Geschichte und Kultur

Wer waren die mächtigsten Frauen des Altertums?

Drei Professorinnen stellen uns herausragende Frauen vor, die aufgrund ihrer Bedeutung in Kriegen, Politik und Religion in die Geschichte eingingen. Mittwoch, 7. März 2018

Von Rachel Brown

Heutzutage ist es zum Glück nicht schwer, inspirierende Frauen zu finden, deren Leistungen und Einsatz uns begeistern und motivieren. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es solche Frauen auch schon im Altertum gab, als das noch alles andere als selbstverständlich war.

Obwohl die historischen Aufzeichnungen, die wir haben, nicht unbedingt ein realistisches Bild der fernen Vergangenheit vermitteln – in einer von Männern dominierten Welt, in der Männer Geschichten über Männer schrieben, wurden Frauen nicht selten in einem schlechten Licht dargestellt –, sind sie voller mächtiger Frauen.

Wir haben drei Geschichtswissenschaftlerinnen dazu befragt, wie Frauen im Altertum zu Macht und Einfluss kamen und wie sie beides nutzten.

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WEICHE ZÜGEL

„Macht wird zu oft fälschlicherweise nur der Politik und dem öffentlichen Raum zugeordnet“, sagt Aneilya Barnes, eine Professorin für Altphilologie an der Coastal Carolina Universität.

„Weil dieser Raum so sehr von Männern dominiert wird, wird Macht mit Männern gleichgesetzt. Ich würde das ausweiten und sagen, dass Macht auch Einfluss ist.“

Kleopatra (69 v. Chr – 30 v. Chr.) hat dank diverser antiker Werke und deutlich weniger antiker Hollywood-Verfilmungen einen Ruf als große Verführerin erworben. Als letzte Herrscherin der Ptolemäer, die Ägypten fast 300 Jahre lang regiert hatten, sicherte Kleopatra ihre Position – und die Unabhängigkeit ihres Reiches – durch ihren Einfluss auf Julius Cäsar und Marcus Antonius, zwei der damals mächtigsten Männer des Westens.

Barnes zufolge wird Kleopatras Status zu Unrecht nur auf ihre Sexualität zurückgeführt. Sie findet den Gedanken „absurd“ und verweist darauf, dass Cäsar gewissermaßen uneingeschränkten Zugang zu Frauen hatte. Barnes glaubt, dass der Kaiser sich inmitten eines Beinahe-Bürgerkrieges nicht deshalb mit Kleopatra gegen ihren Bruder und Ehemann verbündete, weil sie sexy war, sondern „weil er wusste, dass sie die Macht hatte, sich den Thron zu nehmen und ihn zu halten.“

Ob nun ihre Intelligenz oder ihr Sexappeal (oder beides) die Quelle ihres Einflusses waren – es ist unbestreitbar, dass er groß war. Ihre Strategie, durch Einfluss Macht auszuüben, sorgte dafür, dass Ägypten während unruhiger Zeiten nicht zerbrach und sogar unabhängig blieb – eine Leistung, die ihr einen Jahrtausende überdauernden Ruf einbrachte.

KRIEGERKÖNIGIN

Yurie Hong, eine Professorin für Altphilologie, Gender und weibliche Sexualstudien am Gustavus Adolphus College in Minnesota, verfolgt einen anderen Ansatz.

„Macht ist Kontrolle und Autorität“, sagt sie. „Einfluss ist eine Form von Macht, aber es ist nicht das Gleiche wie direkte Kontrolle und Autorität über andere.“

Hong führt als Beispiel für direkte Macht die Dynastin Artemisia I. von Halikarnassos aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. an. Die geachtete Truppenführerin in den Seeschlachten von Artemision und Salamis schlug sich im Kampf gegen die Griechen auf die Seite der Perser. Allerdings hinterging sie ihre persischen Alliierten während der Schlacht von Salamis, als ihre Niederlage kurz bevorstand. Dennoch wurde sie nach wie vor von den Griechen und den Persern bewundert, insbesondere vom persischen König Xerxes, der ihre Klugheit rühmte und dem Geschichtsschreiber Herodot zufolge auf ihren Rat hörte.

