Geschichte und Kultur

7 Genies, von denen ihr vermutlich nie gehört habt – und warum das so ist

Skandale, Familienfehden und soziale Tendenzen haben dafür gesorgt, dass einige der größten Geister der Geschichte kaum Anerkennung erhielten – bis heute. Donnerstag, 9 November

Von Erin Blakemore

Wenn jemand nach einem der wichtigsten Historiker aller Zeiten fragen würde, käme den allermeisten wohl kaum der Name Anna Komnene in den Sinn. Aber das sollte er vielleicht. Komnene, die als byzantinische Prinzessin geboren wurde, erlebte den Ersten Kreuzzug und schrieb auf, was sie sah.

Ihr bekanntestes Werk, die „Alexiad“, ist voller anschaulicher Berichte über Blutvergießen, Schlachten und Verrat aus den Jahren von 1081 bis 1107. Es ist eine der seltenen Primärquellen aus dieser Zeit, die einen detaillierten Einblick in das bedrohte Reich ihres Vaters gibt sowie in die zusammengewürfelte Allianz, die das bekämpfte, was sie als existenzielle Bedrohung für das Christentum ansah.

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben aber selbst eingefleischte Geschichtsfans noch nie von ihr gehört. Egal, wie brillant, versiert oder berühmt eine Person zu Lebzeiten war – die Welt hat so ihre Art, einige der größten Genies in Vergessenheit geraten zu lassen.

Soziale und kulturelle Tendenzen und Vorurteile können durchaus eine Rolle in ihrem Sturz spielen. Zahllose außergewöhnliche Geister wurden aufgrund ihrer Rasse, Klasse oder ihres Geschlechts kleingeredet oder ignoriert. In vielen Fällen der verlorenen Genies, die nun wiederentdeckt werden, sind die genauen Gründe für ihre Vergessenheit voller Intrigen.

Das gilt auch für Komnene. Sie wurde nicht nur aufgrund ihres Geschlechts in die Vergessenheit verbannt, sondern auch wegen einer Fehde in der Familie der Geschichtsschreiberin. Ein paar Jahrzehnte nach ihrem Tod schrieb ein byzantinischer Amtsträger namens Choniates seine eigene Geschichte über Komnenes Familie, die ein bösartiges Gerücht enthielt: Die Prinzessin, so behauptete er, hätte hinter einem verräterischen Komplott gestanden, das auf den Tod ihres Bruders abzielte, damit sie selbst Königin sein könnte.

Es spielte keine Rolle, dass Choniates allen Grund hatte, Komnene zu hassen – er gab ihrem Vater die Schuld am Fall Konstantinopels und an seinem eigenen politischen Exil. Es spielte keine Rolle, dass er sich auf Hörensagen verließ, als er das Buch schrieb. Aus irgendeinem Grund hielt sich das Gerücht und wuchs sogar.

Heutzutage wird Komnene noch immer hauptsächlich als machthungrige, mordende Gangsterbraut wahrgenommen. Viele Leute lesen ihren Bericht eher auf der Suche nach Anzeichen für ihre potenzielle Mordlust und nicht als scharfsinnige Beobachtungen des Lebens am umkämpften byzantinischen Hof. Erst kürzlich haben Historiker damit begonnen, ihre Darstellung neu zu bewerten, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ihr Ruf wiederhergestellt ist.

Manchmal werden Genies auch vergessen, weil sie einen einflussreichen Feind oder schlechte Charaktereigenschaften haben. Pierre Louis Moreau de Maupertuis, der zu den genialsten Köpfen seiner Generation zählte, hatte beides.

