Geschichte und Kultur

3.700 Jahre alte, reich geschmückte Häuptlingsfamilie dank Hightech wiederbelebt

Museen in Kanada enthüllten Hightech-Gesichtsrekonstruktionen, die sehr alten Knochen neues Leben eingehaucht haben. Freitag, 3 November

Von Heather Pringle

2010 machten Archäologen in einer abgeschiedenen Ausgrabungsstätte an der Salish Sea in British Columbia eine einmalige Entdeckung. Als sie in einem alten Muschelhaufen gruben, offenbarte sich den Forschern von der Universität von Toronto und der örtlichen Shíshálh Nation ein erstaunlicher Fund: Sie legten das Grab eines alten Häuptlings frei, der vor fast 3.700 Jahren in einem zeremoniellen Perlengewand begraben wurde, das mehr als 30 Kilogramm wiegt. Ganz in der Nähe wurden auch mehrere Mitglieder seiner wohlhabenden Familie bestattet.

„Es handelt sich um einige der aufwendigsten Bestattungen in Nordamerika vor dem Kontakt mit Europäern“, merkt Terence Clark an. Der Archäologe von der Universität von Saskatchewan leitete das Projekt.

Am 1. Juli – zum 150. Jahrestag der Kanadischen Konföderation –, boten zwei kanadische Museen der Öffentlichkeit einen ersten Einblick in diese uralte Familie. Sowohl das Kanadische Museum für Geschichte in Quebec als auch das Tems Swiya Museum in British Columbia enthüllten die digitalen Gesichtsrekonstruktionen des eingeborenen Anführers und seiner Verwandtschaft.

Die Rekonstruktionen wurden von Anthropologen und CGI-Experten in Konsultation mit Ältesten der Shíshálh entworfen. Sie sind animiert und wirken gespenstisch echt. „Wenn mein Volk herkommt und sie sich ansieht, dann sagen manche: ‚Das sieht wie mein Onkel aus und das sieht aus wie seine Frau‘“, sagt Keith Julius. Er ist ein Ratsmitglied der Shíshálh Nation in Sechelt, British Columbia.

Die Gräber wurden entdeckt, nachdem Shíshálh-Forscher bemerkten, dass Muscheln und diverse Artefakte an einem Strand auf ihrem Land ausgewaschen wurden. Die Stelle befand sich nordwestlich von Vancouver. Ein späterer Besuch förderte mehrere Steinperlen zu tage, also baten sie Archäologen darum, sich das genauer anzusehen. In einem rundlichen Grab, das von rotem Ocker durchzogen war, entdeckten Archäologen die Überreste eines Mannes von etwa 50 Jahren. Er lag eingerollt auf der Seite mit dem Gesicht in Richtung eines Meeresarms. Sein Körper war vollständig von parallel verlaufenden Reihen aus 350.000 kleinen Steinperlen bedeckt – eine Menge, die eine moderne Badewanne füllen könnte.

So viele Perlen per Hand herzustellen, hätte enorm viel Zeit in Anspruch genommen, sagt Clark. Die Perlen wurden aus kleinen Schiefer- oder Schlammsteinstücken gefertigt. Jedes Stück musste dafür zu einer Scheibe gemahlen werden, die halb so groß wie eine Aspirin-Tablette war. Im Anschluss wurde ein Loch hineingebohrt. Der Archäologe Brian Thom von der Universität von Victoria versuchte vor einigen Jahren, diesen Prozess mit einem Stück Schiefer und traditionellen Steinwerkzeugen nachzustellen. Er brauchte im Schnitt 13 Minuten für eine einzige Steinperle. Ein erfahrener Perlenmacher hätte den Vorgang erheblich beschleunigen können und seine Produktionsrate verdoppelt, so Clark. Aber selbst in diesem Szenario hätte man über 35.000 Stunden an Arbeit benötigt, um das zeremonielle Perlengewand des Häuptlings herzustellen.

