Wissenschaft

Antarktis-Fund: Das schwerste Plesiosaurier-Fossil der Welt

Jahrelang schufteten Forscher im rauen Klima der Antarktis, bis das gewaltige Fossil ausgegraben war. Der Koloss verrät viel über das lebendige Ökosystem der späten Kreide.Mittwoch, 12. Juni 2019

Von Joshua Rapp Learn
Eine Illustration zeigt den Elasmosaurier in der rauen Brandung. Ein Fossil der Art, das in der Antarktis gefunden wurde, ist das bislang schwerste bekannte Exemplar aus dieser Gruppe prähistorischer Meeresreptilien.

Jahrzehntelang kämpften Wissenschaftler auf einer kleinen, abgelegenen Insel vor der Küste der Antarktischen Halbinsel gegen das raue Klima an. Nun endlich haben sie den schwersten bekannten Elasmosaurier der Welt freigelegt, ein urzeitliches Meeresreptil, das in der späten Kreide durch die Meere schwamm. Das Tier hätte zu Lebzeiten bis zu 15 Tonnen gewogen und ist eines der vollständigsten Reptilfossilien, die je in der Antarktis gefunden wurden.

Elasmosaurier sind eine Familie der Plesiosaurier, zu denen einige der gewaltigsten Meerestiere der Kreide gehörten. In ihrem Aussehen erinnern Plesiosaurier ein wenig an riesige Seekühe mit einem Giraffenhals und einem schlangenartigen Kopf, haben im Gegensatz zu Seekühen allerdings vier Flossen.

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Das Team vermutet, dass das neu beschriebene Schwergewicht zur Gattung Aristonectes gehört – eine Gruppe, deren Mitglieder unter den Elasmosauriern als Ausreißer gelten, da sie so anders aussehen als die Fossilien aus den USA. Die Gattung, die bisher nur aus der südlichen Hemisphäre bekannt ist, zeichnet sich durch kürzere Hälse und größere Schädel aus.

„Das war jahrelang ein Mysterium [...] Wir wussten nicht, ob das Elasmosaurier sind oder nicht“, erzählt José O’Gorman, ein Paläontologe des Nationalen Rats für wissenschaftliche und technologische Forschung (CONICET) in Argentinien, der allerdings am Museum von La Plata bei Buenos Aires arbeitet. „Sie waren irgendeine Art Plesiosaurier, die niemand kannte.“

Die Forscher benötigten ein besser erhaltenes Exemplar, und wie es der Zufall wollte, hatte William Zinsmeister von der Purdue University 1989 während einer Expedition einen potenziellen Kandidaten auf Seymour Island entdeckt. Die Insel liegt ein kleines Stück südlich der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel. Damals hatte er allerdings nicht die Mittel, um das Fossil auszugraben, und informierte daher Forscher in Argentinien über seine Entdeckung.

Ausgrabung im Schneckentempo

Das Argentina Antarctic Institute begann damit, das Fossil im Rahmen seiner jährlichen Sommerexpeditionen auszugraben. Allerdings ging die Arbeit an dem gewaltigen Reptil im Schneckentempo voran, da Wetter und Logistik das Unterfangen einschränkten.

O’Gorman, der zum Zeitpunkt der Fossilentdeckung erst fünf Jahre alt war, nahm 2012 am ersten Ausflug dieser Art teil. Die Arbeit war nur für ein paar Wochen im Januar und Anfang Februar möglich. In manchen Jahren konnte gar nicht gegraben werden, da das Wetter zu schlecht oder die Mittel zu knapp waren. An Grabungstagen musste das Team warten, bis die Sonne aufgegangen war und den Boden etwas angetaut hatte, bevor es mit der Grabung beginnen konnte. Jedes Stück, das dem Boden in mühevoller Arbeit abgerungen wurde, musste dann per Hubschrauber zu argentinischen Marambio-Basis in ein paar Kilometern Entfernung geflogen werden.

 „Das Wetter ist eines der Probleme. Das Wetter kontrolliert alles. An einem Tag kann man vielleicht arbeiten und am nächsten dann schon nicht mehr, weil ein Schneesturm tobt“, sagt O’Gorman.