Neben Artemisia verweist Hong auch auf andere kriegerische Königinnen wie die britannische Königin und Heerführerin Boudicca, die etwa im Jahr 60 v. Chr. gegen die römische Besetzung Britanniens rebellierte. Auch Tomyris führt sie als Beispiel an. Die Königin des asiatischen Nomadenstamms der Massageten soll 530 v. Chr. den Perserkönig Kyros II. besiegt haben

„Die mag ich am liebsten“, sagt Hong über Tomyris.

DAS BESTE AUS BEIDEN WELTEN

„Was wir unter Macht verstehen, ist nicht immer das, was Macht für andere Menschen in anderen Zeiten bedeutet hat“, warnt Amy Gansell, eine Professorin für Kunstgeschichte an der St. Johns Universität in New York.

In den alten mesopotamischen Stadtstaaten Sumers gab es zum Beispiel Herrscher, die man mit Königinnen und Königen vergleichen könnte. Die Macht lag aber nicht ausschließlich in ihren Händen, sondern verteilte sich sowohl in direkter als auch indirekter Weise auf eine komplexere Herrschaftsstruktur.

„Die Beziehung zwischen Tempel und Palast konnte sich teils überschneiden, sodass politische Akteure und Mitglieder der Königsfamilie einen hohen Status im religiösen Kult innehatten“, erklärt Gansell.

Ein Beispiel dafür war En-ḫedu-anna (2285 – 2250 v. Chr.), eine Prinzessin, die zur Hohepriesterin von Ur wurde, einer der mächtigsten Städte Sumers. Mit ihren Gedichten und Hymnen wurde sie zur ersten bekannten Schriftstellerpersönlichkeit, die ihren Namen in ihre Werke einbrachte, und festigte so ihren Einfluss als religiöse und literarische Persönlichkeit. Sie hatte sogar politischen Einfluss, da ihre Werke darauf abzielten, die diversen sumerischen Stadtstaaten zu vereinen.

„Sie verdeutlicht die Tatsache, dass Frauen schon sehr früh auch Rollen außerhalb des Hauses innehatten“, sagt Gansell. Als respektierte und sehr öffentliche Person war En-ḫedu-anna „sehr mächtig, und nicht nur im politischen Raum: Rituale stützen die Politik und umgekehrt.“

EIN PLATZ AM TISCH

So viel wir von diesen Frauen der Antike auch lernen können, sind sie kaum der Anfang der Geschichte.

„Ein Problem daran, mächtige Frauen der Geschichte zu betrachten,“ erklärt Barnes, „ist, dass wir die Bedeutung gewöhnlicher Frauen und ihre tagtäglichen Rollen in ihrer Gemeinschaft und Familie übersehen.“

Hong merkt an, dass einzelne Frauen zwar Ansehen erlangen können, das aber nicht immer bedeutet, dass Frauen insgesamt mehr Unabhängigkeit und Ansehen genossen. „Man kann innerhalb der Struktur ein bisschen Macht erlangen und sich entschließen, diese Struktur auszunutzen, aufrechtzuerhalten oder zu hinterfragen“, sagt sie. „Aber wenn man den Status Quo anficht, verliert man Macht.

„Wir müssen unsere Denkweise ändern, um das zu verstehen“, fügt Gansell hinzu. „Sobald Dinge anfangen, Sinn zu ergeben, müssen wir weiter nachforschen.“

Schlussendlich können wir jene Stimmen, die in der Geschichte traditionell nicht zu Wort kamen, nur ans Tageslicht bringen, wenn wir nicht aufhören, zu lernen und zu hinterfragen.

„Bis wir diese riesigen Löcher in der Geschichte stopfen können“, so Barnes, „wird sich das Narrativ niemals ändern.“

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