Auf dünnem Eis: Besuch bei Québecs Sattelrobben

Auf der dünnen Eisdecke kann schon ein Sturm den Tod für eine ganze Generation an Sattelrobben bedeuten. Die Tiere kämpfen an der Front des Klimawandels ums Überleben.

Monday, September 21, 2020,
Von Jennifer Hayes
Bilder Von Jennifer Hayes
In der zunehmend unberechenbaren Welt des Klimawandels haben die weißen, älteren Jungtiere den Zeitvorteil gegenüber später ...

In der zunehmend unberechenbaren Welt des Klimawandels haben die weißen, älteren Jungtiere den Zeitvorteil gegenüber später geborenen Robben.

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Wenn man auf dem Meereis spazieren geht, vergisst man leicht, dass unter einem ein ganzer Ozean liegt. Die gefrorene Welt an der Oberfläche besticht durch ihre simple Schönheit: unfassbar blauer Himmel, strahlende Sonne, die von einer frischen Schneedecke reflektiert wird, Wind, der wie ein Cello vibriert, Weiß ringsum.

Die Magdalenen-Inseln liegen im Sankt-Lorenz-Golf, einem der beiden Gebiete, in denen die nordwestatlantischen Sattelrobben ihren Nachwuchs gebären.

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Willkommen in der großen Sattelrobben-Kinderstube im Sankt-Lorenz-Golf vor den Magdalenen-Inseln (Îles-de-la-Madeleine) in Québec. Es ist eines von zwei Wurfgebieten für Sattelrobben im Nordwestatlantik. Die ausgewachsenen Robben reisen aus der Arktis hierher, denn die trächtigen Weibchen sind auf der Suche nach geeigneten Eisflächen, auf denen sie gebären können. Sattelrobben sind auf dieses Eis angewiesen – sie benötigen eine stabile Plattform auf dem Meer, damit die Jungtiere überleben können. Deren Kindheit ist kurz: Sie werden Ende Februar bis Anfang März auf dem Eis geborenen und 12 bis 15 Tage lang von ihrer Mutter gesäugt. Danach sind sie auf sich allein gestellt. Mit ihren Obsidianaugen, ihren pechschwarzen Nasen und ihrem wolkenweichen Fell zählen sie vermutlich zu den possierlichsten Tieren des Planeten.

In der Ferne höre ich den Refrain der Jungtier-Rufe und bleibe einige Zeit stehen und lausche ihnen. Es ist ein kostbarer Moment, den ich voll und ganz würdigen möchte, bevor ich meine Kameras zücke. Ich bemerke eine leichte Bewegung in einem Schneegrat vor mir – ein sanftes und unbeholfenes Winken einer winzigen Flosse. Es ist ein Jungtier in einer kleinen Höhle aus Schnee, geformt durch seine Körperwärme und Bewegungen, die Schutz vor dem eisigen Wind bietet. Sein Fell hat immer noch einen Hauch Gelb vom Fruchtwasser. Wenn es sich dreht, kann ich seine dicke rosa Plazenta sehen.

Ich wähle einen Platz in respektvoller Entfernung. Dort knie ich mich in den Schnee, beobachte und warte und notiere mir das Datum: 8. März 2019. Ich höre Wasser schwappen und kurze, grunzende Atemzüge, bevor sich ein bärtiges Gesicht mit großen, dunklen Augen aus einem Eisloch in der Nähe erhebt und die Umgebung inspiziert. Das Weibchen taucht auf und zieht sich mit seinen gebogenen Krallen auf und über das Eis zu ihrem Nachwuchs. Sie begegnen sich mit einem kurzen Nasenstups, um ihre Verwandtschaft zu prüfen: Bist du mein Junges? Bist du meine Mutter? Das Weibchen dreht sich um, begutachtet mich, stellt fest, dass ich keine Bedrohung bin, und legt sich auf ihre Seite, schließt die Augen und beginnt zu säugen.

