Die besten Fotos der letzten 10 Jahre

Eine Reise durch die beeindruckendsten National Geographic-Aufnahmen des vergangenen Jahrzehnts.Montag, 30. Dezember 2019

HAJJAH, Jemen. Die Männer neben diesen jemenitischen Mädchen sind nicht ihre Väter. Für ihr Projekt „Too ...
HAJJAH, Jemen. Die Männer neben diesen jemenitischen Mädchen sind nicht ihre Väter. Für ihr Projekt „Too Young to Wed“ (dt.: Zu jung zum Heiraten), das auch international viel Anerkennung bekam, besuchte die amerikanische Fotografin Stephanie Sinclair jahrelang Gesellschaften überall auf der Welt, in der die „Familienehre“ oder kulturelle Traditionen junge Mädchen in die Ehe zwingen. Diese Aufnahme der jemenitischen Mädchen Ghada und Tahani mit ihren Ehemännern erschien im Rahmen eines National Geographic-Artikels im Juni 2011, und wurde Teil einer Anti-Kinderhochzeit-Kampagne der Vereinten Nationen (UN). Die UN und die USA betrachten den Schutz vor erzwungenen und zu frühen Hochzeiten inzwischen als Grundrecht jedes Menschen.
Bild Stephanie Sinclair

„National Geographic“  ist beinahe ein Synonym für die Arbeit herausragender Fotografen.

Seit rund 130 Jahren nehmen wir unsere Leser mit auf spektakuläre Reisen in die entlegensten Winkel der Erde – von den höchsten Bergen bis in die tiefsten Tiefen der Meere, vom Urwald bis in die Wüste, von den größten Megastädten bis hin zu den einsamten Landstrichen. Allein während der vergangenen 10 Jahre nahmen unsere Fotografen 21.613.329 Fotos für unsere Druck- und Digitalplattformen auf, immer in dem Bestreben, das Leben auf unserem Planeten zu dokumentieren. Mehr als 21,6 Millionen Bilder! Das ist eine unglaubliche Zahl – die es unfassbar schwer macht, die „besten“ oder „beliebtesten“ Bilder zu bestimmen.

Aber nun, zum Ende des Jahrzehnts, haben wir genau das getan. Wir haben 13 Bilder ausgewählt, die uns in den letzten zehn Jahren sehr beeindruckt haben: Ein Bär, der vor der atemberaubenden Kulisse einer Nordamerikanischen Landschaft von einem Bisonkadaver frisst. Ein Schuppentier und ihr Junges. Das Gesicht einer toten Frau, das bald einer anderen Frau transplantiert werden sollte, um ihr die Chance auf ein neues Leben zu geben. Kinderbräute im Jemen. Der selbstbewusste Blick eines neunjährigen Transmädchens aus Kansas City.
Natürlich ist die Auswahl der National Geographic-Fotos, die im vergangenen Jahrzehnt die stärksten Emotionen im Betrachter auslösten, sehr subjektiv und individuell. Es gibt hier keine „richtige“ Antwort – nur Bilder, die einem etwas bedeuten, die einen berühren und die dabei helfen, ein neues Bewusstsein zu schaffen, um die Welt damit ein kleines bisschen besser zu machen.

