Geschichte und Kultur

Sensationsfund: Ein Nodosaurier in Stein verewigt

Ein Minenarbeiter in Kanada entdeckte ein bemerkenswert gut erhaltenes Dinosaurierfossil – mit Panzer, Haut und seltsamen Stacheln. Freitag, 23. März 2018

Von Michael Greshko
Bilder Von Robert Clark
Ein atemberaubender Fund: Vor rund 110 Millionen Jahren lebte dieser Nodosaurier im heutigen Westkanada, bis er von einem Fluss ins offene Meer gerissen wurde.
 Da der Dinosaurier am Meeresboden begraben wurde, blieb sein Panzer bis in die kleinsten Details erhalten.

Ohne auch nur im Entferntesten damit zu rechen, was der Tag für ihn bereithalten würde, setzte der Minenarbeiter Shawn Funk am 21. März 2011 wie an jedem Montag seinen Bagger in Bewegung. Funk arbeitete schon seit zwölf Jahren in der Millennium Mine, einem riesigen Tagebau 27 Kilometer nördlich von Fort McMurray in der kanadischen Provinz Alberta, und er hatte aus dem Ölsand der Grube bereits einige Zeugen längst vergangener Zeiten ans Tageslicht befördert: fossiles Holz und hin und wieder einen versteinerten Baumstumpf. Ein Dinosaurier war bislang noch nicht dabei.

Doch was er an diesem Nachmittag gegen 13.30 Uhr in der gewaltigen Baggerschaufel seiner Maschine entdeckte, ließ seinen Atem stocken. Er stieß auf etwas, das viel härter war als das umgebende Gestein. Seltsam gefärbte Klumpen brachen aus der Grubenwand und rutschten zu Boden. Funk rief seinen Vorarbeiter Mike Gratton, und beide betrachteten ratlos die walnussbraunen Steine. Waren es Balken aus versteinertem Holz? Waren es möglicherweise Rippen? Als sie einen der Klumpen umdrehten, zeigte sich ein bizarres Muster: Reihen aus sandbraunen Kreisen, jeder umgeben von metallisch grauem Gestein. „Mike hat sofort gesagt: ‚Das müssen wir prüfen lassen‘“, erzählte Funk kurz nach dem spektakulären Fund. „So etwas hatten wir definitiv noch nie gesehen.“

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Sechs Jahre später besuche ich im windumtosten Ödland von Alberta das Royal Tyrrell Museum in Drumheller, in dem Millionen Jahre alte Überreste aus den Kanadischen Badlands präpariert werden, einer der wichtigsten Fundstellen für Dinosaurierfossilien. Das Museumslabor ist erfüllt vom Summen der Lüftungsanlage und dem geschäftigen Treiben der Präparatoren, die Gestein von Knochen kratzen. Ihre nadelspitzen Werkzeuge sehen aus wie Miniaturpressluftbohrer. Was ich suche, entdecke ich in einer Ecke: einen echten Dinosaurier – oder zumindest die obere Hälfte davon: von der Schnauze bis zu den Hüften 2,75 Meter lang, gut eine Tonne schwer. Ein Knochenpanzer bedeckt Hals und Rücken, graue Kreise umschließen einzelne Schuppen. Der Hals ist anmutig nach links gebogen, als wollte er sich nach einer schmackhaften Pflanze recken. An den buckeligen Panzerplatten des Schädels haften noch fossilierte Hautreste. Die rechte Hand liegt, fünf Finger aufwärts gespreizt, neben dem Körper. Ich kann die Schuppen an der Innenseite zählen. Caleb Brown, ein Paläontologe des Museums, schmunzelt, als er meinen verblüfften Blick sieht. „Wir haben hier nicht nur ein Skelett“, sagt er. „Wir haben einen Dinosaurier, wie er wirklich war.“

Paläontologischer Lottogewinn

Dass der Dinosaurier so erstaunlich gut erhalten blieb, liegt daran, dass er schnell unter Wasser geriet und am Meeresboden begraben wurde. Für die Paläontologen ist das wie ein Lottogewinn, meistens finden sie nur einzelne Knochen und Zähne. Nur in seltenen Fällen wird auch weiches Gewebe konserviert und bleibt das Fossil in der Form erhalten, die der Saurier im Leben hatte.