Bedrohung durch Jagd und Klimawandel

Ich schaue mich in der Eislandschaft um und entdecke größere, aktivere Jungtiere, die bereits strahlend weißes Fell haben. Dieser ältere Nachwuchs, der einige Tage früher geboren wurde, hat in der zunehmend unberechenbaren Welt des Klimawandels einen klaren Zeitvorteil.

Spätgeborene Jungtiere sind zum Überleben darauf angewiesen, dass das Eis unter ihren Flossen ausreichend lange stabil bleibt. Aber sie leben in einer Welt, in der der Frühling jedes Jahr früher einsetzt – und mit ihm zunehmend heftigere Stürme, die das Packeis zertrümmern. Ein Leben im Eis ist schwierig, und die natürliche Sterblichkeit ist hoch. Kommt dann noch eine Jahreszeit mit erhöhten Temperaturen und abnehmendem Eis hinzu, ergibt das eine tödliche Kombination für die jungen Sattelrobben.

Robbe übersteht Angriff hungriger Orcas

Die Magdalenen-Inseln – oder die Maggies, wie einige Kanadier sie liebevoll nennen – sind ein Archipel von kleinen Inseln im Sankt-Lorenz-Golf, die aus der Ferne ankernden Schiffen ähneln. Im Jahr 2011 führte ein Auftrag von National Geographic den Fotografen (und meinen Partner) David Doubilet und mich zum ersten Mal auf die Maggies, um über das marine Ökosystem des Sankt-Lorenz-Golfes zu berichten.

Das Boot, das uns zu den Robben bringen sollte, verfügte über einen Stahlrumpf und diente ansonsten zur Jagd auf Fische – und Robben. Die Bewohner der Magdalenen-Inseln gehen diesen Beschäftigungen schon seit dem 17. Jahrhundert nach. Es ist eine umstrittene Tradition, die heute mit strengen Quoten und Vorschriften (keine Jungtiere mit weißem Fell) fortgesetzt wird – trotz stark rückläufiger Fangzahlen für Robben, die auf sinkende Marktpreise und ungünstige Eisverhältnisse zurückzuführen sind. „Angesichts der aktuellen Marktsituation für Jagdprodukte“, erklärt unser Führer Mario Cyr, „sind Ökotourismus und Beobachtungstouren für die meisten Bootsbesitzer und Jäger die beste Alternative.“

Nach einer zweitägigen Suche auf offenem Wasser steuerte der Kapitän das Schiff in ein Gebiet voller Meereis, in dem sich eine Kolonie von mehr als 10.000 Robben befand. Wir trieben mit dem Eis über mehrere Tage und Nächte dorthin. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung, mit Steigeisen an den Schuhen durch das pulsierende Leben auf dem Eis zu laufen und dann in einem Taucheranzug mit Maske, Flossen, Schnorchel und Kamera in ihre Welt hinabzugleiten. Das Leben am Rand des Packeisgebiets kann geschäftig sein: Mütter kommen und gehen unter einer dunkelblauen Kathedrale aus Eis, die von Lichtstrahlen durchdrungen wird; Jungtiere blicken vor ihrem ersten Ausflug ins Meer unentschlossen auf die Wasseroberfläche; ihre wenige Tage älteren Artgenossen gleiten bereits geschickt durch das Wasser und erkunden ihre neue Welt.

Obwohl es eine Herausforderung war, die Robbenkolonie zu finden, war der Auftrag ein fotografischer Erfolg. Und er schenkte mir einen Moment, der mein Leben veränderte. An unserem letzten Tag auf dem Eis verteidigte mich eine Robbenmutter vor einem aggressiven Robbenmännchen, als ich mich in respektvollen Abstand zu ihr und ihrem Jungtier im Wasser aufhielt. Das Männchen zwickte mich an den Knöcheln, kratzte meinen Rücken und drückte mich unter die Oberfläche. Sie wehrte es ab und stupste dann sowohl ihr Jungtier als auch mich durch das Wasser und aus der Gefahrenzone.

