Geschichte und Kultur

Wissenschaftler stürzte etwa 20 m tief in eine Gletscherspalte

John All riskierte sein Leben, um zu untersuchen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf Berge hat. Donnerstag, 9 November

Von Simon Worrall

„Ich dachte, ich sei tot. Ich würde einfach weiter fallen und nie wieder aufwachen.“

So beschreibt John All, Autor des Buches „Icefall“, den Moment, als er rund 20 m tief in eine Gletscherspalte im Himalaya stürzte.  Allein und mit einer ausgekugelten Schulter musste er sich von Vorsprung zu Vorsprung schleppen, mit nur einem Arm.

Diese Geschichte ist allerdings mehr als ein weiteres Abenteuer um Leben und Tod, noch ein „127 Hours“ oder „In eisige Höhen“. Zusätzlich zu seinen Fähigkeiten als erfahrener Bergsteiger ist All ein Wissenschaftler, der jene Orte aufsucht, die andere nicht zu betreten wagen. Von dort bringt er Daten zurück, die uns dabei helfen zu verstehen, wie der Klimawandel die höchsten Gipfel der Erde beeinflusst.

National Geographic traf den Autor, Bergsteiger und Wissenschaftler in seinem Zuhause in Bellingham bei Seattle. All erklärte, wie er den Sturz in die Gletscherspalte überlebte, warum der Klimawandel das Bergsteigen gefährlicher macht und warum es für Wissenschaftler unerlässlich ist, sich in die Berge zu begeben.

 „Ich habe mich aus meinem eigenen Grab freigeschaufelt“, schrieben Sie nach ihren Stunden des Schreckens im Himalaya. Erzählen Sie uns, wie das abgelaufen ist.

[Lacht] Das ist eine große Frage! Der Everest war nach einer Lawine gesperrt, daher haben wir uns zum Himlung begeben, einem Berg in der Nähe des Annapurna an der Grenze zwischen Tibet und Nepal. Wegen des Unfalls am Everest war unser Team auf drei Leute geschrumpft und einer davon ging es nicht gut. Jake, der andere Bergsteiger aus meinem Team, erklärte sich bereit, sie wieder runterzubringen. Ich stand also vor der schwierigen Entscheidung, allein hier oben zu bleiben, was nie ideal ist. Aber ich dachte: „Wir haben ein Lager errichtet, ich bin rumgelaufen, es sah ziemlich sicher aus.“ Ich dachte, das würde schon klargehen.

Am Morgen, nachdem die beiden gegangen waren, ging ich los, um etwas Wasser für Kaffee zu holen und ein paar Schneeproben zu sammeln. Die Sonne schien hell, also ging ich nur mit einer leichten Jacke, ohne Stirnlampe und ohne Satellitentelefon raus. Es gab keine Spur einer Gletscherspalte. Aber als ich gerade eine Schneeprobe nehmen wollte, hatte ich plötzlich das Gefühl des freien Falls. Es war stockdunkel und ich spürte, wie mein Gesicht gegen Eis schlug. Die Plötzlichkeit des Ganzen war überwältigend. Es ging von strahlend hell zu pechschwarz, als meine Welt zusammenbrach.

Ich dachte, ich sei tot. Ich würde einfach weiter fallen und nie wieder aufwachen. Aber plötzlich hielt ich an. Es war wie ein Wunder. Aber als ich mich dann umsah und verstand, wo ich mich befand, wusste ich, dass ich tot war. Meine Beine hingen über dem Abgrund. Nur mein Oberkörper war auf dem Eisblock, der mich hier oben hielt. Ich konnte nicht aufstehen, weil ich mir den Arm ausgekugelt und mir alle Knochen in meiner Schulter und meinem Arm gebrochen hatte.

Ich fühlte mich wie in einem Fleischkühlraum. Ich konnte fühlen, wie die Kälte bereits in meine Knochen zog. Weil der Rest des Teams gerade auf dem Weg nach unten war, wusste ich, dass sie Zeit zur Erholung und dann einen weiteren Tag brauchen würden, bis sie wieder hochkamen. Es wären also mindestens zwei Tage gewesen, und ich wusste, dass ich nicht so lange leben würde.

Da habe ich dann meine Kamera rausgeholt und angefangen, mit mir selbst über meine Optionen zu reden. Ich mache Fotos von allem, was ich tue. Wenn ich gerade in Afrika arbeite und mich an irgendein Detail erinnern muss, ist das der beste Weg. Ich dachte auch an meine Mutter und meine Freunde und Familie und realisierte, dass einfach nur zu reden nicht annähernd so gut vermitteln würde, was geschah. Also begann ich zu filmen.