DSCHIBUTI, Dschibuti. Anfang 2013 machte National Geographic-Autor Paul Salopek wortwörtlich die ersten Schritte auf einer Reise, für die er sieben Jahre veranschlagt hatte – 34.000 Kilometer durch vier Kontinente, auf den Spuren ersten großen Migrationsbewegungen der Menschheit von Ostafrika durch Amerika. Als Fotograf John Stanmeyer sich ihm in Dschibuti entlang der Küste des Roten Meers anschloss, stießen sie eines Abends beim Spazierengehen auf diese Szene im Licht des Vollmonds: Menschen, die auf ein Mobilsignal aus dem benachbarten Somalia hoffen. „Ich war tief beeindruckt“, sagt Stanmeyer. „Das Symbol der modernen Migration, bei der die Betroffenen nur sporadisch Kontakt zu geliebten Menschen halten können, ist das omnipräsente Handy.“ Und Salopek? Der läuft noch immer. Sein letzter Zwischenhalt war in Myanmar und er hat noch rund 21.000 Kilometer vor sich.
Bild John Stanmeyer
HOLLYWOOD, Kalifornien. Sein Name war P22 und Fotograf Steve Winter hatte schon vor einer ganzen Weile von ihm gehört. Die Mitarbeiter der Nationalparkbehörde wussten, dass ein Berglöwe es irgendwie geschafft hatte, zwei der meistbefahrenen Freeways des Landes zu überqueren, um sich anschließend irgendwo im Griffith Park in Los Angeles häuslich einzurichten. „Ghost Cats“ (dt.: Geisterkatzen) war eine Bilderserie von National Geographic im Dezember 2013 über Pumas, die beinahe unbemerkt in Großstädten leben. Dafür stellte Winter überall im Park versteckte Kameras mit Bewegungsauslösern auf, deren Aufnahmen digital übertragen wurden. Mehr als ein Jahr später ging P22 in die Fotofalle – und das auch noch direkt vor dem berühmten Hollywood-Schriftzug. „Das löste eine Bewegung zum Schutz der letzten Pumas und anderer Wildtiere in Südkalifornien aus“, meint Winters. „Der ‚P22-Tag‘ wird seitdem jedes Jahr in Los Angeles gefeiert.“
Bild Steve Winter
GRAND-TETON-NATIONALPARK, Wyoming. Als ein Auftrag den britischen Fotografen Charlie Hamilton James im Jahr 2014 nach Wyoming führte, ahnte er noch nicht, dass ihn die Fauna dieser Region so sehr faszinieren würde, dass er später mit seiner Familie für eine Weile nach Jackson Hole zog. In Zusammenarbeit mit der Nationalparkbehörde stellte er eine Kamerafalle mit Bewegungsauslöser auf, um die Vorgänge am Kadaverabladeplatz des Grand-Teton-Nationalparks zu dokumentieren. An diesem Ort, fernab von Touristen, werden überfahrene Tiere abgelegt, damit die tierischen Aasfresser ihrer natürlichen Aufgabe nachgehen können. Die Kamera nahm dieses Grizzlymännchen auf, wie es Raben von einem Bisonkadaver vertreibt. „Das liebe ich so sehr an Kamerafallen“, sagt National Geographic Deputy Photography Editor Kathy Moran. „Man baut die Bühne auf, ohne das Stück oder seine Mitwirkenden zu kennen.“
Bild Charlie Hamilton James
HASTINGS, Sierra Leone. „Dieses Bild verfolgt mich wie kaum ein anderes“, sagt Fotograf Pete Muller. Im Zuge eines Auftrags in Westafrika während der sich rasch ausbreitenden Ebola-Epidemie im Jahr 2014 befand sich Muller gerade in einem Behandlungszentrum in Sierra Leone, als sich ein infizierter Patient im Delirium aus der Quarantänestation befreite und versuchte, über eine Mauer nach draußen zu klettern. Dieser Ausbruch wütete in der ganzen Region und machte einen potenziellen Überträger zu einer tödlichen Gefahr für andere Menschen. Ein bewaffneter Polizist und zwei Klinikmitarbeiter in Schutzanzügen mussten den Mann überwältigen und ihn ins Bett zurückbringen. Er starb zwölf Stunden später.
Bild Pete Muller