„Da ist im Vorfeld etwas mehr an Mühe und Planung nötig, und es stolpert ja auch nicht jeder einfach über so ein Fossil“, stimmt Anne Schulp zu. Der Wirbeltierpaläontologe der Universität Utrecht und des Naturalis Biodiversity Center war an der Forschung nicht beteiligt.

Ein Gigant unter Riesen

Im Jahr 2017 wurden die Grabungsarbeiten endlich abgeschlossen. Das Team hatte einen beträchtlichen Teil des Skeletts zutage gefördert, welches O’Gorman und seine Kollegen in ihrer Abhandlung beschrieben, die in „Cretaceous Research“ erschien.

„Wir haben zwar keinen Schädel, aber wir haben eine Menge Bestandteile des Exemplars“, so O’Gorman.

Ihren Schätzungen zufolge wog der bislang unbenannte Elasmosaurier zwischen 11,8 und 14,8 Tonnen und maß von Kopf bis Schwanz um die 12 Meter. Auch wenn einige zuvor entdeckte Mitglieder der Gattung Aristonectes es auf etwa 11 Tonnen gebracht haben, wogen die meisten Elasmosaurier nur um die 5 Tonnen.

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„Das ist ein ziemlich großer Kerl!“, sagte Schulp mit einem Blick auf Fotos der Knochen.

Er findet die Arbeit des Teams gut gelungen und ist froh, dass sich die Forscher nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen haben lassen. O’Gorman zögert sogar, die Art eindeutig bei den Aristonectes einzuordnen, da künftige Belege sie auch in eine völlig neue Gattung schieben könnten.

Der letzte Ruf der Kreidezeit

Schulp hat bereits an einigen Plesiosauriern aus den Niederlanden gearbeitet, betont aber, dass sich diese Meeresreptilien sehr von denen der Südhalbkugel unterscheiden. Das neue Exemplar ist auch deshalb so spannend, weil es aus der Endphase der Kreide stammt – nur etwa 30.000 Jahre vor dem Massenaussterben, das vor 66 Millionen Jahren die nicht flugfähigen Dinosaurier auslöschte.

(Hätten die Dinosaurier ohne den Asteroiden überlebt)

Um so ein gewaltiges Reptil zu ernähren, muss es im Meer eine große Vielfalt an Lebewesen gegeben haben. Der Fund des Elasmosauriers gegen Ende der Kreide stützt also die Theorie, dass es den Meeresökosystemen bis zum plötzlichen Massensterben gut ging.

„Selbst in der Antarktis gab es eine Menge glücklicher Elasmosaurier“, so Schulp. Die unterschiedliche Morphologie innerhalb der Art zeigt auch, dass selbst in dieser späten Existenzphase der Plesiosaurier noch eine Spezialisierung stattfand. „Das ist definitiv ein Indikator dafür, dass die Plesiosaurier ihren Speiseplan gegen Ende der Kreide noch anpassen konnten.“

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Auch wenn die genaue Ernährungsweise der Tiere ohne versteinerten Mageninhalt oder andere Belege nicht rekonstruiert werden kann, vermutet O’Gorman, dass sie sich aufgrund ihrer kleinen Zähne wohl von Krebstieren und kleinen Fischen ernährt haben. Die Arbeit an den Knochen hat zudem erst begonnen. Nun, da sie sich in einem Museum befinden, kann O’Gorman zufolge noch weitere Forschung an dem alten Exemplar betrieben werden.

Schulp ergänzt, dass diese Arbeit auch unser Wissen über Plesiosaurier mehrt, und freut sich darüber, dass argentinische Forscher auch in Zukunft nach weiteren Fossilien suchen werden.

„Die Südhalbkugel verdient – zumindest, was Plesiosaurier betrifft – definitiv ein bisschen mehr Aufmerksamkeit“, sagt er.

O’Gorman für seinen Teil ist von der ganzen Erfahrung ziemlich begeistert: „Es war ganz schön kalt und auch ganz schön cool. Es war ein richtiges Abenteuer.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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