[Die Wand] war zu weich und zu steil, um gerade daran hochzuklettern, also musste ich mich rechts halten, während ich mit nur einem Arm kletterte. Ich hatte meine Eisgeräte dabei, also platzierte ich eines davon am Ende meiner Griffreichweite im Eis und zog mich daran heran. Dann griff ich zurück und nahm das Eisgerät hinter mir, bewegte es nach vorn und kletterte so von Vorsprung zu Vorsprung. Ich brauchte zehn bis fünfzehn Minuten, die ich über dem Abgrund kletterte, bevor ich an einen anderen Vorsprung kam. Jedes Mal, wenn ich eine Pause machte, machte ich ein Video. Es gab vier oder fünf größere Vorsprünge auf dem Weg nach draußen. Ich musste über viele Meter weit nach rechts klettern, um es diese etwa 20 m nach oben zu schaffen.

Als ich endlich draußen war, dachte ich, dass ich mich erleichtert fühlen würde. Aber ich habe jedes Bisschen Energie, mein Herz und meine Seele da reingesteckt, an die Oberfläche zu kommen. Ich versuche aufzustehen, aber ich fiel einfach zu Boden. Da verstand ich dann, dass ich nicht gerettet war. Ich musste noch in mein Zelt zurückkriechen. Ich spürte also schon eine Art Euphorie, aber es war eine besorgte Euphorie, weil ich wusste, dass ich noch eine Menge vor mir hatte.

Das Schlimmste war, dass ich eine Feldflasche mit Wasser hatte. Ich hatte seit 24 Stunden nichts getrunken und ziemlich hart gearbeitet. Ich starb vor Durst. Aber es gab keine Möglichkeit, sie mit einer Hand zu öffnen. Ich hab‘s mit meinen Zähnen und meinen Eisäxten versucht, mit allem. Aber ich musste einfach die ganze Nacht zuhören, wie das Wasser in meiner Flasche schwappte, während ich wahnsinnigen Durst hatte.

Als junger Mann waren Sie erst mal ein Wissenschaftler und verbrachten nur ihre Freizeit mit Bergsteigen. Diese beiden Teile ihres Lebens kamen dann beim American Climber Science Program zusammen. Erzählen Sie uns etwas über die Entstehung des Programms und seine Ziele.

Bevor ich das Programm ins Leben gerufen habe, war ich gerade in Nepal mit einem Fulbright-Austausch. Ich brachte nepalesischen Doktoranden bei, wie sie in den Bergen Daten sammeln konnten. Ich realisierte, dass es da eine große Lücke gab. In den Bergen warteten eine Menge wissenschaftlicher Fragen, aber sie sind ein gefährlicher Ort und für Menschen schwer zu erreichen. Es gab also eine Menge Daten, die niemand sammelte.

Ich war ein Bergsteiger, der viele tolle Bergsteiger kannte und mit dem American Alpine Club zusammenarbeitete, dessen Schwerpunkt auf Umweltschutzmaßnahmen liegt. Ich begriff, dass das Zusammenführen dieser beiden Gruppen ein sicheres Reisen für hehre wissenschaftliche Ziele ermöglichen würde. Es gibt nicht allzu viele Menschen, die sich die Zeit genommen haben, um sowohl wirklich gute Bergsteiger als auch wirklich gute Wissenschaftler zu werden. Die meisten Wissenschaftler oder Bergsteiger konzentrieren sich auf diese eine Leidenschaft. Ich bin irgendwie einzigartig in der Hinsicht, dass ich beides in vollem Umfang betreibe.

Das Ziel des Programms ist es, größeren Nutzen aus Kletterexpeditionen zu ziehen. Im Normalfall ist es so, dass ein Wissenschaftler in die Berge geht, und der ist dann vielleicht ein Glaziologe und sammelt Daten über Gletscher. Ich fand nicht, dass das sehr effektiv war. Ich wollte, dass ein Glaziologe mit einem Geologen zusammenarbeitet, mit einem Ökologen: Viele „-ologen“ mit unterschiedlichen Fachkenntnissen, die zusammen daran arbeiten, die Auswirkung des Klimawandels auf diese Systeme zu betrachten.

Sie schreiben: „Berge waren schon immer unsicher. Aber in den letzten Jahren haben die Veränderungen im Klima und Wetter Bergsteigen noch mehr wie eine Partie Roulette erscheinen lassen.“ Erklären Sie uns ein paar dieser Veränderungen, die am Everest und an anderen Bergen vonstattengehen, und wie sich diese auf Bergsteiger auswirken.

Wenn man sich den Klimawandel ansieht, dann ist die Beweislage in den Bergen überwältigend. Sie verändern sich so schnell. Gletscher, die Zehntausende Jahr alt sind, schrumpfen in Richtung Bergspitzen zurück und verschwinden vor unseren Augen. Solche Veränderungen sind beispiellos. Wenn Sie ein Ticket hätten, um die Auswirkungen des Klimawandels irgendwo auf der Erde in ihrem dramatischsten Ausmaß zu sehen, dann wäre das zweifellos auf den Bergketten.

Mehrere berühmte Kletterrouten auf der ganzen Welt existieren nicht mehr, zum Beispiel auf dem Petit Dru in Chamonix in Frankreich, mitunter ist die Route auch als Amerikanische Route bekannt. Im Grunde zerfiel der ganze Fels, auf dem die Leute geklettert sind, vor ein paar Jahren. Ähnlich ist es auch mit der West Ridge des Mount Everest, die zuerst von einem Amerikaner bestiegen wurde. Da kann man nicht mehr klettern, weil das Eis geschmolzen ist. Das passiert auf der ganzen Welt.