In einer Gesellschaft ohne Geld, in der Arbeitsstunden mit Wert gleichzusetzen sind, repräsentieren die Perlen „eine fantastische Vermögenskonzentration“, sagt Alan McMillan. Der Archäologe von der Simon Fraser Universität in Burnaby war kein Teil des Ausgrabungsteams.

Als Clark und seine Kollegen den Grabungsradius ausweiteten, entdeckten sie noch mehr Begräbnisse aus derselben Zeit – und noch mehr alte Reichtümer. Nur ein paar hundert Meter vom Häuptling entfernt legte das Team die Überreste einer Frau frei, die im Alter von 19 bis 23 Jahren verstorben ist. Trauernde hatten ihr eine schimmernde Muschelkette angelegt und ihren Torso mit 5.700 Perlen verziert. Zusätzlich fanden die Archäologen etwa 3.200 winzige Muschelperlen – die meisten davon waren nur zweieinhalb mal größer als ein Sandkorn und deutlich schwieriger herzustellen als Steinperlen – in dem Sediment um ihren Schädel herum. „Wir haben sie Perlenexperten auf der ganzen Welt gezeigt und die hatten keine Ahnung, wie sie hergestellt wurden“, sagt Clark.

Die winzigen Perlen könnten zur Zierde in das Haar der jungen Frau geflochten worden sein. „Sie wären strahlend weiß gewesen mit einem kleinen Schimmer, und ich denke, in schwarzem Haar hätten sie richtig schön ausgesehen“, sagt Clark.

In der Nähe der jungen Frau entdeckte das Team noch zwei weitere Gräber. In einem davon befanden sich die Überreste von zwei jungen Männern, die zusammen begraben wurden. Dort fanden sich außerdem weitere 2.200 Stein- und Muschelperlen. Eine Untersuchung der Überreste durch den Anthropologen Jerome Cybulski des Kanadischen Museums für Geschichte offenbarte, dass es sich bei den Männern um Zwillinge gehandelt haben könnte.

„Sie hatten identische impaktierte Zähne und identische Suturenmuster“, sagt Clark. Das andere Grab gehörte einem Kind, an dessen Skelett sich umfangreiche Spuren von rotem Ocker fanden. Das Pigment wird heutzutage regelmäßig bei Ritualen an der Nordwestküste Kanadas genutzt.

Wie genau es diese alte Häuptlingsfamilie vor 3.700 Jahren geschafft hat, solchen Reichtum anzuhäufen, bleibt ungeklärt. Die Gesellschaften, die zu jener Zeit an den Ufern der Salish Sea lebten, ernährten sich von Fischen, Hirschen und anderem Wild, sammelten Nahrung in der Umgebung und kultivierten Wurzelpflanzen wie Wapato, die reich an Kohlenhydraten sind. Sie hatten noch keine Sklaven und lebten auch noch nicht in großen Mehrfamilien-Langhäusern, die charakteristisch für diese geschichtliche Periode sind. Solche Lebensumstände hätten zur Anhäufung von Reichtum führen können.

Clark glaubt, dass die Häuptlingsfamilie Wissen besaß, das für andere von großem Wert war. Daher wurden der Familie zu Festen Geschenke gemacht. „Diese Familie ist so wohlhabend, weil sie spezielles rituelles oder spirituelles Wissen hatte“, sagt Clark.

Andrew Martindale ist ein Archäologe von der Universität von British Columbia und kein Teil des Teams. Er denkt, dass die Entdeckung so einer außergewöhnlichen Gruppe zu so früher Zeit zeigt, „dass die Geschichte nicht so geradlinig ist, wie wir vielleicht annehmen.“ Er lobt die Art und Weise, auf die das Forscherteam und die Shíshálh-Ältesten zusammengearbeitet haben, um die Gesichter dieser uralten Häuptlingsfamilie zu rekonstruieren.

„Es scheint ein sehr kollaboratives und von gegenseitigem Respekt geprägtes Projekt zu sein, das zeigen soll, wer diese Menschen sind“, sagt er. „Und ich denke, das ist sehr wichtig.“