ST. AUGUSTINE, FLORIDA. Der in Nebraska lebende Fotograg Joel Sartore verbrachte fast 15 Jahre damit, Tiere in Gefangenschaft zu fotografieren – für ihn eine visuelle Dokumentation der gefährdeten Tierarten unserer Welt. Er nennt sein Projekt Foto-Arche und inzwischen umfasst es Aufnahmen von mehr als 10.000 Tieren, wie diesem jungen Weißbauchschuppentier (Phataginus tricuspis), dessen Mutter Sartore 2015 in einer Wildtierauffangstation in Florida vor die Linse wackelte. „Es kam mir vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet“, sagt Sartore. „Es ist ein Säugetier, aber so eins hatte ich noch nie zuvor gesehen.“ Asiatische und afrikanische Schuppentiere werden aufgrund ihres Fleischs und der angeblichen Heilkräfte ihrer Schuppen stark bejagt und zählen zu den am häufigsten geschmuggelten Tierarten der Welt.
Bild Joel Sartore
FLINT, Michigan. Als im Jahr 2016 Berichte enthüllten, dass das Wasser in Flint schon seit Jahren eine gefährlich hohe Belastung von Blei und anderen Schadstoffen aufwies, dokumentierte Fotograf Wayne Lawrence die verzweifelten Bemühungen der Einwohner, sauberes Wasser zu finden und den Betrug der zuständigen Beamten zu verarbeiten. Lawrence begegnete den Geschwistern Abron – Antonio, 13, und seinen Schwestern Julie und India, beide 12 – zum ersten Mal in einem Feuerwehrhaus, wo sie ihre tägliche Ration kostenloser Wasserflaschen abholten. Die Kinder wurden zu Hause unterrichtet (ihre Schuluniformen hatte die Mutter in Second-Hand-Läden gekauft) und für die Familie war dies die einzige sichere Bezugsquelle für Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen. Lawrence erinnert sich noch gut an diesen trostlosen Besuch in Flint: „Es brach einem das Herz, von einem Haus ins nächste zu kommen und überall die gleichen, fürchterlichen Geschichten zu hören.“
Bild Wayne Lawrence
KANSAS CITY, Missouri. Der in Neuseeland geborene Fotograf Robin Hammond erfährt international Anerkennung für seine Aufnahmen von LGBTQ+-Menschen aus aller Welt. Er traf sich im Rahmen eines Auftrags für die National Geographic-Sonderausgabe unter dem Titel „Gender Revolution“ im Januar 2017 mit Avery Jackson. Hammond fotografierte neunjährige Jungen und Mädchen in acht verschiedenen Ländern. Diese Neunjährige hat einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen: Ihre ersten vier Lebensjahre verbrachte Avery als Junge, doch seit 2012 lebt sie nun dank der Unterstützung ihrer Familie als Transmädchen in Kansas City. Die Redakteure wählten ihr Foto als Titelbild der Ausgabe aus – eine Entscheidung, die laut Chefredakteurin Susan Goldberg „Freude, Entsetzen, Sorge und Dankbarkeit“ bei den Lesern hervorrief. Für Hammond hallt vor allem die Dankbarkeit noch immer nach. Lehrer und junge Menschen bedankten sich bei ihm für seine Hilfe, wichtige Themen wie diese ins Gespräch zu bringen. „Sie strahlte so viel Selbstbewusstsein und Energie aus“, meint er über Avery. „Ihr Foto sagt: ‚Ich bin stolz. Ich bin glücklich. Ich bin ein normales, junges Mädchen.‘“
Bild Robin Hammond
JAMAL-HALBINSEL, Russland. Ein Vorhang gibt einen hervorragenden Umhang ab, aus einer Pappschachtel wird eine Krone: Die achtjährige „Prinzessin der Tundra“ Kristina Khudi krönt sich an diesem Nachmittag zum Oberhaupt. Als Angehörige der indigenen Nenzen, die als Rentierzüchter im Norden Sibiriens leben, ist sie in den Sommerferien auf Heimatbesuch von ihrem Internat zu Hause. Fotografin Evgenia Arbugaeva, die in der russischen Arktis aufgewachsen ist, begleitete die Hirten für einen Artikel, der im Oktober 2017 erschienen ist. Ihre jahrhundertealten Wanderrouten, auf denen sie die Rentiere über 1.300 Kilometer über die Jamal-Halbinsel treiben, sind vom Klimawandel und der Erschließung eines Erdgasfelds bedroht, das teilweise auf den Weideflächen der Nenzen liegt.
Bild Evgenia Arbugaeva