Ihre neueste Unternehmung ist ein Forschungsinstitut für die Umwelt der Berge. Erzählen Sie uns von dieser Mission – und ob sie besorgt darüber sind, dass Präsident Trump plant, die Gelder für die Erforschung des Klimawandels zu kürzen.

In Bezug auf unsere Mission müssen wir den nächsten Schritt gehen. Wissenschaftler haben sich Nischen geschaffen. Sie wissen, was sie tun in Hinblick auf ihre Herangehensweise an die Wissenschaft. Wir brauchen aber mehr Leute in den Bergen und Zugang zu Daten, jetzt und in Zukunft. Das Mountain Environment Research Institute soll die nächste Generation trainieren. Wir konzentrieren uns auf drei Dinge: Wissenschaft, Gesellschaften und Fertigkeiten. Wie sieht die physikalische Wissenschaft des Gletscherschwunds aus und wer sind die Gesellschaften in diesen Bergen, die dadurch beeinflusst werden? Was können sie uns darüber erzählen, wie wir uns besser anpassen können? Der letzte Teil sind Fertigkeiten und Kompetenzen, also ein Bewusstsein für Lawinen und Wildnismedizin. All die Dinge, die die Leute brauchen, wenn sie in die Wildnis gehen und dort überleben müssen.

Und was Präsident Trump angeht, so ändert sich die Politik mit dem Wind. Trump wird nicht ewig hier sein. Aber den Planeten, auf dem wir leben, grundlegend zu verändern, das ist von Dauer. Und ich habe das Gefühl, dass es über das ganze politische Spektrum hinweg ein überwältigendes Bedürfnis gibt, zu verstehen, was passiert. Also ja, kurzfristig gesehen wird die Finanzierung schwierig. Aber langfristig ist das der einzige Planet, den wir haben, und wir verändern ihn in einem atemberaubenden Tempo. So ziemlich jeder erkennt das. Er gehört also einer Minderheit an.

Manche Menschen betrachten den Vorschlag, sich an den Klimawandel anzupassen statt ihn zu verhindern, als eine Art des Aufgebens. Ich stimme dem nicht zu. Sie etwa?

Wenn wir den Klimawandel vollständig aufhalten wollen, müssten wir komplett aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen. Und das wird in der unmittelbaren Zukunft nicht passieren. Wir brauchen sie zur Feuerbekämpfung, für Krankenwagen, für Energie und für die Nahrungsmittelproduktion. Wir müssen also zweigleisig arbeiten. Das erste Gleis ist politisch, das zweite ist die verringerte Nutzung fossiler Brennstoffe. Was noch wichtiger ist, ist zu erkennen, dass die Welt sich weiter verändern wird und dass wir uns an diese Veränderungen anpassen können. Sich von dem Problem abzuwenden, wird in einer Gletscherspalte nicht funktionieren, und es wird auch für unsere Zukunft nicht funktionieren. Wir müssen einen Weg finden, wie wir überleben und in unserer Umwelt gedeihen können.

Eine der wichtigsten Dinge, die ich tue, ist zu schauen, was sowohl in physischer Hinsicht geschieht als auch, wie sich die Gesellschaften anpassen. Ich gucke, wie die Menschen in Mittelamerika mit regelmäßigen Hurrikans umgehen, weil auch die Menschen in Florida bald mit regelmäßigeren Hurrikans umgehen müssen. Oder wie die Menschen in Afrika mit Dürre umgehen, weil auch die Menschen in Texas mit Dürre umgehen werden müssen. Es gibt Analogien und Parallelen für all die Veränderungen, die in der Welt geschehen.

Sie werden manchmal darum gebeten, Motivationsvorträge zu halten. Würden Sie ein paar der Lektionen, die Sie auf ihren Expeditionen gelernt haben, mit unseren Lesern teilen?

In meinem Buch rede ich über Tom Sawyer. Ich fühle mich wie er, als er auf seine eigene Beerdigung kam. Man sieht, wie das eigene Leben aussehen würde, wenn man nicht länger ein Teil davon ist. Und das verändert die Art, wie man Dinge betrachtet und wertschätzt. Ein neues Auto oder ein Haus scheinen weniger wichtig als die Menschen, die man liebt, und die eigenen Träume. Aber seine Träume zu leben ist schwer. Ich sage nicht, dass man seinen Job schmeißen und sein ganzes Geld weggeben soll. Aber man sollte darüber nachdenken, was einem auf lange Sicht etwas bedeutet, mit einem Fokus auf Familie und Freunde, weil es das ist, was wirklich zählt, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist. Man denkt an seine Lieben und an Freundschaften und an die Träume, denen man nicht nachgegangen ist. Sich jeden Tag bei jedem zu bedanken ist wirklich wichtig.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit bearbeitet.

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