Geschichte und Kultur

8.000 Jahre alte, gepfählte Schädel geben Forschern Rätsel auf

Für Archäologen ist der mittelsteinzeitliche Fund aus Skandinavien eine beispiellose Entdeckung. Dementsprechend schwer fällt eine Erklärung.Freitag, 16. Februar 2018

Von Elaina Zachos
Dieser gepfählte mesolithische Schädel wurde am Grunde eines flachen Sees in der schwedischen Ausgrabungsstätte Kanaljorden gefunden. In der Studie datierten die Forscher die umliegenden Sedimente auf ein Alter von "8.000 - 7.500" Jahren.

2009 sollte eine neue Zugstrecke gebaut werden, die über den Fluss Motala ström im Süden Schwedens führen sollte. Dann aber fanden Archäologen dort Artefakte, die Tausende von Jahren alt waren. Im Laufe der folgenden Jahre holte man Tierknochen, Werkzeuge aus Geweih, hölzerne Pfähle und Teile menschlicher Schädel aus dem Kalksediment des Sumpfgebietes.

Die menschlichen Überreste gehörten steinzeitlichen Jägern und Sammlern, die vor etwa 8.000 Jahren lebten. Die Gesellschaften jener Zeit galten eigentlich als respektvoll im Umgang mit ihren Toten, auf deren körperliche Unversehrtheit sie Wert legten – bis jetzt. 

2011 leitete Fredrik Hallgren von der Cultural Heritage Foundation ein archäologisches Projekt an der Ausgrabungsstätte Kanaljorden in der Nähe des Motala ström. Als das Team mit der Ausgrabung an der Stätte begann, entdeckte es den ersten bekannten Fall von menschlichen Köpfen aus der Mittelsteinzeit, die auf Pfählen aufgespießt waren. 

„Wir hatten gehofft, dass wir Tierknochen finden würden – aber keinen derart ergiebigen Komplex“, sagt Hallgren. „Das ist wirklich bemerkenswert.“

Die Ergebnisse wurden Anfang Februar im Fachmagazin „Antiquity“ veröffentlicht.

KOPF HOCH

In Kanaljorden wurden die 8.000 Jahre alten Schädel von neun Erwachsenen und einem Kind gefunden, die bewusst auf eine Schicht mit dicht nebeneinander platzierten Steinen gelegt worden waren. Den Schädeln fehlte der Kiefer, in zweien steckten noch gut erhaltene, hölzerne Pfähle. Die Pfähle steckten in der großen ovalen Öffnung am unteren Ende der Schädel, was darauf schließen lässt, dass sie sich bereits in dieser Position befanden, bevor die Schädel im See abgelegt wurden. In einem Fall ragte ein Pfahl sogar noch aus der Hirnschale heraus.

Um die Schädel herum waren Tierknochen arrangiert, die nach Tierart sortiert waren.

„Sie scheinen einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren zu machen, aber auch zwischen Tieren verschiedener Kategorien“, sagt Hallgren.

Zwei der menschlichen Schädel sind weiblich, vier sind männlich und zwei gehörten Menschen im Alter von 20 bis 35 Jahren. Die Forscher fanden außerdem ein fast vollständig erhaltenes Kinderskelett, dessen winzige Knochen vermuten lassen, dass das Baby totgeboren wurde oder kurz nach der Geburt starb.

Die Schädel der Opfer wiesen offensichtliche Verletzungen auf. An der Oberseite gibt es Spuren stumpfer Gewalteinwirkung, während andere Verletzungen Anzeichen eines Heilungsprozesses erkennen lassen. Die weiblichen Schädel weisen Verletzungen am Hinterkopf und an den Seiten auf, während die Männer je einen einzigen Schlag auf die Schädeloberseite und ins Gesicht erhalten haben.

„Das sind keine Leute, denen man den Schädel eingeschlagen und sie dann kurz darauf zur Schau gestellt hat“, sagt Hallgren. „Mehr als die Hälfte von ihnen hatte ein verheiltes Schädeltrauma.“

Die Forscher wissen noch nicht, mit was für Waffen der Schaden verursacht wurde. Es könnte sein, dass die Verletzungen nicht direkt mit der Todesursache zusammenhängen. Derzeit werden noch DNA-Analysen durchgeführt, aber man hat schon entdeckt, dass zwei der Männer verwandt sind.

„Wahrscheinlich sind sie keine Brüder, aber sie könnten Cousins oder noch entfernter verwandt sein“, so Hallgren.

Wir wissen, dass das Team 400 Bruchstücke von hölzernen Pfählen entdeckt hat, auf denen einst Objekte prangten, die längst abgefallen sind. Wir wissen aber nicht, welche Gründe es für diese Anordnung gab.

ZUR SCHAU GESTELLT

Das Team hat ein paar Ideen, warum man die Schädel vielleicht aufgespießt hat. Es sieht so aus, als wären sie ganz bewusst zur Schau gestellt worden. Vermutlich waren die Schädel davor sogar an einem anderen Ort begraben. Die Grabstätte Kanaljorden ist klein und es mangelt an vergleichbaren Fundstellen.

„Es gibt keine [Stätten mit] engen Parallelen“, so Hallgren. „Wir arbeiten daran, diese Stätte im lokalen und regionalen archäologischen Kontext zu platzieren.“

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Andere Grabungen haben gezeigt, dass mesolithische Jäger und Sammler ihre Toten oft respektierten. Erst aus späteren Zeiten sind Gruppen bekannt, die ihre Feinde enthaupteten. 

„Wir haben keinen direkten Hinweis auf eine Enthauptung gefunden“, schreib die Co-Autorin Sara Gummesson von der Universität Stockholm in einer E-Mail an National Geographic. „Es ist wahrscheinlicher, dass die Schädel während der Verwesung vom Körper abfielen.“

Die stumpfe Gewalteinwirkung an den Schädeln könnte durch gewaltsame Auseinandersetzungen, Entführungen oder andere Ursachen zustande gekommen sein. Es ist auch möglich – wenngleich unwahrscheinlich –, dass sich die Individuen bei einem Unfall verletzt haben.

Da die weiblichen und männlichen Schädel unterschiedliche Traumata aufwiesen, hatten die Verursacher bei ihrem Angriff vielleicht auch bewusst einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Auch Gewalt zwischen Partnern, Überfälle und Krieg gelten als mögliche Ursachen, eventuell auch uns unbekannte kulturelle Riten und Praktiken. Die Zurschaustellung der Schädel könnte auch Teil einer Begräbniszeremonie gewesen sein, der die verstorbenen Mitglieder der Gemeinschaft ehren sollte. Hallgren zufolge könnten die Schädel auch als Trophäen gedient haben, allerdings hält er das für unwahrscheinlich.

Es ist noch weitere Forschung nötig, um die Geheimnisse dieser Grabstätte zu entschlüsseln. Die Forscher haben ihre Grabungsarbeiten auf andere Sumpfgebiete in der Nähe ausgeweitet, um zu überprüfen, ob dort ähnliche Funde warten.

„Es gibt bei diesen Funden viele Aspekte, über die man diskutieren könnte“, schrieb Gummesson, „und ich glaube, dass wir allen neuen Ergebnissen [...] gegenüber aufgeschlossen bleiben müssen.“

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