Das bemerkenswerte Fossil gehört zu der neu entdeckten Art und Gattung Nodosaurus, einer Gruppe der Ankylosaurier. Im Gegensatz zu den eigentlichen Ankylosauriern trugen die Nodosaurier keine knöcherne Schwanzkeule, aber auch sie schreckten natürliche Feinde mit einem Stachelpanzer ab. Die Tiere stapften vor 110 bis 112 Millionen Jahren durch die Landschaft. Mit 5,5 Meter Länge und einem Gewicht von 1300 Kilo waren sie die Nashörner ihrer Zeit – griesgrämige Pflanzenfresser, die vermutlich meist unter sich blieben. Vor furchterregenden Raubsauriern wie dem Acrocanthosaurus mussten sich die Panzerträger nicht fürchten. Sie brauchten nur ihre beiden 50 Zentimeter langen Schulterstacheln zu präsentieren, die aussahen wie die nach unten verrutschten Hörner eines Stiers.

Der Westen Kanadas, in dem dieser Dinosaurier lebte, sah ganz anders aus als die eiskalten, windumtosten Ebenen, die ich bei meinem Besuch erlebe. In den Zeiten der Nodosaurier ähnelte die Region dem Süden Floridas: Warme, feuchte Winde strichen durch Nadelwälder und über Farnwiesen. In der frühen Kreidezeit schuf das steigende Wasser einen Meeresarm, der große Teile des heutigen Alberta bedeckte.

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Das Ende des Nodosauriers

Eines unglücklichen Tages endete das schwergewichtige Landtier tot in einem Fluss, vielleicht wurde es von einem Hochwasser mitgerissen. Der Kadaver trieb flussabwärts. Schließlich, so vermuten Wissenschaftler, wurde der Saurier ins Meer gespült. Der Wind trieb den Körper nach Osten, und nachdem der von Gasen aufgeblähte Bauch geplatzt war, sank das Tier mit dem gepanzerten Rücken voran auf den Meeresboden. Dabei muss der tote Nodosaurier dünnflüssigen Schlamm aufgewirbelt haben. Salze und andere gelöste Meeresmineralien drangen in Haut und Panzer ein, umhüllten seinen Rücken und verfestigten sich rasch. Dieser steinerne Sarg sorgte dafür, dass das Tier auch dann noch seine Form behielt, als sich im Laufe der Erdzeitalter das Gestein über ihm auftürmte.

Wäre das Tier auf dem urzeitlichen Meer nur wenige Hundert Meter weiter hinausgetrieben, wäre es jenseits der Grenze des Tagebaus zum Fossil geworden und im Fels eingeschlossen geblieben. So aber stieß Shawn Funk auf den ältesten Dinosaurier, der jemals in Alberta gefunden wurde. Es war eine aufregende Entdeckung, nicht nur die Museumsmitarbeiter taten sich schwer, den Fund in Worte zu fassen. Lange dachten sie über eine wissenschaftliche Beschreibung für den Nodosaurier nach. Auch auf einen umgangssprachlichen Namen einigten sie sich nicht. „Mrs. Prickley“, eine Anspielung auf einen verschrobenen Charakter in einer kanadischen Sketch-Comedy-Show, setzte sich nicht durch. Inzwischen wurde das Exemplar aus der Millennium Mine Borealopelta markmitchelli getauft – nach dem Museumsmitarbeiter Mark Mitchell, der mehr als 7000 Stunden damit verbracht hatte, den Koloss aus Stein freizulegen.

Das Fossil des Nodosauriers in allen Details gibt es als 3D-Modell hier.

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht im aktuellen Special 3/2019 des National Geographic-Magazins zum Thema Dinosaurier.

 

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