Wissenschaft

Raumfahrt - Vom Mond zum Mars

Das Weltraumzeitalter beginnt am 4. Oktober 1957 - mit "Sputnik".

Von Guy Gugliotta

Das Weltraumzeitalter beginnt am 4. Oktober 1957. Die 84 Kilo schwere Aluminiumkugel "Sputnik", montiert im Kopf einer sowjetischen Rakete vom Typ "R-7", wird von der Startrampe am Rand der Wüste Kysylkum, etwa 160 Kilometer östlich des Aralsees, ins All geschossen. Damit wird sie zum ersten von Menschenhand geschaffenen Objekt in der Erdumlaufbahn - und zum Auftakt für ein Zeitalter der Weltallexpeditionen, das ähnlich bedeutsam wie das Entdeckerzeitalter von Kolumbus und Vasco da Gama werden sollte. Schon bald kreisen Menschen um die Erde, schweben im Weltraum und betreten sogar den Mond. Die "Sputnik"-Startrakete "R-7" war ein technisches Meisterwerk und eine ungeheure Herausforderung für den Westen. Nur einen Monat nach ihrem Eintritt ins All starteten die Russen den 508 Kilo schweren "Sputnik 2". Er war sechsmal so schwer wie sein Vorgänger. An Bord befand sich die Hündin "Laika". In der überhitzten Raumsonde starb "Laika" nach wenigen Stunden. Vier Monate nach "Sputnik" schickten die USA ihren ersten Satelliten, den 14 Kilo schweren "Explorer", in die Umlaufbahn. Doch noch vor Jahresende starteten die Russen den anderthalb Tonnen schweren "Sputnik 3".

Die Rivalität zwischen den beiden Großmächten brachte spektakuläre Erfolge und Helden hervor. 1961 wurde der 27-jährige Kosmonaut Juri Gagarin der erste Mensch im All. Im Jahr darauf kreiste der ehemalige Marinekampfpilot und spätere US-Senator John Glenn als erster Amerikaner um die Erde. 1963 war die sowjetische Textilarbeiterin Walentina Tereschkowa als erste Frau im All. 1965 schwebte der Kosmonaut Alexei Leonow als erster Mensch frei im Weltraum. 1966 gelang den Astronauten Neil Armstrong und Dave Scott das erste Mal, an ein zweites Raumschiff im All anzudocken. Nur drei Jahre nach der Landung auf dem Mond am 20. Juli 1969 war die große Zeit der bemannten Weltraumforschung bereits zu Ende. Die USA waren durch den Vietnamkrieg in finanzielle Schwierigkeiten geraten und ließen von weiteren Mondexpeditionen ab. Die Russen schlugen sich mit Geldmangel und Rivalitäten herum. Das öffentliche Interesse an der Raumfahrt erlahmte. Nach der russischen Perestroika und dem späteren Ende der Sowjetunion war das Wettrüsten im Weltall sinnlos geworden.

Aber trotz aller Tiefschläge fasziniert die bemannte Weltraumforschung die Menschen noch immer. Doch erst in den kommenden Jahren wird sich herausstellen, ob die Begeisterung für die Weltraumfahrt anhält. Der Plan des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush, Menschen auf Mond und Mars zu schicken, bringt zwar neue Dynamik in die Forschung, könnte aber auch im Sande verlaufen. Ohne einen Kalten Krieg, der den Wettlauf ins Weltall wieder anheizen würde, ist die Dringlichkeit solcher Projekte fragwürdig geworden. Der erste Teil des Mond-Mars-Plans - den Mond zu erreichen und dort eine permanente Station zu errichten - ist für relativ bescheidene, auf 20 Jahre verteilte 217 Milliarden Dollar durchführbar. Federführend bei der Mond-Mars-Initiative ist der Nasa-Chef Michael D. Griffin. Der Raketenforscher möchte alle Projekte in der niedrigen Erdumlaufbahn aufgeben und sich stattdessen wieder voll auf den Mond konzentrieren. Zwar könnte "Orion" weiterhin Vorräte und Astronauten von der Erde zur Raumstation transportieren, doch Griffin hat zwei Privatunternehmen beauftragt, für diesen Zweck eine einfache Rakete zu bauen. Während des Kalten Krieges war es undenkbar, dass private Firmen einmal Raketen und Raumschiffe "von der Stange" verkaufen würden. Doch Weltraumtechnik erweist sich allmählich als ernst zu nehmende Industrie, in der sich das Know-how innovativer Ingenieure mit dem Geld und dem Geschäftssinn von Selfmade-Multimillionären verbindet.

Nur wenige Westler haben bisher das chinesische Startzentrum Jiuquan in der Wüste Gobi besucht. Doch auf Fotos lässt sich eine auffallende Ähnlichkeit der Anlage mit dem Kennedy-Raumfahrtzentrum der Nasa erkennen. Am 15. Oktober 2003 wurde der chinesische Astronaut Yang Liwei von Jiuquan aus in die Erdumlaufbahn geschossen. Damit hatte China als drittes Land der Welt einen Menschen ins All geschickt. Bedeutet Chinas Ankunft im Orbit den Beginn eines neuen Wettlaufs im All? "Mit den Chinesen und den Amerikanern ist es ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel", sagt Joan Johnson-Freese, eine Expertin für chinesische Raumfahrt am Naval War College. "Die Chinesen trotten vor sich hin und absolvieren alle paar Jahre einen Start. Die Amerikaner spurten, sind aber nicht beständig." Viele bezweifeln, dass der Gewinn der Mond-Mars-Initiative ihre Kosten rechtfertigt. Sie befürchten, dass eine Rückkehr zur bemannten Raumforschung weitere unbemannte Missionen gefährden könnte. "Ich sehe absolut keinen Grund dafür, die bemannte Raumfahrt mit dem künftigen Nutzen für die Wissenschaft zu rechtfertigen", sagt Griffin denn auch mutig. "Natürlich wird sie der Wissenschaft viel bringen. Aber eher nebenbei. Der Drang, ins Unbekannte vorzustoßen, die menschliche Neugier - ist das nicht Grund genug für einen neuen Aufbruch?"

(NG, Heft 10 / 2007)

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