haben, seit sie im Januar 2004 auf dem Mars abgesetzt worden sind.

Von Charles W. Petit

Sicher ist er irgendwo da draußen, der Geist von John Wesley Powell, und beobachtet seine Nachfolger in der Forschungsdisziplin "einarmige Geologie". Powell, ein Veteran des Amerikanischen Bürgerkriegs, hatte 1862 in der Schlacht von Shiloh den halben rechten Arm verloren. Das Gründungsmitglied der National Geographic Society würde zu würdigen wissen, was die beiden Nasa-Roboterfahrzeuge "Spirit" und "Opportunity" geleistet haben, seit sie im Januar 2004 auf dem Mars abgesetzt worden sind, um nach Wasser zu suchen. Vor mehr als 130 Jahren, als die Planeten für die Menschen kaum mehr waren als verschwommene Flecken im Teleskop, führte Powell eine Bootsexpedition durch den Grand Canyon.

Damals rätselten die Geologen, wie das Wasser dieses gewaltige Schluchtenlabyrinth aus dem rosafarbenen Coloradoplateau herauswaschen konnte. Ihre Kollegen von heute fragen sich, welche Rolle das Wasser bei der Entstehung von Bodenformationen auf dem roten Mars gespielt hat. Der Geologe Powell kletterte mit nur einem Arm durch lebensgefährlich steile Hänge, zerschlug Steine und notierte seine Beobachtungen. Die beiden Mars-Rover haben ebenfalls je einen Arm mit drei Gelenken, mit dem sie Untersuchungs- und Aufzeichnungsinstrumente steuern, darunter eine Kamera und einen Steinbohrer. Beim Steineklopfen sammelten sowohl der Pionier Powell als auch die beiden Roboter Informationen, die durch keine Fernanalyse zu ersetzen sind: Felddaten. Das Wort ruft Bilder von Entdeckungen auf, die nur Forscher machen können, die in staubigen Stiefeln Gesteinsproben aufklauben und Felsformationen abgehen, Steine ausgraben und aufschlagen.

Generationen von Geologen haben so Felddaten gesammelt. Sie ermöglichen es den Wissenschaftlern, Aussagen auch über abgelegene geologische Regionen zu machen. Während Powell die steil aufragenden Canyonwände emporkletterte, untersuchte er ihre bunten Schichten aus Kalkstein, Sandstein, Marmor und Gneis. Von oben überblickte er das Land kilometerweit, zeichnete Landkarten in sein Notizbuch und bestimmte Gesteinsarten anhand ihrer Farbe und Form. Ähnlich ist es mit den Rovern: Erst mit Hilfe ihrer Berichte und Aufzeichnungen können die Forscher Fotos, die von den in der Höhe kreisenden Satelliten aufgenommen und zur Erde gesendet werden, richtig interpretieren. Man denke nur an die Kanäle, die sich über die trockene Oberfläche des Mars schlängeln. Sie haben so große Ähnlichkeit mit ausgedörrten Flussbetten, dass sich der Schluss aufdrängt, dort könnte Wasser geflossen sein. Doch es fehlten Beweise. Manche Wissenschaftler spekulierten, dass die Rinnen durch eisige Fluten flüssigen Kohlendioxids ausgewaschen worden seien.

Andere sagten, auf dem Mars könnte es höchstens während extrem kurzer Phasen warm genug für flüssiges Wasser gewesen sein. Ihr Argument: Es gebe keine großen Vorkommen von Kalkstein und anderen kohlenstoffhaltigen Mineralien, die in einer warmen, kohlendioxidhaltigen Atmosphäre entstanden seien. "Ich habe mich mein ganzes Berufsleben lang mit Theorien über Wasser auf dem Mars beschäftigt", sagt der britische Geologe Mike Carr. "Aber nirgendwo konnten wir Karbonatgesteine finden. Ich wollte den Leuten schon erzählen, ich hätte meine Karriere in den Sand gesetzt." Jetzt nicht mehr.

Die Rover "Spirit" und "Opportunity" haben überzeugende Beweise dafür gefunden, dass hin und wieder Wasser auf dem Mars schwappte, sehr wahrscheinlich in der Frühzeit des Planeten, vor mehr als drei Milliarden Jahren. Zudem mehren sich die Hinweise auf flüssiges Wasser in großen Mengen, wenn auch nicht über längere Zeiträume. Sogar die vorübergehende Existenz von Ozeanen ist nicht mehr auszuschließen. Und auf einem Planeten, der einst wärmer und feuchter war, ist auch Leben vorstellbar. Gilt das noch immer? Auch zu dieser Frage sollen die beiden mobilen Forschungsroboter neue Erkenntnisse liefern.

(NG, Heft 9 / 2005)

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