Der Universalgelehrte des 18. Jahrhunderts trug dazu bei, die Form der Erde zu bestimmen, und bereitete sogar den Weg für die Evolutionstheorie. Aber Maupertuis war ein empfindlicher Geselle – er geriet oft in Streit mit seinem manchmal besten, manchmal weniger guten Freund Voltaire. Das ging so weit, dass ein Beobachter dazu sagte, die beiden seien „nicht dafür gemacht, im selben Raum zu existieren.“

1751 wandelte sich ihre schwierige Freundschaft schließlich in erbitterte Feindschaft, als sich Voltaire auf die Seite von Maupertuis‘ Kritiern schlug. Der geistreiche Autor stellte Maupertuis‘ Prinzip der kleinsten Wirkung – heutzutage auch bekannt als Hamiltonsches Gesetz und ein Grundsatz der Physik – in der Zeitung an den Pranger. Maupertuis war am Boden zerstört und heute ist sein Name größtenteils in Vergessenheit geraten – wahrscheinlich dank des verbalen Feuerwerks seines einflussreicheren Freunds.

Genies können zwar persönlichen Widersachern zum Opfer fallen, aber was passiert, wenn eine ganze Gesellschaft gegen einen ist? Spoiler-Alarm: Man endet vermutlich nicht in den Geschichtsbüchern.

Benjamin Bradley hat den ersten Dampfmotor entwickelt, der genug Energie erzeugte, um ein Kriegsschiff anzutreiben. Da er seine Erfindung aber nicht patentieren lassen konnte, ist er heute praktisch unbekannt. Bradley war ein Sklave, und zu seiner Zeit galten Sklaven als Eigentum – all ihre physische und geistige Arbeit gehörte rechtlich ihren Besitzern.

Auch wenn Bradley die Profite aus seiner Maschine genutzt zu haben schien, um sich freizukaufen, wurde sie nie patentiert. Heute erinnert man sich kaum mehr an ihn. Dasselbe Schicksal teilte auch eine unbekannte Anzahl anderer versklavter Menschen, deren Beiträge niemals Anerkennung finden werden.

Patente spielten auch eine Rolle in einem anderen Fall von historischer Amnesie, nämlich dem von Jagadish Chandra Bose. In den 1890ern entdeckte er, dass Galenitkristalle Radiosignale auffangen konnten. Bose lehnte Wissenschaft um den Profit willen jedoch ab. Er ließ sich zwar von einem Freund dazu überreden, ein Patent für einen „Detektor für elektrische Störungen“ zu beantragen, ließ es aber schlussendlich verfallen.

Bose mag sich zwar nicht um Patente geschert haben, aber der Erfinder des Radios schon – Guglielmo Marconi war sich auch nicht zu schade, die Erfindungen anderer Menschen als seine eigenen auszugeben. Marconi hat vermutlich ein Gerät, das auf einem Design von Bose basierte, genutzt, um 1901 das erste kabellos gesendete, transatlantische Signal zu empfangen – eine Leistung, die seinen Namen auf der ganzen Welt berühmt machte.

Bose machte weiterhin im Stillen Fortschritte in der Radiotechnologie – und weigerte sich, daraus Profit zu schlagen. „Wenn du die Gier und das Verlangen nach Geld [in den USA] gesehen hättest“, beklagte er 1913 gegenüber einem Freund. „Geld, Geld – was für eine furchtbare und alles beherrschende Gier!“

Die Aneignung fremder Leistungen könnte auch der Grund sein, warum der Name Ibn al-Haytham nicht weithin bekannt ist. Der arabische Gelehrte entwickelte im 11. Jahrhundert die wissenschaftliche Methode. Im 13. Jahrhundert beanspruchte in England allerdings Roger Bacon die Erfindung für sich und führte damit die große Tradition des Westens fort, vorangegangene Errungenschaften der Menschen aus dem Mittleren Osten und Asien zu ignorieren.

Esther Lederberg hätte als die Mutter der Mikrobiologie bekannt werden können, wenn da nicht ihr unbequemer Mann Joshua gewesen wäre.

