Der beste Free-Solo-Kletterer der Welt ist kein Adrenalinjunkie

Alex Honnold ist nicht auf Ruhm oder den ultimativen Kick aus – er liebt es einfach, zu klettern.Monday, February 25, 2019

Von Sarah Gibbens

Begleitet Alex Honnold auf seiner Reise zu seinem Free-Solo-Aufstieg der bekanntesten Felswand der Welt: dem El Capitan im Yosemite-Nationalpark. "Free Solo" von E. Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin ist eine atemberaubende, unerschrockene und persönliche Geschichte, die vergangene Nacht mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm gewürdigt wurde. Wir gratulieren!

„Für mich ist der Yosemite[-Nationalpark] der inspirierendste Ort auf der ganzen Welt. Ich war etwa die letzten zehn Jahre jeden Frühling und Herbst dort“, erzählt der Kletterer Alex Honnold. „Darum bedeutet mit der ‚El Cap‘ so viel.“

Damit meint er seinen Rekord im Free-Solo-Klettern an der herausfordernsten Wand des Parks: El Capitan.

Zweifelsfrei war das seine größte Leistung des vorletzten Jahres – aber nicht sein einziges Abenteuer. Bevor Honnold zum National Geographic-Abenteurer des Jahres 2018 gewählt wurde, absolvierte er erfolgreich eine Kletterexpedition in der Antarktis.

Diese Erlebnisse sind nur zwei der zahlreichen eindrucksvollen Leistungen, die er im Laufe seiner Kletterkarriere erbracht hat.

„Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich mit dem Klettern anfing“, erzählt er. „Ich wollte nie ein Profi werden oder so, ich wollte einfach nur klettern.“

Der Kletterer Alex Honnold trainiert auf der Freerider-Route am El Capitan für seinen ersten Free-Solo-Aufstieg an der berühmten Felswand des Yosemite-Nationalparks. Am 3. Juni 2017 gelang ihm der Rekordaufstieg schließlich.

Ein abenteuerliches Leben

Unser Gespräch findet statt, als Honnold gerade vom Fitnessstudio unterwegs zum Flughafen ist. Zwischen seinen Vorträgen und Trainingseinheiten betreibt er außerdem die Honnold Foundation – eine gemeinnützige Organisation, die weltweit Initiativen für erneuerbare Energien finanziert.

Dass Honnold ein produktives Leben führt, ist eine kleine Untertreibung. Trotz all seiner Erfolge ist er jedoch nach wie vor bescheiden und dankbar, dass er die eine Sache, die er über alles liebt, zu seinem Lebensinhalt machen konnte.

Als ich ihn frage, ob er sich selbst als Abenteurer sieht, scheint er sich von jeglicher Selbstverherrlichung distanzieren zu wollen: „Ich würde mich nie als Abenteurer bezeichnen, aber ich schätze, ich habe wohl einen Abenteurergeist.“


Mehr als Adrenalin

Damit Honnold in die Auswahl für den Abenteurer des Jahres kommen konnte, nominierte sein langjähriger Freund und Kletterkollege Andrew Bisharat ihn.

„Er war einfach nur ein ruhiger, schüchterner Junge, der einen Hoody trug und beim Klettern absolut glänzte“, erinnert sich Bisharat an seine erste Begegnung mit Honnold. „Ich weiß noch, wie beeindruckt ich davon war, wie solide und kontrolliert seine Klettertechnik war.“

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Dieser kontrollierte und analytische Stil ist es auch, der Honnold seiner eigenen Aussage nach dabei half, seinen historischen Kletterrekord aufzustellen.

Im vergangenen Juni wurde er der erste Mensch, der El Capitan im Free Solo bezwang – also völlig ohne Sicherungen. In etwas weniger als vier Stunden erklomm er den 2.307 Meter hohen Felsvorsprung ohne Seile oder sonstige sichernde Ausrüstung. Während seines Aufstiegs musste er neben glatten Felsabschnitten und gefährlich weit voneinander entfernten Grifflücken auch Vorsprünge meistern, die so schmal waren, dass er sich mit den Füßen abstoßen musste, um den nächsten greifbaren Vorsprung zu erreichen.

Honnold zufolge war es einer jener Momente des Jahres 2017, die ihn entscheidend geprägt haben.

„Selbst die Expedition in die Antarktis war das reinste Zuckerlecken im Vergleich zum Aufstieg auf den ‚El Cap‘.“

„Beim Free Solo geht es definitiv nicht ums Adrenalin. Ich habe vier Stunden gebraucht, um auf den ‚El Cap‘ zu klettern. Man kann nicht vier Stunden lang einen Adrenalinrausch haben“, erklärt er. „Es ist vielmehr meditativ, ruhig und entspannt. Fast schon friedlich.“

„Alex klettert um des Kletterns willen. Er tut nichts, weil er berühmt sein will oder die Aufmerksamkeit braucht. Er liebt den Sport einfach“, sagt Bisharat. „Gleichzeitig hat er seine Berühmtheit aber auch akzeptiert und nutzt diese Plattform, um andere zu inspirieren und etwas zu bewirken.“

Ein Großteil seiner gemeinnützigen Arbeit ist darauf ausgerichtet, Initiativen für Solarenergie zu finanzieren und umzusetzen. Honnold zufolge motiviert ihn dabei vor allem die innige Beziehung, die er durch das Klettern zur Natur aufgebaut hat.

„Wenn man seine ganze Zeit im Freien verbringt, fühlt man sich definitiv verantwortlich dafür, diese Orte zu erhalten“, so Honnold. „Als Profisportler habe ich wirklich sehr viel Glück, dass ich das, was ich am liebsten tue, zu meiner Berufung machen konnte – ich habe praktisch die ganze Zeit Freizeit. Ich glaube, da fühlt man sich ganz besonders verpflichtet, auch etwas zurückzugeben.“

Honnold absolviert die Kletterroute Excellent Adventure im Yosemite-Nationalpark in Vorbereitung auf seinen Free-Solo-Aufstieg am El Capitan.

Was die Zukunft bringt

Aktuell trainiert Honnold, um seine körperlichen Leistungen noch zu verbessern. Allerdings arbeitet er gerade nicht auf weitete Großprojekte wie die Antarktisexpedition oder seine Rekord-Kletterpartie hin.

„Das Training im Fitnessstudio ist im Vergleich dazu nicht so furchterregend, aber für mich ist es trotzdem anders [...] und es fordert mich auf eine Weise heraus, die ich nicht gewohnt bin“, sagt er.

Honnold will für den Rest seines Lebens weiterklettern und neue Abenteuer erleben, die jenseits seiner Komfortzone liegen.

„Die Definition eines Abenteuers besagt, dass der Ausgang ungewiss ist. Für ich bedeutet das also, einfach da rauszugehen und etwas zu versuchen, von dem ich nicht weiß, wie es endet.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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