Ich war noch dabei, das Geschehen zu verarbeiten, als unser Schiff in See stach. Ein aufziehendes Tiefdruckgebiet zwang uns zurück in den Hafen. Der Sturm brach über den Golf herein und peitschte die krachenden Wellen zu Schaum. Als wir an Land kamen, erfuhren wir, dass sich das Meereis unter der Herde aufgelöst hatte – viele der Jungtiere hatten nicht überlebt.

Begegnungen mit den Robben

Unser Engagement für die Robben war mit der Veröffentlichung unseres Artikels im Jahr 2014 aber längst nicht vorbei. Der Sturm hatte meine Begegnung mit der Robbenmutter zu einer bittersüßen Erinnerung gemacht und mich zu der Erkenntnis bewegt, dass wir nun vor einer neuen Wahrheit standen: Die Welt aus Eis ist so zerbrechlich wie ein Traum. So beschloss ich, fortan jedes Jahr zurückzukehren, solange die Eisverhältnisse es erlauben. Ich wollte das Leben der Sattelrobben dokumentieren, um anderen Menschen einen Zugang zu diesen Tieren und ihrem schwindenden Reich zu ermöglichen.

Galerie: 10 faszinierende Aufnahmen von Robben

Wir springen ins Jahr 2019. Mario Cyr riet dazu, unsere Buchung für unseren jährlichen Besuch in der Robben-Kinderstube zu stornieren – die Fischerboote waren „eingefroren“. Die gute Nachricht: Es sah nach einem guten Jahr für Robben aus. Die Situation bot die perfekte Gelegenheit, endlich den Sattelrobben-Ökotourismus per Hubschrauber zu testen. Das Château Madelinot auf Cap aux Meules, der Hauptinsel der Magdalenen, betreibt Hubschrauber, die Reisende während der Robbensaison über das Packeis bringen und nur unter sicheren Bedingungen landen. So fand ich mich also dabei wieder, wie ich ein Jungtier beim Säugen beobachtete, während seine Mutter die warme Sonne genoss.

Als ich zu den Hubschraubern zurückginge, sah ich ein Mädchen, das ruhig neben einem pummeligen weißen Jungtier saß, welches sie aufmerksam anstarrte. Zu den anderen Reisenden, die ich treffe, gehörten ein Pärchen auf Valentinsausflug, ein Krebspatient und ein japanischer Fotograf und Naturführer, der schon sein 30. Jahr mit den Robben verbrachte. Auch mit dabei war eine junge Frau, die ihre Spielzeugrobbe aus Kindertagen mitgebracht hatte, und ein Mann um die zwanzig aus Kingston in Ontario. Er hatte in seinem Auto geschlafen und sich von Dosennahrung ernährt, nachdem er seinen letzten Dollar für den letzten Hubschrauberflug der Saison ausgegeben hatte. Leidenschaft und Neugierde brachten sie alle hierher, um zu lernen, zu wachsen und zu heilen.

Eine Frau und ein weißes Jungtier beobachten sich gegenseitig auf dem Eis. Die Besucher dürfen sich den Robben nähern, sie aber nicht berühren.

Bild Jennifer Hayes

In diesem Jahr sieht es im Golf völlig anders aus. Der Winter 2020 war eine besondere Herausforderung. Ende Februar und Anfang März peitschten zwei Stürme durch die Inseln und rissen das Eis auseinander. Fast alle neugeborenen Robben aus dieser Saison haben es nicht geschafft. Es ist eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass diese gefährdeten Tiere an der Frontlinie des Klimawandels leben.

Vor meiner Begegnung mit der schützenden Mutter und ihrem Jungtier war ich eine Skeptikerin, was die Interaktionen zwischen Mensch und wilden Tieren angeht. Aber jetzt akzeptiere ich, dass manchmal Dinge geschehen, wenn wir es am wenigsten erwarten. Biologen können erklären, warum ein testosterongeladenes Robbenmännchen mich herausgefordert hat, weil ich mit seiner potenziellen Partnerin schwamm. Aber sie können nicht so leicht erklären, warum eine Robbenmutter mich zusammen mit ihrem Jungtier in Sicherheit bringen wollte. Ich brauche keine Erklärungen – ich nehme es einfach hin.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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