Esthers Leistungen waren ebenso beeindruckend wie die von Joshua – sie entdeckte unter anderem die Lambda-Phage – eine Art von Virus, die noch immer genutzt wird um zu untersuchen, wie sich Gene rekombinieren. Sie hat auch eine revolutionäre Möglichkeit zur Vervielfältigung von Zellkolonien in Petrischalen entwickelt und half ihrem Mann dabei herauszufinden, wie Bakterien Gene austauschen.

Zu jener Zeit arbeiteten Frauen jedoch oft als nicht weiter erwähnte Mitglieder in den Teams ihrer Ehemänner, um die seltene Gelegenheit zu nutzen, das tun zu können, was sie liebten. Joshua hingegen hat die wissenschaftlichen Beiträge seiner Frau öffentlich kaum anerkannt. Jahrelang blieb die wegweisende Forschung von Esther ein Geheimnis für all jene, die nichts über die bescheidene Person hinter dem charismatischen Mann wussten.

„Sie hatte ein unaufdringliches Auftreten“, sagt Pnina Abir-Am, eine Wissenschaftshistorikern, die die Geschichten von Frauen in diesem Bereich dokumentiert. Abir-Am, die Lederberg kannte, glaubt, dass sie einen Großteil ihres Berufslebens damit verbracht hat, die Karriere ihres berühmten Mannes zu managen und ihre eigenen Errungenschaften herunterzuspielen.

„Es wurde viel Energie, kreative und andere, auf Joshua verwendet“, sagt sie. „Sie waren eine Einheit.“ Trotzdem war der Nobelpreis, den er 1958 erhielt, allein ihm gewidmet.

Es ist allerdings nicht so, dass ausschließlich Männer andere Personen überschattet haben. Anne Brontë hätte vielleicht als eine der wichtigsten literarischen Figuren des 19. Jahrhunderts gefeiert werden können – wenn da nicht ihre berühmteren Schwestern gewesen wären.

„In jeder anderen Familie wäre sie ein Genie“, sagt Samantha Ellis, eine britische Autorin. Ihre kürzlich erschienene Biografie „Take Courage: Anne Brontë and the Art of Life“ ist ein Versuch, der anderen Brontë-Schwester zu ihrer gebührenden Anerkennung zu verhelfen. Ihre große Schwester Charlotte hätte Annes Vermächtnis heruntergespielt, sagte Ellis – und weil die Autorin von „Jane Eyre“ Anne überlebt hat, könnte sie die Chance ihrer Schwester auf Ruhm ruiniert haben.

„Die Herrin von Wildfell Hall“, Annes feministischer Roman über die Folgen einer von Alkohol und Missbrauch geprägten Beziehung, war zum Zeitpunkt ihres Todes mit nur 29 Jahren ein Bestseller. Charlotte bewilligte die Wiederveröffentlichung des Romans jedoch nicht – vielleicht, weil Annes Buch Ähnlichkeiten zu der tatsächlichen Lebensgeschichte des alkoholabhängigen Bruders der Brontës aufwies. Ohne ihre berühmteren Schwestern hätte Annes kühne Prosa vielleicht mehr Fans im 21. Jahrhundert.

Wenn ein Genie aus dem kulturellen Gedächtnis verschwindet, ist das mehr als nur ein historisches Versehen – es ist eine vertane Chance, jemanden zu ehren, der nach wie vor die Welt verändern und künftige Generationen beeinflussen könnte, sagt Amir-Am.

„Wir verlieren all jene, die uninspiriert bleiben und Entscheidungen in ihrem eigenen Leben treffen“, sagt sie. „Das ist kein Dienst an der Gesellschaft – weder für Frauen noch für Männer:“

Die traurigsten Geschichten von allen sind vielleicht jene über die Genies, von denen wir gar nicht wissen, dass wir sie verloren haben. Die Bürde der Erinnerung liegt bei uns – und wenn wir uns dafür einsetzen, ihre Geschichten wiederzuentdecken und zu würdigen, dann könnten wir vielleicht herausfinden, dass die Geschichte noch viel mehr großartige Persönlichkeiten zu bieten hat, als wir uns je vorgestellt haben.

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