YOSEMITE, Kalifornien. Bereits in den zehn Jahren vor Alex Honnolds gefeierten Free Solo auf den El Capitan im Yosemite-Nationalpark – bei dem er die berühmteste Felswand der Welt allein und ohne Sicherung hinaufkletterte – begleitete Fotograf Jimmy Chin den Ausnahmesportler häufig. Als Mitglied des Teams, das Honnolds herausragende Kletterleistung im Juni 2017 für den National Geographic-Film Free Solo dokumentierte, musste Chin sich zum Hinsehen zwingen, als sein Freund die letzten Vorsprünge in knapp 800 Metern Höhe überwand. „Dieser Moment war am kritischsten“, sagt Chin. „Er repräsentiert das Erreichen des Unmöglichen, des Ultimativen: Perfektion.“
Bild Jimmy Chin
AURORA, Colorado. 15 Jahre lange begleiteten National Geographic-Fotografin Lynn Johnson und Redakteur Kurt Mutchler die Geschichte von Susan Potter, einer Frau, die nach ihrem Tod eingefroren werden wollte, damit ihr Körper zur Erstellung einer wissenschaftlichen Datenbank genutzt werden konnte. Potter war 72 Jahre alt, als sie sich für das Visible Human Project der University of Colorade bewarb. Zu diesem Zeitpunkt ging die Aktivistin für die Rechte behinderter Menschen, die selbst im Rollstuhl saß, davon aus, dass ihr Ableben nicht mehr fern war. Doch sie wurde 87 Jahre alt und zusammen mit Autorin Cathy Newman begleitete Johnson die alte Dame während ihres Tods und den Prozess des Einfrierens. Anschließend wurde ihr Körper in 27.000 Scheibchen geschnitten. Die Geschichte über Potter und ihre komplexe, oft schwierige Persönlichkeit erschien in der Januar-Ausgabe 2019 des Printmagazins.
Bild Lynn Johnson
CLEVELAND, Ohio. „Ehrfürchtig“, beschreibt Fotografin Lynn Johnson den Moment, in dem sie und das medizinische Team um das menschliche Gesicht herumstanden, das auf einem Operationstisch vor ihnen lag. Nur das Gesicht, ein lebendiges Objekt, losgelöst von einer Organspenderin, seiner Empfängerin noch nicht überbracht. „Man hinterfragt alles, was wir über Identität glauben und zu wissen glauben“, meint Johnson. Mehr als zwei Jahre lang hatte ihre Freundin und Fotografenkollegin Maggie Steber die Geschichte von Katie Stubblefield dokumentiert, einer jungen Patienten der Cleveland Clinic, deren Gesicht einer Kugel zum Opfer gefallen war, als Katie mit 18 Jahren versucht hatte, sich mit einer Schusswaffe das Leben zu nehmen. Der Tod einer anderen jungen Frau machte die Gesichtstransplantation möglich, was von Steber, Johnson und Autorin Joanna Connors in der September-Ausgabe der National Geographic im Jahr 2018 auf sehr persönliche Weise dargestellt wurde. Die Operation dauerte 31 Stunden lang und war erfolgreich. Katie arbeitet weiterhin an der Verbesserung ihrer Sprach- und Gesichtsmuskulatur und hat kürzlich sogar den Plan geäußert, aufs College zu gehen.
Bild Lynn Johnson
LAIKIPIA COUNTY, Kenia. „Für dieses Foto habe ich zehn Jahre gebraucht“, sagt die in Montana lebende Fotografin Ami Vitale, die dem Nördlichen Breitmaulnashorn namens Sudan zum ersten Mal im Jahr 2009 begegnete. Sudan lebte damals als eins von nur noch zehn lebenden männlichen Tieren in einem Zoo in Tschechien. In einem verzweifelten Versuch, die Tierart zu retten wurde Sudan zusammen mit vier weiteren Tieren in ein Schutzgebiet in Kenia gebracht. Alle vier Nashörner überlebten den Umzug, doch als Vitale im Jahr 2018 erfuhr, dass Sudan mit 45 Jahren im Sterben lag, wusste sie, dass er das letzte Männchen seiner Art war. Im Naturschutzgebiet Ol Pejeta durfte sie dem Moment beiwohnen, in dem Joseph Wachira, einer von Sudans persönlichen Wachleuten, ihm ein letztes Mal die Ohren kraulte. „Das ist für mich nicht nur irgendeine Geschichte“, sagt Vitale. „Die Wilderei nimmt nicht ab. Das Aussterben von Tierarten passiert hier und jetzt, direkt vor unseren Augen.“
Bild Ami Vitale

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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